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Kommentar Es geht ums Ganze

06.07.2009 ·  In der Vergangenheit sind einige Doper davongekommen, weil die Fahnder fürchteten, vor Gericht zu scheitern. Im Fall Pechstein wagt der Verband einen überfälligen Politikwechsel.

Von Anno Hecker
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Man kann es sich leicht machen: Claudia Pechstein ist 37 Jahre alt. Sie hat den Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit schon überschritten. Sie kam nach einer Schwächephase plötzlich wieder mit Zeiten über die Runden, die Experten erstaunten. Denn im Winter näherte sie sich in Moskau ihrer goldwerten Leistung von 2002 (6:46 Minuten) bei den Winterspielen in Salt Lake City über 5000 Meter bis auf drei Sekunden. Und das ohne Antriebsmittel auf einer Bahn, die nicht zu den schnellsten gehört?

In Zeiten des Generalverdachtes ernten solche Sportler schon ohne belastende Daten skeptische Blicke. Dass nun der Internationale Eischnelllauf-Verband (ISU) einen erhöhten Blutwert präsentierte und kurzen Prozess machte, mag die Hoffnung genervter, immer wieder getäuschter Dopinggegner schüren: Da schöpft ein Verband endlich alle Mittel aus, lässt sich von cleveren Sportlern nicht an der Nase herumführen, packt zu, obwohl es weh tut. Endlich. Aber so eindeutig scheint der Fall Pechstein nicht zu sein.

In Pechsteins Fall gibt es keine positive Probe

Bei der Auseinandersetzung der Parteien vor dem Obersten Sportgericht, das Claudia Pechstein anrufen will, werden ihre Anwälte die Schwächen des Beweisverfahrens aufführen und versuchen, die Glaubwürdigkeit der Messtechnik über die Jahre zu untergraben. Etwa mit dem Hinweis, dass Blutwerte in Laboren gemessen wurden, die nicht von der Welt-Antidoping-Agentur akkreditiert sind. Es wird also kaum mehr um die Frage gehen, ob hinter den erhöhten Retikulozyten-Werten Blutdoping steckt. Zumal Claudia Pechstein das Angebot der Disziplinar-Kommission vor dem Urteil ablehnte, in einem angemessenen Zeitraum eine Anomalie als Ursache feststellen zu lassen. Das, hieß es aus ihrer juristischen Entourage, würde zu lange dauern. Claudia Pechstein will unbedingt bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver starten.

Ihre Chancen stehen nicht schlecht, weil die Kampfstrategie, so sieht es derzeit aus, der eigentlichen Frage nach Doping oder Krankheit als Ursache ausweicht. Statt dessen geht es um Pechsteins gutes und schützenswertes Recht, das Verfahren unter juristischen Aspekten in Frage zu stellen. Etwa die Forderung der ISU nach einem Unschuldsbeweis. Das ist üblich in Dopingfällen, falls im Körper eines Athleten eine verbotene Substanz gefunden worden ist. In Pechsteins Fall aber gibt es keine positive Probe. Muss sie also ihre Unschuld wirklich beweisen? Oder hätte die ISU ihre aussagestarken Indizien nicht noch weiter untermauern müssen?

In der Vergangenheit, das ist kein Geheimnis, sind einige Doper davongekommen, weil die Fahnder fürchteten, vor Gericht zu scheitern. Diesmal geht ein bislang eher zurückhaltender Verband aufs Ganze. Das ist eigentlich erfreulich, weil es der These widerspricht, der organisierte Sport gefalle sich in einer passiven Rolle. Es zeugt von einem längst überfälligen Politikwechsel. Trotzdem hat dieser Präzedenzfall eine entscheidende Schwäche. Er ist ein gewagter Versuch am lebenden Menschen.

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