Home
http://www.faz.net/-gtl-717do
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kabarettist Hildebrandt im Gespräch „Sammer ist mir unheimlich“

 ·  Kabarettist Dieter Hildebrandt liebt den Sport - und manche Sportler. Im F.A.Z.-Interview spricht er über die Kanzlerin und den Fußball-Kaiser, das Münchner Mia-san-mia-Gehabe und die erste sympathische Nationalmannschaft.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (8)
© Dieter Hanitzsch Sport aus anderer Perspektive: der Kabarettist Hildebrandt in einer Karikatur

Was ist eigentlich aus Ihrer Absicht geworden, das Kerpener Autobahnkreuz zu kaufen, um von den Mauteinnahmen zu leben?

Ich fürchte, ich habe den rechten Zeitpunkt verpasst. Die Immobilienpreise sind nicht mehr angemessen. Ich nehme an, da haben viele Leute schon vorher die Grundstücke gekauft, wahrscheinlich irgendwelche Hedgefonds, die da mal bauen irgendwann später.

Hatten Sie daran gedacht, Michael Schumacher, den Kerpener, gleich mit zu kaufen?

Ich weiß nicht, ob der käuflich ist. Wenn, dann doch nur für wahnsinnig viel Geld, und ich kann mir keinesfalls beides leisten. Ich kann mir nicht den Schumacher und das Kerpener Kreuz leisten, das ginge nur, wenn er mir versprechen würde, dort täglich zwei Stunden drumrum zu fahren. Dann würde ich Eintritt nehmen, und dann würde es gehen.

Was haben Sie mit Motorsport am Hut?

Überhaupt gar nichts. Ich finde Menschen eigenartig, die sechzig Runden immer nur im Kreis fahren. Man kommt nicht viel rum in der Zeit, man sieht immer nur das Gleiche, es stinkt, und es ist mir auch zu laut. Autos interessieren mich generell nicht. Ich habe ein Auto, natürlich, wie sich das so ergibt, wenn man draußen auf dem Lande wohnt, aber wir benutzen das eigentlich nur als Auto, nicht als Potenzvorlage.

Wie haben Sie denn die Fußball-EM genutzt? Kanzlerin Merkel hat man im Berliner Wachsfigurenkabinett für die Zeit der Europameisterschaft ein Deutschland-Trikot übergezogen. Sie hat es widerspruchslos getragen.

Das wundert mich nicht. Ich halte die Tatsache, dass sich Politiker mit dem Fußball beschäftigen, für eine gezielte Werbung für sich selbst. Ich glaube, dass die Merkel vom Fußball vorher nie eine Ahnung hatte und auch kein Interesse daran, bis ihr wahrscheinlich Pofalla sagte, da musst du hin, da sitzt du immer neben den wichtigen Leuten, und die Kamera ist immer auf dir drauf. Und dann hat sie ihre Ärmchen gehoben und gejubelt, und ich glaube, inzwischen ist sie wirklich vom Fußball befallen, ich sehe ihr an, sie ist jetzt wirklich ein Fußballfan. Das hat der Fußball aus ihr gemacht.

Das Halbfinale hat sie wegen des EU-Gipfels verpasst.

Ja, das war Pech, weil sich ja danach herausgestellt hat, dass die deutschen Spieler ausgeschieden sind, weil sie nicht so gut gesungen haben wie die Italiener. Nur, weil die Kanzlerin nicht da war, haben sie gedacht, jetzt müssten sie nicht singen. Wenn die Merkel singend oben gestanden hätte auf der Tribüne, dann hätten die Spieler natürlich auch mitgesungen. Und dann hätten wir, so sagen die Experten, auch gewonnen. Wir hätten gegen Italien gewonnen und danach auch gegen Spanien.

Die Spanier singen aber auch nicht, die haben nicht mal einen Text für ihre Hymne.

Tatsächlich? Und gewinnen trotzdem - das ist vollkommen gegen jede Expertenmeinung.

Es irren auch Experten. Es hat sich herausgestellt, dass sogar Bundestrainer Löw nicht unfehlbar ist.

