27.07.2006 · Floyd Landis wollte den Leuten weismachen, er habe sich von seinem schweren Einbruch auf der 16. Tour-Etappe mit einem Bier erholt. Jetzt kam mit der A-Probe raus: es war Testosteron. Die Unschuldsvermutung ist wohl kaum noch angemessen. Ein Kommentar von Evi Simeoni.
Von Evi SimeoniAmerika hat mit dem deutschen Reinheitsgebot nicht viel am Cowboyhut, das wissen wir schon lange. Was aber gewisse Amerikaner wirklich meinen, wenn sie Bier sagen, können wir erst seit Donnerstag ermessen. Floyd Landis, bis zu seiner positiven Doping-Probe der aktuelle Tour-Held, wollte den Leuten erst vor wenigen Tagen so halb im Scherz weismachen, er habe sich von seinem schweren Einbruch auf der 16. Etappe der Frankreich-Rundfahrt mit Hilfe einer schäumenden Hopfen-und-Malz-Kaltschale in der Farbe des Gelben Trikots erholt.
Nun aber zeigt zumindest seine A-Probe vom folgenden Tag, was er wohl wirklich drin hatte: Testosteron, ganz ordinär. Wahrscheinlich fein dosiert, in der Annahme, das Testlabor würde wieder einmal eine kostspielige Analyse vornehmen, aber nichts finden. Man kann sich zu diesem Zweck Testosteron-Pflaster auf die Haut kleben, die nur eine minimale, aber trotzdem wirksame Hormonmenge abgeben. Oder steckt da noch mehr dahinter? Nebenbei erfahren nun die notorischen Verharmloser, die immer noch glauben, es gäbe Leute, die sich ohne Dopingmittel bei der Tour von einer niederschmetternden Schwäche so einfach erholen können, wie heftig die Wirkung einer solchen Ladung ist: Landis sauste tags darauf wie im Jungbrunnen gebadet die alpinen Rampen hinauf. Im Ziel reckte der triumphierend die Faust in die Luft. Ja! Es hat gewirkt!
Eine einzigartige Pointe der Tour
Doch diesmal hat es ganz offensichtlich nicht geklappt mit dem Hereinlegen der Doping-Tester. Ausgerechnet das Labor in Chatenay-Malabry bei Paris, das von Landis' ehemaligem Kapitän Lance Armstrong und dem Internationalen Radsport-Verband in jüngster Zeit wegen einer undichten Stelle heftig geschmäht wurde, hat nun höchstwahrscheinlich als erstes einen gedopten Tour-Sieger zur Strecke gebracht. Die Analyse der Gegenprobe steht zwar noch aus, und es gibt noch eine minimale Möglichkeit, daß Landis davonkommt. Doch keiner, der seine körperliche Auferstehung in den Alpen beobachtet hat, will noch ernsthaft die Unschuldsvermutung ins Feld führen.
Sieger Landis positiv - das ist schon eine einzigartige Pointe einer Frankreich-Rundfahrt, die auch vorher schon als Doping-Tour in die Geschichte eingegangen wäre. Nach dem Ausschluß der in den spanischen Blutdoping-Skandal verwickelten Profis wie Jan Ullrich und Ivan Basso wurde von interessierten Gruppen, von Teams, Veranstaltern und auch Teilen der Medien so getan, als wäre die Tour nun nach einer höchst begrüßenswerten Säuberungsaktion zu neuer Reinheit gelangt, als wären nur die Anständigen im Feld übriggeblieben und führten den Radsport zu einem neuen moralischen Anspruch. Und das, obwohl nur allzu bekannt ist, daß Madrid nicht die einzige hochspezialisierte Service-Einrichtung für Doper beherbergt.
Alle sind völlig überrascht
Nun ist das Maß voll: Den müden Skeptikern bleibt nur noch die Flucht in gelangweilte Ironie: Natürlich, klar, das Profi-Team Phonak, als dessen Kapitän Landis die Tour bestritt, ist völlig überrascht von dem positiven Test. Und der Fahrer selbstverständlich auch, er hat keine Ahnung, wie das Zeug in seinen Urin kam. Von Wahrhaftigkeit halten Doping-Sünder nicht viel. Anders aber kommt der Profi-Radsport nun nicht mehr weiter.