Man ist ja viel gewohnt als intensiver Beobachter des Leistungssports. Man hat miterlebt, wie viele olympische Helden innerhalb von drei Jahrzehnten immer muskulöser und dann wieder sehniger wurden, im Gleichschritt mit dem Siegeszug der Anabolika und dann des Blutdopingmittels Erythropoietin (Epo). Man wurde Zeuge, wie Frauen tiefe Stimmen und Oberlippenbärte entwickelten, wie sie mit langen Haaren und Fingernägeln überspielten, daß sie mit Männerkörpern zu ihren Wettkämpfen antraten.
Man hat gesehen, wie Schwimmer mit langem Kinn, mit riesigen Händen und Füßen den Verdacht nährten, sie seien durch Wachstumshormon schneller gemacht worden. Man hat sich kundig gemacht über Urin und Fremd-Urin, über den Testosteron-Epitestosteron-Quotienten, Designerdrogen aus den Vereinigten Staaten, Pillen, Pflaster, Spritzen und Sprays und hat gelernt, nichts für unmöglich zu halten im skrupellosen Spiel von Ärzten, Trainern und Athleten, für die der sportliche Ehrgeiz vor allem anderen kommt. Man hat mit angesehen, wie ehemalige Sportler viel zu jung gestorben sind, dann fielen blutjunge Profis tot von ihren Fahrrädern.
Die Hexenmeister des Sports
Gibt es noch etwas Schlimmeres? Gen-Doping! Dies, hoffte man, würde uns noch eine Weile erspart bleiben. Das jedenfalls betonten auch immer wieder die Spezialisten der Anti-Doping-Behörden, und man wollte ihnen gerne glauben. Währenddessen allerdings ging im Internet schon die Diskussion los über Repoxygen, und das, obwohl dieses britische Medikament, das eines Tages anämischen Patienten helfen soll, noch im Entwicklungsstadium ist. Außer im Mäuseversuch ist es offiziell noch nicht eingesetzt worden. Das Mittel, das in die Gensubstanz eingreift und den Körper dazu bringt, vermehrt rote Blutkörperchen zu bilden, existiert überhaupt erst zu Forschungszwecken - und schon fangen die Hexenmeister des Sports an, damit zu planen.
Nicht nur ein einziger, wie man bei einem oberflächlichen Google-Versuch im Internet leicht herausfinden kann. Daß das Mittel in Thomas Springsteins E-Mail-Verkehr mit seinen Beratern inmitten massiver anderer, hormoneller und blutverändernder Doping-Hämmer auftaucht, zeigt, wie hemmungslos offenbar das Denken der Leistungsfetischisten im Spitzensport ist - was sich daraus auf das Handeln rückschließen läßt, wird vor Gericht geklärt werden müssen.
Der Hase vor dem Igel
Ist also der Hase wieder vor dem Igel da, diesmal mit gentechnologischem Turbo angetrieben? So ahnungslos, wie sich die Experten bei einem Kongreß in Kopenhagen im Dezember gaben, waren sie in Wirklichkeit nicht. Das Anti-Doping-Labor in Chatenay-Malabry, zuletzt wegen des Armstrong-Falles in den Schlagzeilen, hat bereits Forschungen mit Affen unternommen, denen sie ein Repoxygen-ähnliches DNA-Konstrukt verabreichten, um zu untersuchen, ob man einen Test auf das Mittel entwickeln kann.
Das neue Kapitel in der Dopinggeschichte des Sports ist, unabhängig vom Prozeß um Springstein, längst aufgeschlagen. Wer also demnächst während der Olympischen Winterspiele in Turin gemütliche Fernsehnachmittage genießen will, muß den imaginären Gruselfilm, der parallel dazu abläuft, erst einmal ausblenden.