27.06.2005 · Oft heißt es über das verzagte Deutschland, daß die Stimmung schlechter als die Lage sei. Im Fußball dagegen hatte das Volk beim Confed Cup immer ein sicheres Gespür zwischen hohem WM-Anspruch und rauher Wirklichkeit.
Von Michael HoreniEine Stunde nach Spielschluß mußte sich auch noch der deutsche Mannschaftsbus durchkämpfen. Die Zuschauer versperrten dem mit den deutschen Lieblingen beladenen koreanischen Gefährt den Weg, aber wenigstens diese Blockade beim Confederations Cup kam dem Bundestrainer und seinem Team gerade recht. Denn die deutschen Zuschauer jubelten den Verlierern des Tages auf dem Weg aus dem Stadion nach Kräften zu, und als der Bus das Tor passiert hatte, standen fahnenschwingende, kreischende und singende Fans Spalier für eine Mannschaft, die doch gerade das Finale verpaßt hatte und die schwarze Serie gegen große Fußball-Nationen sogar noch um ein weiteres Stückchen verlängert hatte.
Daß die Deutschen enttäuscht, aber nicht untröstlich sein mußten, nachdem sie ihr großes Ziel beim Confederations Cup verpaßt hatten, ahnten sie auch schon wenige Minuten nach dem Abpfiff. Die Brasilianer hatten die Bühne geräumt, und auf dem Rasen waren die geschlagenen Deutschen zurückgeblieben. Als sie sich mit ihren verflogenen Träumen alleine ihrem Publikum gegenübersahen, brandete Applaus wie in einem englischen Stadion auf.
Richtung und Perspektive stimmen
Oft heißt es über das verzagte Deutschland, daß die Stimmung schlechter als die Lage sei. Im Fußball dagegen hatte das Volk bei diesem Turnier immer ein sicheres Gespür zwischen hohem WM-Anspruch und rauher Wirklichkeit. Dabei ist es gar nicht so einfach, die richtige Perspektive zu finden für eine Mannschaft, deren Fortschritte sich angesichts des Erbes der Europameisterschaft bei jedem Länderspiel nachweisen lassen, der aber andererseits in jeder Partie auch noch Defizite vorzuhalten sind wegen ihres höchsten Ziels, im kommenden Jahr die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Das verständige Publikum nahm dankbar die offensive Erneuerung unter Bundestrainer Klinsmann auf und sah trotzdem noch die Lücke, die bei dieser in entscheidenden Momenten noch zu unerfahrenen Mannschaft bis zur absoluten Weltspitze der besten vier, fünf Mannschaften klafft. Kapitän Michael Ballack hat mit realistischem Blick gefordert, daß gerade die jungen Spieler, mit denen sich Aufschwung und Frische verbinden, noch an sich arbeiten müssen, um die dunkle Bilanz gegen die Besten der Welt endlich auch vom Ergebnis her aufzuhellen.
Da die Richtung und die Perspektive stimmen, hat die deutsche Mannschaft zwar nicht, wie erhofft, das Turnier gewonnen, aber die Fans dennoch fest hinter sich versammelt. Den verheerenden Eindruck des Vorjahres nach manchen Niederlagen, den Anschluß an die Topnationen verloren zu haben, konnte Klinsmanns frisch belebte Auswahl trotz eines 2:3 gegen Brasilien und eines 2:2 gegen Argentinien beim Confederations Cup nachhaltig verwischen. Die Identifikation der Deutschen mit ihrer Nationalelf, die vor einem Jahr bei der Europameisterschaft mit dem Breitwandfußball erloschen schien, wurde bei diesem Turnier neu gestiftet. Dies ist ein in der Niederlage nicht zu unterschätzender Gewinn.