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Kommentar Der altersmilde John McEnroe

03.07.2003 ·  Die Geschichte, die da in Wimbledon die Runde macht, ist viel zu schön, um verschwiegen zu werden. Sie handelt von John McEnroe, der vor mehr als zwanzig Jahren das war, was man einen Kotzbrocken nennt - er hat sich mit den Gegnern, ...

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Die Geschichte, die da in Wimbledon die Runde macht, ist viel zu schön, um verschwiegen zu werden. Sie handelt von John McEnroe, der vor mehr als zwanzig Jahren das war, was man einen Kotzbrocken nennt - er hat sich mit den Gegnern, den Linienrichtern, den Schiedsrichtern, ja selbst mit den höchsten Autoritäten des All England Clubs angelegt - er hat sie "pits of the world" genannt und sich damit Eingang in das Oxford-Wörterbuch verschafft, denn bis zum heutigen Tag weiß niemand, was die "pits of the world" sind. Soviel zur Erklärung des John McEnroe in seiner Sturm- und Drangzeit.

Heute präsentiert er sich als netter und charmanter Mittvierziger mit grauen Schläfen, den die BBC zu den beliebten Kommentatoren zählt, er findet nette Worte für die Spieler und die Offiziellen - dieser Tage saß er da und sprach über das Damentennis, was er in seinen früheren Jahren noch nicht einmal zur Kenntnis nahm.

Die Geschichte, von der da im Moment die Rede ist, handelt auch von einem Manne namens Raghbir Mhajan, der aus Kenia stammt und indische Vorfahren aus der Singh-Kaste hat, wie an seinem Turban unschwer zu erkennen ist. Dieser Mann, der bei London einen kleinen Tennisclub betreibt, war vor mehr als zwanzig Jahren in Wimbledon als Linienrichter tätig und geriet an John McEnroe, den damals Schrecklichen. Es spricht für das Gedächtnis von McEnroe, daß er sich an den Linienrichter von damals erinnerte: Er fragte und erhielt zur Antwort, daß Raghbir Mhajan das Linienrichteramt aus Altersgründen aufgegeben habe - McEnroe darauf: "Das hättest du besser schon vor zwanzig Jahren getan!"

Natürlich wäre die Geschichte keine gute Geschichte, wenn sie nicht eine harmonische Pointe hätte. Es wird berichtet, daß McEnroe dem Turbanträger die Hand reichte und sagte: "Du hast damals einen guten Job gemacht. Du hast dich von mir nicht einschüchtern lassen, sondern bist ganz ruhig bei deiner Meinung geblieben - selbst wenn ich glaube, daß du dich geirrt hast, damals!" Nein, sie lagen sich nicht gerade in den Armen, der ehemalige Spieler und der ehemalige Linienrichter, aber sie schieden friedvoll voneinander - nach zwei Jahrzehnten erwachsen geworden.

Ulrich Kaiser

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.07.2003, Nr. 152 / Seite 34
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