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Kommentar Logo, kaufen!

06.06.2007 ·  Die Jugend der Welt hält heute lieber eine Graffiti-Sprühdose in Händen als einen Diskus. Wohl deshalb folgt das olympische Logo für 2012 jener gebrochenen Typographie, die seit Jahrzehnten auf Häuserwänden und Brandmauern entwickelt wurde.

Von Johannes Leithäuser
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Die Jugend der Welt hält heute lieber eine Graffiti-Sprühdose in Händen als einen Diskus. Aus dieser Mutmaßung hat das Organisationskomitee für die Olympischen Spiele in London einen offiziellen Stempel gemacht: Das olympische Logo für 2012 folgt genau jener gebrochenen Typographie, die seit Jahrzehnten auf Häuserwänden und Brandmauern entwickelt wurde.

Vor 60 Jahren, zu den zweiten Londoner Spielen nach 1908, hatte das offizielle Symbol noch artig die olympischen Ringe mit einem Wahrzeichen (Big Ben) und einem klassischen Signet (antiker Diskuswerfer) verbunden. So etwas Langweiliges habe man nicht wiederholen wollen, beteuerte der Chef des Londoner Olympia-Komitees, der frühere Langstreckenläufer Lord Coe, bei der Präsentation des neuen Emblems vor 1000 geladenen Funktionären und Sponsoren. Es sei darum gegangen, etwas anderes zu finden als ein verbrauchtes Firmenetikett, gedruckt auf T-Shirts, „die wir in einem Jahr alle nur noch zur Gartenarbeit anziehen“.

600.000 Euro für zerbrochenes Hakenkreuz

In dieser Geringachtung des Gartenhandwerks steckt der Hinweis auf die wahre Ursache der Logo-Gestalt. Das eckige Gebilde ist ein Enzym, ein Konsumtrieb-Anreger, der aus einer Kaffeetasse, einer Fahne, einer Tasche einen olympischen Markenartikel macht, wobei bedruckte Textilien offenbar das weitaus umsatzstärkste Trägermaterial bilden. Die Zielsumme, die allein durch den Verkauf von solchen Fan-Artikeln für London 2012 erreicht werden soll, lautet eine Milliarde Euro.

Da aber die erwähnten saturierten Hobbygärtner ohnehin über zahlreiche Baumwoll-Leibchen verfügen, scheiden sie als Zielgruppe eher aus. Und während die olympischen Planer die Jugend der Welt als T-Shirt-Käufer fest im Blick halten, dürfen sich die Älteren, die nicht gemeint sind, im Internet, in Zeitungen, im Fernsehen mokieren und empören. Darüber, dass das neue Logo, dessen Entwurf nicht als Wettbewerb ausgeschrieben, sondern freihändig vergeben wurde, 600.000 Euro gekostet hat, dass es einer eingetretenen Fensterscheibe ähnelt oder einem zerbrochenen Hakenkreuz - eine in Großbritannien anhaltend gerne mit negativen Erscheinungen verbundene Assoziation.

„Hassenswert“ oder Zauberwerkzeug?

Der Londoner Olympia-Organisationschef behauptet zwar, der Entwurf sei eigens gewählt, um zu zeigen, dass 2012 „jedermanns Spiele“ werden sollten. Doch diese Beteuerung ist schon eine reflexhafte Notwendigkeit, weil die Begeisterung der gastgebenden Bevölkerung für das olympische Ereignis ständig sinkt.

Und während der Londoner Oberbürgermeister Livingstone angeblich an der Auswahl des Etiketts für die Spiele in seiner Stadt nicht mitwirken durfte und das Ergebnis - vorhersagbar - „hassenswert“ finden soll, hält es der ausscheidende Premierminister Blair für ein Zauberwerkzeug. Seine mit ungebrochenem Sendungsbewusstsein vorgetragene Botschaft lautete, alle, die das neue Zeichen sehen, sollen davon inspiriert sein und ihr Leben zum Besseren wenden. Sebastian Coe wird einwenden dürfen, betrachten allein genügt nicht; kaufen wäre besser.

Quelle: F.A.Z., 06.06.2007, Nr. 129 / Seite 31
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