In seiner Eigenschaft als bester Fußballtrainer der Welt hat Löw bei der EM den großen Rätselmann gespielt, den Mystiker des Fußballs, hinter dessen schlauen Augen sich immer eine Überraschung verbirgt. Und gegen Italien verbarg sich dahinter diese Aufstellung, die jeder Trottel besser gemacht hätte.

Das klingt verbittert.

Nein, gar nicht. Ich liebe die deutsche Mannschaft, es die erste sympathische Nationalmannschaft seit vielen, vielen Jahren. Ich liebe auch das spanische Team. Zwischendurch wurden die plötzlich als Langweiler dargestellt, das war eine Unverschämtheit. Ich habe diese Kommentare mit Entsetzen gehört und gelesen.

Vielleicht hat Löw seine Aufstellung gegen Italien ja Frau Merkel zuliebe so gewählt. Das Ausscheiden hat ihr die Entscheidung erspart, ob sie zum Finale reisen und sich neben den ukrainischen Potentaten Janukowitsch setzen soll oder nicht.

Das wäre eine schwere Entscheidung geworden, ja. Wenn sie hingefahren wäre, hätte sie einen Haufen Minuspunkte gesammelt. Ich glaube nicht, dass sie das gemacht hätte, so schlau ist sie. Aber der Platini, der Uefa-Chef, der stellt sich neben den Diktator, dem macht das überhaupt nichts aus.

Platini sagt, Sport und Politik seien zwei verschiedene Dinge, die müsse man trennen.

Da hat er recht in gewissem Sinne. Das muss man trennen, und deshalb muss man sich als Sportler nicht mit Politikern zusammen fotografieren lassen und als Politiker nicht mit Sportlern.

Da wird der Kaiser aber anderer Meinung sein. Beckenbauer hat sich bei Gasprom gerade als „Botschafter“ verpflichten lassen, als Schröder II sozusagen.

Ich glaube das immer noch nicht. Da steckt wahrscheinlich die „Titanic“ dahinter. Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ein Mensch wie Beckenbauer so einen Dreck macht. Dass er sich in eine Reihe stellt mit Gerhard Schröder, dass er als Gas-Promi auftritt, dass er, wenn Putin heiratet, bei der Hochzeitsgesellschaft dabei sein muss, nein, das glaube ich nicht.

Sie glauben, dass Ihnen das jemand glaubt?

Es gibt noch so eine kleine Tür des Glaubens bei mir: dass Beckenbauer überall dorthin geht, wo Geld zu holen ist.

Was glauben Sie, woran liegt es, dass der Deutsche Fußball-Bund seit Präsident Zwanziger dazu übergegangen ist, sich um alles zu kümmern, um Schwule, Depressionen, Integration, Drogen, Rechtsradikale. Wie kommt ein Sportverband zu einem solchen Selbstverständnis?

Indem er sich für den Nabel der Welt hält. Die Fußballer haben die höchsten Einschaltquoten, sie sind reich, sie sind berühmt, sie glauben, dass sie überhaupt die Tollsten sind, und das verleitet sie dazu, zu sagen, wenn das hier alles so schleift, wenn nichts passiert, dann übernehmen wir die Macht. Das ist auch das Selbstbewusstsein dieses Herrn Blatter von der Fifa, die hat die Weltherrschaft, die bestimmt, was in einem Stadion getrunken wird, was jemand anziehen darf und was nicht. Bei Platini und der Uefa ist das nicht anders. Bei dieser unglaublichen Idee des ZDF, die Spiele von der Ostsee aus zu übertragen, hat er verlangt, dass die Eintritt nehmen in Usedom, auch da verdient er mit. Er verdient an allem mit. Uefa und Fifa - das sind die wahren Kaiser, die werden nicht kontrolliert, die sind gesetzlos. Das heißt, sie haben Gesetze, aber die machen sie selbst. Sie sind eigene Staaten. Die haben sogar ihre eigene Justiz.

An Usedom dürfte sich die Uefa keine goldene Nase verdient haben. Wie haben Sie dieses ZDF-Projekt wahrgenommen?

