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Kahns China-Show Der das Drachentor sauberhält

03.07.2009 ·  Oliver Kahns chinesische Torwartcasting-Show hatte bereits vor zwei Wochen beginnen sollen, doch wurde sie kurzfristig zurückgezogen. Gestern begann sie dann unspektakulär. Kahns Auftritt war wenig länger als Michael Schumachers chinesische Sprudel-Werbung.

Von Mark Siemons
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Oliver Kahns erster Auftritt im chinesischen Fernsehen war kurz, aber kräftig. Er trat mit schnellem Schritt aus einem diffusen, sich erst allmählich lichtenden Urnebel heraus, so als käme er nicht aus Deutschland oder „dem Westen“, sondern aus einer anderen galaktischen Zone, um zu uns Menschen zu sprechen. Was er dann, gut frisiert und in einem tödlich schicken schwarzen Anzug, den Torwartaspiranten sagte - klar und männlich und mit chinesischen Untertiteln -, entsprach den hohen Erwartungen, die man in China ihm gegenüber hat: „Ihr seid einen weiten Weg gegangen…“

Tatsächlich hatten sich die zehn jungen Chinesen, zwei Frauen und acht Männer, schon gegen zehn Konkurrenten durchgesetzt und durften daher von Kahn persönlich ein Paar Torwarthandschuhe empfangen, begleitet von Initiationsformeln wie „Good Luck“ oder „Viel Spaß! Gib Gas!“ Die Kandidaten waren sichtlich bewegt von der Begegnug. „Ich hätte ihn am liebsten umarmt“, sagt einer: „Aber ich habe etwas Angst vor Kahn. Er ist so stark.“ Der Meister seinerseits legte Nachdruck in jedes einzelne Wort, als er dann mit der Hauptbotschaft herausrückte: „Bei allem Schweren, das jetzt auf euch zukommt, möchte ich, dass ihr vor allem eines beherzigt: Never, never give up!“

Rückzug aus Zensurzwecken

Da war es schon kurz vor Mitternacht. Auch das Fernsehpublikum hatte einen weiten Weg gehen müssen, bevor es diese entscheidenden Sätze hören konnte. Erst um 22.50 Uhr hatte die Castingshow „Kahn - Das Treffen am Drachentor“ bei „Helongjiang TV“ im äußersten Norden Chinas begonnen, und erst in den letzten Minuten der Sendung trat der Meister endlich in persona auf. Zuvor hatten eine Reihe retardierender Maßnahmen den Spannungsbogen so sehr gedehnt, dass er schon schlaff in sich zusammenzusinken drohte.

Die Reihe hatte bereits vor zwei Wochen beginnen sollen, doch in letzter Minute wurde sie, offenbar zu Prüf- und Zensurzwecken, zurückgezogen. Weshalb, war auch jetzt nicht ganz ersichtlich, denn ein die Massen mobilisierendes Ereignis wie der Super-Girl-Wettbewerb vor vier Jahren kann die Kahn-Show schon deshalb nicht werden, weil es sich bei ihr bloß um eine Aufzeichnung handelt. Und es gab noch nicht einmal Vorankündigungen im Netz, als die Sendung dann schließlich am späten Abend und nach einigen Werbeclips für Kalziumtabletten und Durchfallmittel anfing.

Schumacher wirbt für Sprudel

Die Kandidaten gaben eingangs zu Protokoll, ein wie großes Vorbild Kahn für sie sei: „Wenn ich nach Deutschland reisen und mit ihm trainieren könnte (das ist der Preis, der dem Gewinner winkt), würde ich gar keine Worte finden, um meine Stimmung zu beschreiben“, sagte einer. Doch dann war von Kahn erst mal lange nichts zu sehen. Dafür um so mehr von einer muskulösen Körperkrafttrainerin, die das Kommando übernahm. Drei Spielerinnen der chinesischen Frauen-Nationalmannschaft testeten die Kandidaten bei einem Elfmeterschießen. Leider waren die Schnitte zwischen Kommentaren, Porträts und den in Zeitlupe und unter munterem Gitarrenrock gezeigten Paraden so schnell, dass sich am Fernseher eine Wettkampfsituation nicht so recht einstellte.

Die nächste Runde betraf die psychologische Verarbeitung. In einem dunklen Raum hatten jeder der angehenden Torhüter einer Runde von drei Experten zu sagen, wie er eine Folge von Zeichnungen interpretierte, und dann wurde ihm mitgeteilt, ob er ein eher optimistischer oder pessimistischer Mensch sei. Das ganze zog sich und wurde in regelmäßigen Abständen nur durch den überraschend auftauchenden Michael Schumacher aufgelockert, der für eine deutsche Mineralwasserfirma Werbung machte.

Zwischen Kleinkindfoto und Mao-Briefmarke

Als man schon nicht mehr damit rechnete, kam Kahn dann doch noch. Am Ende wechselte er, wegen der höheren Einprägsamkeit vermutlich, sogar ins Englische: „We should have a vision of our future“, sagte er und zeigte ein Kleinkindfoto von sich mit Ball; damals habe er schon der beste Torhüter der Welt werden wollen. „Go for your vision“, heißt die Parole, und dann erklingt unvermittelt die klassische revolutionäre Hymne „Der Osten ist rot“. Doch das gehört schon zur nächsten Sendung, die zum sechzigsten Geburtstag der Volksrepublik ein neues Briefmarkenset mit Motiven des Vorsitzenden Mao Tse-tung ankündigt.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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