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Kommentar Macht euch vom Acker!

23.12.2003 ·  Von Anno Hecker

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Diese Geschichte ist wahr. Wie könnte man sie denn sonst erzählen? Es war also einmal in einer Gemeinde im Bergischen Land. Da feierten die Fußballspieler des ersten Vereins am Platze nach einem erfolgreichen Spiel ein prächtiges Gelage. Es wurde gesungen und getanzt. Auch getrunken. Offenbar so viel, daß am frühen Morgen aus dem schönen Spaß ein bitterer Ernst wurde. Bis heute weiß niemand, was wirklich passiert ist. Der Tag danach aber gilt als das Ende aller Gemeinsamkeiten für viele Jahre. Denn von diesem Sonntag an im Frühjahr der späten sechziger Jahre gab es zwei Fußballvereine in der Gemeinde. Einen oben auf dem Berg und einen im Tal: Nennen wir sie den FC Oberberg und den FC Niederberg, zwei Völkchen, bereit für einen Fußballkrieg.

Am Anfang standen die Beleidigungen. Und dieser ständige Verdacht, der andere werde bevorteilt bei der Vergabe von Zuschüssen für die Fußballklubs. Mit Argusaugen verfolgten die Vereinsvorsitzenden und ihre Entourage jede kleine Verschönerung der Spielstätten. Eigentlich waren es ja bessere Äcker mit Holztoren rechts wie links und je einer luxuriösen Baubude als Umkleidekabine. Heute würde man vielleicht Gartengeräte darin abstellen, aber doch nicht duschen. Jedenfalls fuhren die Honoratioren von Oberberg einmal in der Woche auf den Platz von Niederberg, um bei den Spielkameraden von einst nach dem Rechten zu schauen. Die Niederberger tauchten dann prompt als Zaungäste in Oberberg auf. Genauso wort- und grußlos. Das änderte sich erst an jenem unglückseligen Tag des Niederberger Triumphes. Ein 5:0 im letzten Saisonspiel bescherte ihnen den Aufstieg von der zweitniedrigsten in die drittniedrigste Spielklasse. Leider fand nun zusammen, was längst getrennt lebte: Niederberg und Oberberg zusammen in der A-Klasse.

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn dieses Loch nicht gewesen wäre. Wahrscheinlich war es eine Unachtsamkeit des Platzwartes. Der selige Bosbach hat jedoch bis zu seinem Tod Stein und Bein geschworen, das Tornetz sei völlig in Ordnung gewesen. Der Ball aber flog im ersten Lokalderby auf der Oberberger Höhe kurz vor Schluß ins Tor und hinten gleich wieder hinaus. Da mochten die Niederberger noch so jubeln. Der leider kurzsichtige Schiedsrichter entschied von der Mittellinie aus auf Abstoß. Das hätte er nicht tun sollen.

Nun muß man wissen, daß die Ober- und die Niederberger friedliche Leute sind. Von ihrem Land ist nachweislich noch kein Krieg ausgegangen. Aber Ungerechtigkeiten können sie nun mal nicht ausstehen. Das spürt man heute noch, wenn überlebende Spieler und Funktionäre von damals als Greise auf den Platz schlurfen und die guten alten Zeiten preisen: "Die wehren sich ja gar nicht. Wir haben wenigstens noch gekämpft." Und wie, wenn man den Zeitzeugen Glauben schenken darf. Denn nach dem ominösen Fehlurteil des Unparteiischen brach der erste Nieder/Oberberger Fußballfeldzug aus. Wochentags geführt aus dem Hinterhalt und bei Dunkelheit mit dem Ziel der Sabotage. Zerschnittene Netze, abgebrochene Schlüssel im Schloß der Umkleidekabinen, Wasser im Kreidewagen, ein angesägter Torpfosten. Sonntags traten die Parteien mit offenem Visier an: Es heißt, Kinder hätten Väter und Großväter jeweils in der Stunde vor der Fußballschlacht gefragt, warum sie bei strahlend blauem Himmel den Regenschirm zum Platz mitnehmen müßten.

Vor diesem Hintergrund ist es interessant zu erfahren, daß während des Spiels nie Blut floß. Niemand kann sich an eine gemeingefährliche Grätsche erinnern. Einige der Beteiligten schwören, die Platzwunde am Kopf des Niederberger Torwarts sei erst das Resultat einer Zuschauerattacke auf dem Weg in die Pause gewesen. Er hatte den Fehler begangen, einen Elfmeter zu halten, und im Überschwang des Erfolgs die kampflustige Schirmfraktion hinter seinem Kasten in der Ehre getroffen: "Schweinebacken."

Das war zuviel, das mit dem Blut. Obwohl es (bis heute) nicht in der Zeitung stand, setzte der Bürgermeister einen Krisengipfel durch: Gemeindevorstand, Pfarrer, Dorfarzt, damals noch die klassische Versammlung der Respektabilitäten beider Ortsteile. Der Bürgermeister beschwor die friedensstiftende Wirkung des Sports, die soziale Verantwortung, die Vorbildwirkung. Was er nicht ahnte: Der Pfarrer fühlte sich den Oberbergern zugeneigt. Sie wollten die Kapelle renovieren. Der aufgeklärte Doktor hielt den Geistlichen für die wahre Geißel der Gemeinde. Angeblich soll er die härtesten und gefürchtetsten Niederberger Verteidiger auf eigene Kosten gesundgespritzt haben vor jedem Derby, sagen die Oberberger. Die Worte verhallten, die Feindschaft blieb. Bis zu jenem Tag, als der Platzwart von Oberberg freudig zum Pflegedienst eilte und beim Anblick seiner schönen Anlage sprachlos erstarrte: Eine Furche neben der anderen von der rechten bis zur linken Torauslinie, exakt gepflügt wie bei den Weltmeisterschaften im Ackerbau. Und mittendrauf ein Schild: "Ihr Vollidioten." Wutentbrannt marschierte die alarmierte Oberberger Fußballfraktion, bewaffnet mit Spaten und Hacken, nach Niederberg, wild entschlossen, im Handumdrehen Rache zu nehmen. Allein die Arbeit war schon getan. Genauso präzise wie auf dem eigenen Platz, ein kleines Kunstwerk, gespickt mit der gleichen Botschaft. Es gab ein Heulen und Zähneknirschen. Aber die Saat des Unbekannten ist aufgegangen. Heute gibt es nur noch einen Fußballplatz, hübsch eingezäunt, von edler Gestaltung. Und die Vereine sind mangels Kampfgenossen wieder verschmolzen. Zu einer friedlichen Spielgemeinschaft.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2003, Nr. 299 / Seite 29
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