Ich kann mir das nur so erklären: Das ZDF muss einen Menschen über Jahre weggesperrt haben, weil er immer so blöde Ideen hatte, aber weil jetzt ein paar zu den Privatsendern gegangen sind, haben sie ihn wieder rausgelassen. Und der hat dann die Idee mit Usedom gehabt. Ich meine, es war noch Glück, dass er nicht die Nordsee gewählt hat, weil es da ja Ebbe und Flut gibt. Aber ich halte es auch so für eine der lächerlichsten Ideen, die das ZDF jemals gehabt hat. Es war peinlich, peinlich, peinlich, ich habe selber mitgefroren.

Da fror auch Kahn auf der Bühne. Nach der EM wird jetzt gern beklagt, dass es keine Wahnsinnigen mehr gäbe im deutschen Team, Kahn eben, Effenberg, diese Typen.

Das ist der allergrößte Blödsinn. Da müssen Journalisten einfach zu viel Hitze abbekommen haben. Ich bin dankbar für einen Spieler wie Khedira, einen, der Fußball spielen kann, wie ich mir das immer vorgestellt habe, ich liebe Spieler wie ihn oder Özil oder Schürrle oder besonders Reus. Oder wenn Sie Spanien anschauen, einen Spieler wie Iniesta, das ist ein Meister des Fußballs, einer wie di Stefano damals bei Real Madrid. Ich brauche keinen Verrückten im Team, ich brauche einen Iniesta, einen di Stefano, einen Beckenbauer. Ich brauche einen Kopf in der Mannschaft, natürlich, aber ich brauche doch keinen Verrückten.

Was mir gerade auffällt: Eine Kommission zur Bankenrettung gibt es beim DFB noch nicht.

Da haben Sie recht. Das ist eine gute Idee, das sollte man denen mal vorschlagen, darauf sind die wahrscheinlich noch gar nicht gekommen.

Eine Zwanziger-Kommission zur Bankenrettung.

Vielleicht besser gleich eine Blatter-Bank. Mit Sitz in der Schweiz, am Blatterhorn.

Einer, der Blatter auch nicht so recht leiden kann, ist Bayern-Präsident Uli Hoeneß. Was halten Sie von ihm?

Er zerfällt in mehrere Teile. Einen Teil kann ich überhaupt nicht leiden. Das ist der Teil, in dem er sich mit diesem aufgeplusterten Mia-san-mia-Gehabe bewegt. Er tut ja immer so, als ob er es eigentlich verpasst hätte, Ministerpräsident zu werden, wegen seiner Arbeit bei den Bayern. Auf der anderen Seite ist dieser Mann von einer Gutmütigkeit im Sozialwesen seiner Truppe, die mir Respekt einflößt. Er hat Gutes getan. Und natürlich ist er ein wirklich begabter Manager, er hat aus diesen Bayern etwas gemacht, was alle anderen beneiden und auch hassen, weil es so unangreifbar ist.

Hat dieses Mia-san-mia etwas von dem, was man aus Mafia-Filmen kennt: dass man seine Familie beschützt und den Rest bekämpft?

Das hat Hoeneß von dem von ihm angebeteten Franz Josef Strauß gelernt. Strauß hatte ja den sogenannten Franzens-Club gegründet, die sind mit seinem Flugzeug zu Partys geflogen und haben Geburtstage gefeiert, das waren alles Eingeweihte, und da gehörten natürlich auch Fußballer dazu, auch der Beckenbauer. Das war der Franzens-Club. Das war Franz-Josef Strauß. Das ist, was Hoeneß von Kind an gelernt hat.

Jetzt hat er zur Überraschung aller Sammer zu den Bayern geholt.

Ich verstehe das überhaupt nicht. Ehrgeiz brauchen die nun wirklich nicht einzukaufen. Und dieser Mann macht mir einen so verbissenen Eindruck. Er ist mir unheimlich in seiner Unerbittlichkeit. Ich glaube, er hat immer den Stadionrand als Horizont gesehen. Das ist wahrscheinlich einer dieser Verrückten, von denen wir vorhin sprachen.

