Home
http://www.faz.net/-gtl-nx2p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Karriereende Dieter Baumann verliert den „roten Faden“

08.09.2003 ·  Dieter Baumann hat überraschend seinen Rücktritt vom Leistungssport erklärt. Die Entscheidung sei lange gereift, den Ausschlag gab die Weltmeisterschaft in Paris, sagte der 38jährige.

Artikel Bilder (11) Lesermeinungen (0)

Zwei Wochen nach seinem Debakel bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Paris hat Olympiasieger Dieter Baumann überraschend seinen Rücktritt vom Leistungssport erklärt.

Damit verliert der deutsche Sport einen seiner profiliertesten, aber auch umstrittensten Protagonisten. „Ich habe den roten Faden verloren“, sagte der 38jährige am Montag in Tübingen. Beim Stadtlauf am Sonntag in seinem Wohnort will er ein letztes Mal an den Start gehen. Seine geplante Teilnahme beim New-York-Marathon am 2. November hat er abgesagt.

Weltmeisterschaft gab den Ausschlag

Für die Ankündigung des Karriereendes wählte „Medienprofi“ Baumann ausnahmsweise nicht die große Bühne, sondern eine Pressekonferenz zum Tübinger Stadtlauf im kleinen Rahmen. Nach seiner Aufgabe beim 10.000-m-Lauf in Paris hatte der Schwabe, präsentiert von seinem Ausrüster, in einem Kinosaal Rede und Antwort gestanden.

Die Entscheidung, so Baumann, sei lange gereift, nicht von seiner Frau oder seinem Umfeld beeinflußt worden und endgültig in der vergangenen Woche gefallen. Ausschlaggebend sei die WM gewesen: „Das war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen gebracht hat.“ Zwar ist der Goldmedaillengewinner von Barcelona über 5.000 m auf nationaler Ebene immer noch eine Klasse für sich und glänzte auch mit Silber bei der EM im vergangenen Jahr in München, doch international hat er gegen die Ausdauerasse aus Afrika schon lange keine Chance mehr. „Wenn ich an der Linie stehe, will ich immer noch gewinnen“, sagte er. „Aber da kann ich nicht mit meinem Alter argumentieren.“

„Zahnpasta-Affäre“ und Olympiasieg

Die Karriere des Dieter Baumann wird immer mit der „Zahnpasta- Affäre“ verbunden bleiben. Im November 1999 sorgte die Nachricht von seinem positiven Dopingtest für großen Wirbel. Trotz eines unvergleichlichen Marathons durch die Sport- und Zivilgerichte konnte der Langstreckenläufer nicht bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 antreten und wurde dort rückwirkend für zwei Jahre bis zum 21. Januar 2002 gesperrt. Bis heute hat der Europameister von 1998 den Täter, der seine Zahnpasta mit Nandrolon manipuliert haben soll, nicht präsentieren können.

Sportlich kam Baumann nach dieser turbulenten Zeit wieder auf die Beine, scheiterte aber zunächst bei seinem Marathon-Debüt in Hamburg. Bei der EM vor heimischem Publikum belegte er noch einmal den zweiten Platz über 10.000 m und zeigte auch in diesem Jahr als überlegener deutscher Meister über 5.000 m seine Dominanz. Sein Traum von der vierten Olympia-Teilnahme erschien deshalb noch realistisch.

„Mir ist um meine Zukunft nicht bange“

Baumann hat nicht nur als Kritiker von Funktionären regelmäßig für Schlagzeilen gesorgt, sondern auch seine Erfolge gut vermarktet - unter anderem mit den Büchern „Ich laufe keinem hinterher“ und „Lebenslauf“. Seine juristischen Gefechte haben ihn jedoch viel Geld gekostet. Wie seine berufliche Zukunft aussieht, sagte der deutsche Rekordhalter, „weiß ich nicht genau“.

Zusammen mit seinem Sponsor Asics, der ihm auch während der Dopingsperre die Treue gehalten hat, arbeite er an einem Laufbuch. „Mir ist um meine Zukunft nicht bange“, hatte Baumann nach seinem WM-Aus gewohnt selbstbewußt gesagt. „Ich bin ehrgeizig auf vielen Gebieten und kann mich auch in Themen einarbeiten.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ein Renner

Von Michael Wittershagen, Monte Carlo

Mit 43 Jahren beschleunigt Michael Schumacher noch einmal - sich und andere. Doch die Maschine zeigt ihm immer wieder Grenzen auf. Die Führung des Teams steht nun in der Verantwortung. Mehr