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Kommentar Der Skandal

27.01.2005 ·  Der letzte Zweifel ist beseitigt. Robert Hoyzer hat zugegeben, daß er als Schiedsrichter Fußballspiele manipuliert hat, auf deren vorbestimmten Ausgang Komplizen entsprechende Wetten abgeschlossen haben.

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Der letzte Zweifel ist beseitigt. Robert Hoyzer hat zugegeben, daß er als Schiedsrichter Fußballspiele manipuliert hat, auf deren vorbestimmten Ausgang Komplizen entsprechende Wetten abgeschlossen haben. Für seine Unterstützung hat Hoyzer fünfstellige Summen erhalten. Mit diesem überraschenden Geständnis von Schiedsrichter Hoyzer hat den deutschen Fußball nach 1971 der zweite Bundesliga-Skandal ereilt.

Die letzte, wenn auch nur noch vage Hoffnung, daß im Profifußball vielleicht doch alles mit rechten Dingen zugehen könnte, hatte noch vor zwei Tagen Franz Beckenbauer beschworen. Die größte Figur, die der Lieblingssport der Deutschen hervorgebracht hat, wußte nur zu genau, was eine Bestätigung des Betrugsvorwurfs bedeuten würde: Der Fußballbranche bricht mit dem Fall Hoyzer das Fundament weg. Der Geist des Fußballs und das Geschäft mit ihm, die hierzulande niemand besser als Beckenbauer verkörpert, sind nun schwer beschädigt. Den Romantikern ist die Seele des Spiels geraubt worden, den Profis die Geschäftsgrundlage.

Der Fußball lebt nicht zuletzt von dem Glauben, ein in sich geschlossenes System zu sein, das besser ist als die Welt, die es umgibt. Für die Zuschauer gehört das Vertrauen darauf, daß die Ergebnisse vom sportlichen Schicksal bestimmt werden und nicht von krimineller Energie, zur unbedingten Voraussetzung, um eine Leidenschaft für echte Sieger und Verlierer auszuleben, die es im komplizierten Alltag in dieser Verdichtung längst nicht mehr gibt. Von dieser idealistischen Sicht des Sports lebt aber auch ein riesiger Markt, den Sponsoren und Fernsehanstalten mit vielen Milliarden immer weiter befeuern. Der Fußball ist jedoch auch für die großen Investoren wertlos, wenn Schiedsrichter und Betrüger in Wettbüros den Ausgang bestimmen. Mit dem Geständnis eines 25 Jahre alten Schiedsrichters, Spiele in fremdem, womöglich mafiosem Auftrag manipuliert zu haben, ist in Deutschland allerdings auch nur ein Stück Sportkriminalität eingezogen, das in Europa und Asien schon wohlbekannt ist. Normalität also, um es nicht einmal zynisch zu sagen.

In anderen Ländern haben sich die vom organisierten Wettbetrug betroffenen Sportarten von der Schockerfahrung mitunter auch nach Jahren noch nicht erholt. Auch der Bundesligaskandal vor einem Vierteljahrhundert, als Profis und Funktionäre Spiele verschoben, hat zu einem dramatischen Vertrauens- und Ansehensverlust über längere Zeit geführt. Der aktuelle Schaden für den deutschen Fußball ist siebzehn Monate vor der Weltmeisterschaft durch den Betrugsfall Hoyzer erheblich. Sein Ausmaß ist, trotz des Geständnisses, noch nicht abzuschätzen.

Das wird erst nach den Aussagen des sich nun als Kronzeuge andienenden Hoyzer gegenüber den Ermittlern von Staat und Verband möglich sein. Es spricht nach den ersten vagen Hinweisen Hoyzers auf "viele andere Leute" sowie der allgemeinen Erfahrung bei Wettbetrug viel dafür, daß der Berliner Schiedsrichter kein "bedauerlicher Einzelfall" bleiben wird, zu dem ihn der Deutsche Fußball-Bund am liebsten machen würde. Ein zweiter Berliner Schiedsrichter war am Vortag des Geständnisses in Verdacht geraten, die Staatsanwaltschaft dehnte ihre Untersuchungen schon am ersten Tag auch auf Fußballspieler aus. Hoyzer will, nachdem er dem Druck nicht mehr standgehalten und sich offenbart hat, angeblich alles dazu beitragen, sämtliche Facetten aufzuklären. Er spricht von immensen Dimensionen.

Rein sportlich besehen, gehören die Schiedsrichter in der Fußball-Bundesliga einem in sich geschlossenen System an. Es herrscht ein ausgeprägter Korpsgeist, weil sich die Unparteiischen von allen Seiten angegriffen fühlen: von Spielern, Trainern, Zuschauern und Medien. Ohnehin würde es niemanden mehr überraschen, wenn außer Hoyzer tatsächlich auch noch andere Schiedsrichter in den Skandal verstrickt sein sollten.

Der GAU für den deutschen Fußball allerdings wäre damit noch nicht erreicht. Er träte dann ein, wenn auch Spieler zum Betrügernetz gehörten. Erste Gerüchte kursieren schon, was angesichts der Erfahrungen zum Beispiel in Italien ebenfalls nicht überrascht. Dort war ein halbes Dutzend Spieler in Schiebereien verwickelt. Der größte deutsche Fußballskandal seit 1971 ist an diesem Donnerstag durch Robert Hoyzers Geständnis publik geworden - seine ganze Dimension jedoch noch längst nicht.

Michael Horeni

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2005, Nr. 23 / Seite 32
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