Home
http://www.faz.net/-gtl-siji
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kahn oder Lehmann? Psychoterror und die Bayern-Seele

06.04.2006 ·  Die Führungsriege des FC Bayern München steht geschlossen hinter Oliver Kahn und fordert in der T-Frage eine rasche Entscheidung von Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Dieser solle jetzt endlich sagen: „Der ist es - und basta!“

Von Michael Horeni
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (0)

65 Tage vor der Weltmeisterschaft hat nun also auch der Psychoterror den deutschen Fußball erreicht. Das behauptet zumindest Bayern-Manager Uli Hoeneß, wenn er auf seinen Angestellten Oliver Kahn blickt, der vom Bundestrainer die erlösende Botschaft - wer im Sommer das Vergnügen haben wird, hinter dem jugendbewegten Viererkettchen für Ruhe und Ordnung zu sorgen - einfach nicht zu hören bekommt.

„Ich finde es nicht in Ordnung, wie mit einer Persönlichkeit wie Oliver Kahn umgegangen wird. Das ist Psychoterror. Absoluter Psychoterror“, schimpfte Hoeneß in der Zeitschrift „Sport-Bild“ - und Vorstandschef Rummenigge assistierte in der Mutter aller Boulevardblätter knurrig in Richtung Klinsmann: „Er soll jetzt endlich die Hosen runter lassen und sagen: Der ist es - und basta!“

Nun dachte man eigentlich, daß die Deutschen der Basta-Politik überdrüssig seien und die K-Frage auch entsprechend beantwortet hätten, aber man lernt ja im Land der Ideen immer gern dazu. Hilfreich ist in der T-Frage daher auch ein Blick ins Lexikon, und zwar auf den Buchstaben P wie Psychoterror.

Furor aus dem Süden

Da heißt es: „Bezeichnung für eine Strategie, mit deren Hilfe man versucht, den Gegner zu verunsichern, zu bedrohen oder einzuschüchtern, so daß dieser hilflos und handlungsunfähig wird. Durch den Psychoterror sollen beim Gegner fremde Interessen durchgesetzt werden, die dieser dann widerstandslos geschehen läßt.“ Sicher wird niemand unterstellen, daß Oliver Kahn im Torwartduell schon hilflos und handlungsunfähig wäre - so jedenfalls will Hoeneß ganz bestimmt nicht verstanden und beim Wort genommen werden.

Aber man fragt sich schon, was der sich täglich steigernde Furor aus dem Süden der Fußballrepublik zu bedeuten hat. Auch Trainer Magath hat in der Torwartfrage schon mißbilligend sein Haupt geschüttelt und dabei den nicht unwichtigen Hinweis mitgeliefert, daß dieses unentschiedene Duell vor allem für den FC Bayern zu einer Belastung werde. Wenn es aber um die ureigenen Interessen des Meisters aller deutschen Meister geht, hört bei den Münchner Hochleistern nicht nur der Spaß am Spiel, sondern auch am Leistungsgedanken auf.

Außerdem ist es ja auch ganz praktisch, den Bundestrainer und seine Entscheidungsfindung in die Schlagzeilen zu bringen, da kommt niemand so schnell auf die Idee, der Frage nachzugehen, wie die national allmächtigen Bayern gedenken, künftig ihrer internationalen Ohnmacht zu begegnen. Beim Blick auf die kommende Saison entsteht zumindest nicht gerade der Eindruck, als planten die Bayern einen selbstbewußten Anlauf, wieder zur einstigen europäischen Größe aufzusteigen.

Aus Leitfigur wird Leidfigur

Daß sie Michael Ballack, den einzigen Feldspieler von Weltklasseniveau, nicht halten können, daran haben die Bayern schon zu schlucken. Deshalb schicken sie ihm über Rummenigge schon jetzt ein paar verdrießliche Bemerkungen hinterher. In diesem Zusammenhang wirkt es ein bißchen von gestern, wenn Rummenigge dabei Effenberg als Führungslichtfigur wiederauferstehen läßt - und für die Zukunft allein mit einem Spieler wie van Bommel winken kann, der sich in Barcelona bestens aufgehoben fühlt.

Wenn sich nun womöglich auch noch Lehmann im Torwartduell durchsetzen sollte, würde aus der letzten verbliebenen Münchner Leitfigur eine ziemlich tragische Leidfigur. Das kann der FC Bayern weder Kahn noch sich selbst wünschen. Im Winter haben beide ihre Beziehung übrigens bis 2008 verlängert.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1965, Korrespondent für Sport in Berlin.

Jüngste Beiträge

Ein Renner

Von Michael Wittershagen, Monte Carlo

Mit 43 Jahren beschleunigt Michael Schumacher noch einmal - sich und andere. Doch die Maschine zeigt ihm immer wieder Grenzen auf. Die Führung des Teams steht nun in der Verantwortung. Mehr