Sport macht ein bisschen blöd, sagten Sie einmal. Vielleicht ist es ja auch umgekehrt, und man muss ein bisschen blöd sein, um Sport zu machen.

Ich weiß nicht. Das würde meinem Sportempfinden widersprechen. Ich liebe Sport. Ich habe Tennis gespielt und Fußball, würde gern Handball gespielt haben. Ich liebe Eishockey ganz besonders, Leichtathletik, eigentlich fast alles. Warum soll man das nicht professionell machen, bis man dreißig ist? Da muss man nicht unbedingt blöd sein dafür. Aber wenn man aus dem ganzen Leben Sport macht, dann muss man schon überlegen, ob man nicht den Sportverbänden zum Opfer fällt. Sportverbände sind von ihrem Wesen her Verbreiter von Unsinn, von Bürokratie und profilierungsgetränkten Wichtigtuern.

Nächstes Jahr kommen die X Games nach München. Ein Jugendsport-Event, das auf nationale Symbole wie Hymnen oder Ländermannschaften verzichtet. Ist das die Zukunft des Sports?

Diese Internationalisierung des Sports wird nicht gelingen. Bei aller Sympathie für das Unterlaufen von Nationalitäten und Patriotismus passiert es immer wieder, dass man sich selbst dabei ertappt: Wenn einer aus meiner Straße gewinnt und einen Preis holt, bin ich ein wenig stolz mit ihm. Das wird so bleiben. Und es wird so bleiben, dass man immer sagt, die Deutschen haben gegen die Spanier gewonnen, auch wenn es keine Grenzen mehr gibt, wird das so sein. Jemandem zuzuschauen, wie er besonders hoch oder weit springt, macht nur Sinn, wenn ich Sympathien für ihn habe und hoffe, dass er gegen andere gewinnt. Sonst schalte ich gar nicht ein, denn dass einer weit springen kann, ist ja klar, dem dabei zuzuschauen, ohne dass ich mit ihm ein bisschen zittern kann, reizt mich überhaupt nicht.

Sport, auch das haben Sie mal gesagt, hält Feindschaften frisch, Sport hält auseinander. Da sagt der Innenminister was ganz anderes, nämlich: Sport verbindet!

Sie meinen Friedrich, die Leihgabe aus Bayern, den man immer im Fernsehen sieht, so breit und zufrieden, so behäbig und bräsig. Was der Mann sagt, ist mir völlig egal.

Dabei ist er nicht unwichtig. Als Sportminister ist er dafür zuständig, dass unser Land ausreichend mit Medaillen versorgt wird. Zusammen mit dem Verteidigungsminister natürlich, der die Sportsoldaten finanziert. Ohne Bundeswehr gäbe es zum Beispiel keine Rodler und Bobfahrer, und ohne Rodler und Bobfahrer gäbe es keine sechs Rodel- und Bobbahnen in unserem Land. Die restliche Welt bringt es zusammen nur auf zehn. Das ist eindeutig ein Verdienst der Politik.

Ja, Rodelbahnen sind wahnsinnig wichtig, zum Beispiel für die Naturbeibehaltung. Gerade habe ich gehört, dass uns von fünf bayrischen Gletschern nur einer erhalten bleiben wird, da muss man natürlich was tun, am besten, man nimmt das Eis, das noch da ist, und baut überall Eisbahnen davon. Naturbeibehaltung bei gleichzeitiger Medaillenspiegelerhöhung, mehr kann man nicht verlangen.

Das Gespräch führte Michael Eder.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jubiläumsgeschenk als Verpflichtung

Von Daniel Meuren

Die Jubiläums-Saison ist vorbei. Das Geschenk für 50 Jahre Bundesliga gibt es aber erst in Wembley. Nun muss die Liga ihr gewachsenes Ansehen nutzen, um auf die Chancengleichheit zu achten. Mehr 3 3

Umfrage

Wer gewinnt das Champions-League-Finale 2013?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Ergebnisse, Tabellen und Statistik