Ein bißchen Deutschland hat es auch ins Finale der Fußball-Europameisterschaft geschafft: der "Außergriechische" Otto Rehhagel selbstverständlich, der urdeutsche Trainer-Exportschlager; Markus Merk, der pfälzische Vorzeige-Schiedsrichter; und Roteiro, der Ball aus fränkischem Hause, der alle Verkaufsrekorde bricht. Das mag immerhin ein kleiner Trost für diejenigen sein, die exakt 50 Jahre nach dem Wunder von Bern in Lissabon auf das Endspiel einer Europameisterschaft schauten, die ansonsten von deutschen Einflüssen befreit war.
Der Fußball des Jahres 2004 erinnert nur noch in seiner versprengten deutsch-griechischen Version an eine jahrzehntelange Vorherrschaft von Fußball-Handwerkern, die von den schönen Seiten des Spiels nie viel wissen wollten, sondern nur das Ergebnis zum alleinigen Maßstab ihrer Arbeit machten. Man muß kein Spielverderber sein, um zu behaupten, daß die Europameisterschaft, die in den vergangenen drei Wochen eine nie gekannte Begeisterung auszulösen vermochte, nur mit Fußball aus dem Otto-Katalog längst nicht so fasziniert hätte.
Schon in den Viertelfinals fanden sich, mit Ausnahme des sympathischen Außenseiters aus dem Mutterland Europas, nur noch Teams, die Fußball als ein Spiel der unbegrenzten Möglichkeiten verstanden. Schöner, schneller, besser - der leicht abgewandelte olympische Dreisatz wurde zu einer erneuerten Grundlage eines Spiels, das eben nicht nur Portugal zu dem größten Erfolg seiner Geschichte führte. Weil Tschechen und Holländer, Franzosen und Engländer, Dänen und Schweden allesamt nichts vom Sicherheitsfußball wissen wollten, sondern auf ihre je eigene Art spielerisch vorankommen wollten, erwiesen sie dem Sport einen großen Dienst - und bereiteten dem deutschen Fußball eine besonders schmerzliche Diskussion über die Ziele und Vorstellungen, die sie mit einem neuen Trainer, der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land und der Zeit danach verbinden.
Die Erfolgsgeschichte von Rehhagel sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß moderner Fußball erfreulich anders aussieht als in seiner griechischen Variante. Aber in Deutschland erscheint für dringend nötige frische Spielideen angesichts einer schwierigen Trainersuche die Zeit noch immer nicht reif. Bis zur WM sind es nur noch 23 Monate, und es wird dem Nachfolger Völlers, wie auch immer er heißen mag, kaum gelingen, die Defizite nach vielen verschenkten Jahren auszugleichen. Wie weit der Weg für Deutschland zurück an die Spitze ist, hat diese EM in aller Schönheit gezeigt.
Michael Horeni