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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kommentar Kreativität mit Grenzen

 ·  Mainzer Anhänger verwenden das RAF-Emblem für eine Protest-Fahne. Verein und DFB finden das geschmacklos. Doch eine offene Gesellschaft muss auch Fans das Recht auf Satire einräumen.

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Bis weit in die 90er Jahre reichte die Kreativität von Fans bei deutschen Länderspielen nicht weiter als bis zu zwei Anfeuerungsrufen. „Deutschland!“ war der harmlose. Für den zweiten galt das nicht: ein einleitendes „Sieg!“, dem viele ein via Fernsehlautsprecher bis in die Wohnzimmer vernehmbares „Heil!“ hinterherschickten. Allgemeine Empörung über diese gesetzlich verbotene Anleihe beim Vokabular der Nazis blieb damals aus.

Derzeit sorgen deutlich harmlosere Äußerungen für mehr Aufregung. In Hannover zeigten Ultras jüngst ein Porträt des Massenmörders Fritz Haarmann, der in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zum Tode verurteilt wurde. Haarmann ist in Hannover zu einer lokalen Kultfigur wie Al Capone in Chicago oder Jack the Ripper in London geworden. Die Fans wollen mit seinem Konterfei gegnerischen Anhängern Furcht einflößen.

In Mainz sorgte eine Fahne für Aufregung, die das - nicht verbotene - RAF-Emblem mit weißem Stern auf rotem Hintergrund sowie einer Maschinenpistole verwendet. Statt der Abkürzung der Terroristen der Roten Armee Fraktion sind die Buchstaben USM der Ultraszene Mainz auf den Stoff gemalt. Die Fahne gibt es seit 2004 und war ohne politische Motivation als satirischer Konter gedacht gegen die damals einsetzende Generalverurteilung der Ultras als Gewalttäter. Kürzlich wurden diese besonders treuen Anhänger in einer Fernsehdiskussion als „Taliban der Fans“ bezeichnet.

Deshalb holten sie das nie beanstandete und seit Jahren eingemottete Textil wieder aus dem Lager, um abermals mit Satire auf Populismus zu reagieren. Mainz 05 bezeichnete die Fahne ebenso als „Geschmacklosigkeit“ wie Hannover 96 kürzlich das Porträt Haarmanns. Der DFB leitete Vorermittlungen ein.

Es darf nicht verharmlost werden, dass sich Opfer von Gewalt der RAF und deren Hinterbliebene beleidigt fühlen könnten. Eine offene Gesellschaft, die sich Satire gestattet und als Kunstform versteht, muss aber auch mit bissigen Stellungnahmen aus Fankurven zurechtkommen, solange nicht Menschen direkt verunglimpft werden. Demagogische Parolen wie auf den kürzlich gezeigten Transparenten Rechtsradikaler im Dortmunder Fanblock gehören nicht in ein Stadion. Hier ist Wachsamkeit gefordert.

Im Umgang mit den Ultras ist Gelassenheit gefragt. Statt sportjuristischer Verfahren sollte der Weg des Dialogs gesucht werden. Das macht Mainz 05. Der Verein will seine Fans dafür sensibilisieren, welche Gefühle das RAF-Symbol wecken kann. Dabei sollte man es belassen.

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Jahrgang 1973, Sportredakteur.

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