In fünf Tagen jubelt der neue Fußball-Europameister. Sondersendungen im Fernsehen werden das entscheidende Tor zum Titel bis zum Abwinken wiederholen, von Autokorsos und spontanen Feiern auf den Straßen oder in Springbrunnen berichten und Politikern die Gelegenheit geben, etwas für ihre Popularitätsquote zu tun, indem sie den sportlichen Triumph mehr oder weniger sinnvoll kommentieren. Die Einschaltquoten werden riesig sein, die nackte Zuschauerzahl allerdings relativ gering. Portugal, die Niederlande, Tschechien und Griechenland gehören zu den kleinen Nationen in Europa, mit Einwohnerzahlen unter 17 Millionen. Die Größe ist eben nicht entscheidend, es zählt die Qualität.
Alle vier Halbfinalisten haben ihre Stärken, und im Fußball ist bekanntlich alles möglich: Dennoch spricht eine Menge für das Finale Portugal gegen Tschechien. Diese beiden Mannschaften werden nicht nur von ihrer fußballerischen Klasse getragen, sondern auch von ihrer mentalen Stärke. Die Portugiesen mußten die Auftaktniederlage gegen Griechenland verkraften, dann gegen Spanien anrennen, um den nötigen Sieg zu sichern, und anschließend 80 Minuten lang einem 0:1 gegen England hinterherlaufen. Wer diesem Druck als Gastgeber standgehalten hat, wird auch im Halbfinale nicht wanken. Ähnliches gilt für die Tschechen. Vor jedem ihrer drei Vorrundensiege waren sie in Rückstand geraten, den sie im Hurra-Stil aufholten. Im Viertelfinale zeigten sie, daß sie auch ganz kühl, jeden Fehler vermeidend, ans Ziel kommen können.
Die Griechen dagegen treten am kommenden Donnerstag gegen Tschechien mit der Gewißheit an, den größten Triumph ihrer Fußball-Historie schon sicher zu haben. Von ihnen verlangt niemand mehr etwas. Das muß nicht lähmend, kann sogar lockernd wirken. Aber aus der Vergangenheit ist eigentlich nur ein Fall bekannt, in dem ein krasser Außenseiter seinen Weg bis ins Finale ging - 1992 die Dänen bei der EM in Schweden. Damals besiegten sie im Endspiel Deutschland 2:0.
Die Niederlande besitzen sicherlich die spielerische Klasse, um gegen Portugal eine Chance zu haben. Ähnlich aber wie die Franzosen wirken die holländischen Stars nicht selten vergleichsweise satt. Es fällt jedenfalls schwer, daran zu glauben, daß die erfolgverwöhnten Stars einer negativen Spielsituation ähnlich inbrünstig begegnen werden, wie es Portugiesen und Tschechen zu tun pflegen.
"Stay hungry" heißt einer der Low-Budget-Filme, mit denen Arnold Schwarzenegger als unbekannter österreichischer Kraftmeier seine Hollywood-Karriere begann. Der Titel zitiert Schwarzeneggers Erfolgsrezept. Wohin es führte, wissen wir aus den politischen Nachrichten. Tschechien und Portugal haben diesen gesegneten Appetit, weil sie noch nie einen Welt- oder Europameistertitel gewonnen haben, weil es kleinere Länder sind, die einmal Fußball-Geschichte schreiben wollen und jetzt die vielleicht einmalige Gelegenheit dazu haben. In jedem Interview wird deutlich, daß die Profis dieser beiden Länder von ihrer nationalen Verpflichtung durchdrungen sind, daß sie ihre Egoismen weit hinter das Interesse der Mannschaft und der Nation stellen. Manchmal kann es von Vorteil sein, erst noch groß werden zu müssen.
Peter Hess