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Kommentar Kahn im Schummerlicht

 ·  Rudi Völler und Franz Beckenbauer schlagen eine sportliche Generalamnestie für Oliver Kahn vor. Aber der Verursacher der Affäre muß sich eine Schadensbilanz vorhalten lassen, die sich nicht mehr rein persönlich regeln läßt.

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Seinen Job beherrscht er besser als jeder andere. Deshalb, noch dazu, weil er als Torwart ein spektakuläres Rollenfach des Fußballs besetzt, ist Oliver Kahn für viele Jugendliche zu einem Vorbild aufgestiegen. Auch die Zeitung, die ihn jetzt mit kompromittierenden Bildern seiner "Geliebten" und einer traurig anmutenden "Privatgeschichte" bloßstellt, hat Oliver Kahn lange als "Titan" einer Heldensaga verklärt. Ein unbeugsamer, nahezu unbezwingbarer Rückhalt des FC Bayern, der Nationalmannschaft, eigentlich aber Deutschlands: So wurde der Schlußmann idolisiert wie noch kein Torhüter zuvor. Deutschland, auf dessen Boulevard inzwischen jede Woche ein neuer "Superstar" gesucht (und nicht gefunden wird), schien sich mit dem außergewöhnlichen Ballfänger spätestens seit der Weltmeisterschaft in Korea und Japan innig angefreundet zu haben. Sogar dessen gelegentliche Aussetzer auf dem Platz wurden dem erfolgbesessenen 33 Jahre alten Badener anders als vor ein paar Jahren rasch verziehen. Oliver Kahn schien im Vergleich mit dem ähnlich angehimmelten glatten Perfektionisten Michael Schumacher der Gegenentwurf aus lauter Ecken und Kanten zu sein. Schwierig, aber in seiner Unerschütterlichkeit jederzeit vertrauenerweckend.

Über Nacht ist dieser Bonus weggeschmolzen, weil Kahn sich der Liebschaft mit einem Partymädchen hingab, während seine Frau hochschwanger ein Kind erwartet. Diese Geschichte wird inzwischen von "Bild" und verwandten Organen in allen verkaufsfördernden Variationen ausgeschlachtet und dazu mit Fotos unterlegt, deren Ästhetik großenteils unterhalb der nach unten sowieso fast schon offenen Richterskala einzuordnen ist.

Geschmack ist Glückssache. Das aber muß sich nicht nur "Bild" täglich nachsagen lassen, sondern nun auch Kahn. Nicht, weil er wie im übrigen schon andere Bayern, angefangen bei deren Präsident Franz Beckenbauer und Trainer Ottmar Hitzfeld, bei einer außerehelichen Affäre ertappt worden wäre, rückt Kahn in ein schummriges Licht. Es ist die Koinzidenz - Frau schwanger, Mann Fremdgänger -, die aus der vielleicht romantischen Vorstellung, Kahn könne ein leuchtendes Vorbild sein, eine nackte Illusion gemacht hat. Da leuchtet nichts mehr, da ist auch nichts mehr privat wie bei anderen Bürgern, die der Öffentlichkeit anders als Kahn nichts schulden. Der im Tor große Oliver Kahn ist Kapitän des FC Bayern wie der Nationalmannschaft. Bisher hat er nicht zu erkennen gegeben, ob er diese Ehrenämter unter den für ihn und seine Familie schwierigen Umständen behalten will. "Ihn wegen seiner privaten Turbulenzen in Frage zu stellen ist lächerlich", hat Teamchef Rudi Völler kategorisch erklärt, während der affärengestählte Bayern-Präsident Beckenbauer in der ihm eigenen lakonischen Art bemerkte: "Ach, da wird mal wieder eine Sau durchs Dorf getrieben, und in drei Tagen interessiert das keinen mehr." Hier könnten sich die beiden Fußball-Souveräne geirrt haben. Der Fall Kahn berührt mehr noch als die Sekundenerfahrungen des liebestollen Boris Becker den Nerv vieler Beobachter im Publikum - und das nicht nur, weil er voyeuristisch und sensationsgierig ausgebreitet wird. Auch der Verursacher der ganzen Geschichte muß sich eine Schadensbilanz vorhalten lassen, die sich nicht mehr rein persönlich regeln läßt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2003, Nr. 54 / Seite 31
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