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Kommentar Doping mit System

18.11.2004 ·  „Ein Athlet dopt selten allein“ - Meist steckt ein ganzes System von Sportlern, Ärzten, Betreuern dahinter, die in Betrugsabsicht handeln, siehe Olympia 2004. Ein Kommentar von Hans-Joachim Waldbröl.

Von Hans-Joachim Waldbröl
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Das Dopingsystem - ein Schlagwort, das in Deutschland eine automatische Abscheu, eine zwanghafte Assoziation auslöst: die Staatsmacht, ausgerechnet der gewählte oder selbsterwählte Wächter des Gemeinwohls, als oberster Manipulateur sportlicher Höchstleistungen. Aber auch nach dem politischen Ableben der DDR gab und gibt es systematisches Doping.

Denn in den seltensten Fällen dopt ein Athlet für sich allein. Und mit jedem weiteren Mitwirkenden wirkt schon ein System, kleiner oder größer, in eindeutiger Betrugsabsicht zusammen: der Athlet und der Arzt, der Trainer, der Betreuer, der Sportverband, ein ganzer Sportbund, ein komplettes Nationales Olympisches Komitee - und sogar der Staat, die höchste Autorität. Wie damals die DDR. Und, nicht zu verschweigen, einst Ost gegen West - und West gegen Ost.

Amerikanisches „Dopinglabor“ Balco

Hier wie dort hat dieses olympische Jahr unübersehbare Belege dafür geliefert, daß sich überall in der Welt kommerzielle Interessensinitiativen zusammentun, um die vereinbarte Fairness mit Füßen zu treten. Versteckte, aber irgendwann dann doch veröffentlichte Tritte - wie der aus dem amerikanischen „Dopinglabor“ Balco. Oder der des griechischen Trios, der Sprinter Kenteris und Thanou samt ihrem Trainer Tsekos. Oder die der entblößten Leichtathletik-Olympiasieger Fazekas und Annus.

Das eine, das betrügerische System, funktioniert so lange und so weit, wie das andere, das entlarvende System, fehlt - oder fehlerhaft arbeitet. An dieser Nahtstelle, wo das Wegsehen schon als Mitwirken verstanden werden muß, helfen die menschlichen Schwächen den sportlichen Betrügern. Beispiel Internationaler Leichtathletik-Verband (IAAF), siehe dessen Generalsekretär. Der Ungar im Amt, der dem Ungarn in Not beispringt; der über „menschenunwürdige“ Behandlung klagt und Protest anmeldet, weil die Dopingkontrolleure in Athen unbeirrt und stundenlang auf das Beweismittel warten, das sich der zu Recht Verdächtige mit allen Mitteln „verkneift“: Ist nicht Gyulai der Schelm, der angeblich nichts Böses denkt?

Flankenschutz im eigenen Verband

Der IAAF-Generalsekretär sitzt in der heiklen Schlüsselposition, weil auf seinem Tisch alle Informationen über tatsächliche und höchstwahrscheinliche Manipulationen landen. Er kann sie unter diesen Tisch fallen lassen oder aufs Tapet bringen. Letzteres, seine Pflicht zum Nachhaken und Aufklären, hat Gyulai, wie der dokumentierte Schriftverkehr und seine eigenen Aussagen beweisen, mit Sicherheit verletzt.

Die Betrüger im Sport konnten sich bis dato im Zweifelsfall auf den Flankenschutz der Schutzmächte im eigenen Verband, im eigenen Land verlassen. Sonst hätten sie es nicht bis zuletzt so dreist versucht, die nur allmählich aufmerksamer werdenden Kontrolleure hinters Licht zu führen. Das Internationale Olympische Komitee hat die IAAF noch in Athen aufgefordert, im Fall der notorischen griechischen Testflucht auch „Sanktionen gegen beteiligte Institutionen“ zu prüfen. Genau das hat nicht die IAAF getan, sondern die Athener Staatsanwaltschaft. Ihre Anklage gegen Kenteris und Co. beschämt den organisierten Sport, der seinem größten Übel immer noch nicht konsequent abhelfen kann oder will. Und sie ist Wasser auf die Mühlen derer, die nach der staatlichen Ordnungsmacht und einem Antidopinggesetz rufen. In Griechenland gibt es eines - ohne das es mit Kenteris nicht so weit gekommen wäre, wie es jetzt ist: vor Gericht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2004, Nr. 271 / Seite 35
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