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Kommentar Bewegungsmensch Köhler

01.06.2010 ·  Horst Köhler ist gegangen und somit ein Mann des Sports. Teamgeist, Respekt, Engagement und Fairness sind für ihn Begriffe, die er nun vielleicht verletzt sah.

Von Michael Reinsch
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Aufstehen, Mund abwischen, weitermachen - mit den Tugenden des Sports war es diesmal nicht getan. Mag sein, dass der erste Mann des Staates sich in seinem Interview über den Einsatz der Bundeswehr rhetorisch verdribbelt hat. Dafür hat er auch mehr abgekriegt als der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei seinem Aufeinandertreffen mit Kevin-Prince Boateng im englischen Pokalfinale. Tief verletzt ist Horst Köhler gegangen. Wie sehr ihn die Angriffe persönlich schmerzten, war ihm am Montag anzusehen. Doch er ging, weil er das Ansehen seines Amtes beschädigt sah, das des Kapitäns im Team Deutschland.

Köhler hat sowohl die Einsamkeit des Langläufers als auch die des ersten Mannes im Staate schmerzlich erfahren, schließlich ist er Mannschaftsspieler. Als Junge mit der Familie aus dem heutigen Moldau über Polen in ein schwäbisches Auffanglager geflohen, erlebte er beim Judo zum ersten Mal Sport im Verein. Seine Mutter hoffte, dass er dabei seine Wildheit zu kanalisieren lerne. Für ihn wurde der Wettkampf nach Regeln zur Metapher einer funktionierenden Gesellschaft.

Beim Fußball und bei der Leichtathletik, im Schwimmen und im Skifahren: Immer verband Köhler körperliche Belastung mit Befreiung. Beim steilen Aufstieg an die Spitze des Internationalen Währungsfonds nahm er buchstäblich die Treppe statt den Lift. Als seine Tochter erblindete, wechselte er seine Arbeit und lernte reiten, um gemeinsam mit ihr in Bewegung sein zu können. Köhler einen Freund des Sports zu nennen, greift zu kurz. Er ist durch und durch Sportler, „ein Bewegungsmensch“, wie er sich im Gespräch mit dieser Zeitung beschrieb.

Teamgeist, Respekt, Engagement und Fairness

Vom Sport erhalte die Gesellschaft, sagte er, was sie dringend brauche: Teamgeist, Respekt, Engagement und Fairness. Insofern sind Spitzensportler für Köhler selbstverständliche Repräsentanten des Landes; ausgezeichnet mit dem Nationaltrikot, doch so normal, wie er es als Vertreter Deutschlands ebenfalls sein wollte. Auch deshalb hat er, mal demonstrativ, mal diskret, den Sport gerade derjenigen unterstützt, die sich auf dem Spielfeld des Lebens nicht hopplahopp durchsetzen können.

So leidenschaftlich Köhler als Präsident Fan sein konnte, so beharrlich kämpfte er dafür, dass sich Behinderte wie alle anderen sportlichen Herausforderungen stellen, Wettkämpfe bestreiten, mit aller Kraft und im vollen Lauf Respekt erwerben können - und ohne dabei jedes Wort wägen zu müssen. Welche Ironie, dass er nun gegangen ist, weil ihm ausgerechnet der Respekt vor seinem Amt verloren schien.

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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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