Sie trainieren beide Mannschaften, in denen es sehr auf Teamgeist ankommt. Ist für Sie der Achter der Inbegriff für Teamgeist, weil buchstäblich alle in einem Boot sitzen?
Klopp: Unter diesem Aspekt habe ich das eigentlich nie gesehen. Mich begeistert die Bereitschaft zur maximalen Ausbelastung. Ich habe mal in meinen Anfangsjahren als Trainer einen Film über die „All Blacks“ (neuseeländische Rugby-Nationalmannschaft) gesehen, und da ist der Satz gefallen: Wenn du das Trikot anziehst, ist unter 100 Prozent nicht erlaubt. Und im Achter stelle ich mir das auch so vor: Unter 100 Prozent bei nur einem der acht bedeutet: chancenlos. Das ist mein Gefühl, aber da kann der Kollege natürlich mehr zu sagen. Über Taktik oder Teamgeist im Achter habe ich keine Ahnung. Anders als bei uns steht deren neunter und zehnter Mann ja neben dran und kann nicht eingewechselt werden. Das ist sicher eine ganz spezielle Herausforderung an den Trainer.
Gibt es Teamgeist im Achter?
Holtmeyer: Die Frage ist ja immer: Was ist Teamgeist? Für viele ist Teamgeist die Illusion von totaler Harmonie. Das denken Journalisten gerne - wenn ein Boot gut ist, dann herrscht da totale Harmonie. Ich glaube da aber nicht dran, auch im Fußball nicht. Da gibt es auch Konkurrenz und Wettbewerb untereinander. Das heißt aber nicht, dass da kein Teamgeist herrscht. Viele denken immer, je größer die Harmonie ist, umso größer ist der Teamgeist. Aber Harmonie, das gibt es in der Thekenmannschaft, die treffen sich einmal in der Woche, haben auch keine Konkurrenz und trinken hinterher ein Bier zusammen. Um international weiterzukommen, oder wie die Borussia jede Woche dreimal zu spielen, da muss untereinander Konkurrenz herrschen. Teamgeist bedeutet auch, dass ich als Sportler sage, ich will mit den Besten spielen oder rudern. Dann habe ich da vielleicht einen Kumpel, aber der ist nicht so gut, und deshalb möchte ich den anderen dabeihaben. Das ist auch Teamgeist.
Das ist ein gemeinsames Ziel ...
Holtmeyer: Ja, aber das Team soll erfolgreich sein, und dafür müssen nicht die zusammen im Boot sitzen, die sich am besten verstehen. Wir müssen nur die gleichen Werte und Ziele haben.
Klopp: Ich glaube, dass die Messlatte im Rudern ein bisschen deutlicher ist als im Fußball. Ich weiß nicht, wie die individuelle Leistungsstärke bei euch eruiert wird, möglicherweise ist das ja messbar am Ruder-Ergometer, und dann nimmst du einfach die acht Stärksten. Bei uns ist das schwammiger, es spielen nicht die elf Besten. Es spielen die, mit denen die Wahrscheinlichkeit am höchsten ist, zu gewinnen. Das sind nicht automatisch die elf Besten, weil auf jeder Position andere Aufgaben zu erfüllen sind. Und der Begriff Teamgeist wird tatsächlich ein wenig überstrapaziert. Jeder muss akzeptieren, dass die Gruppe insgesamt so stark sein muss, dass man auf alles reagieren kann. Die Jungs müssen verstehen, dass an dem Tag, an dem sie ausfallen oder nicht in Form sind, wir einen anderen haben müssen, der mindestens so gut ist, damit wir erfolgreich bleiben. Die Drucksituation ist groß, aber als Konkurrenz beschreibe ich das ungern, das klingt für mich nicht nach gleichen Zielen. Aber der Wettkampf ist ausgeprägt, ganz klar.
Konkurrenz belebt das Geschäft . . .
Klopp: Zu wissen, dass andere die Position auch ausfüllen können, erhöht natürlich die Bereitschaft zur maximalen Leistung. Darum geht es, aber das musst du auf unterschiedliche Arten fordern, nicht nur über Konkurrenz. Zu wissen, dass man etwas Besonderes erreichen kann, lockt auch ungewöhnliche Kräfte hervor. Wenn du beim Rudern kein Verletzungspech hast, können dir unter Umständen acht Leute reichen. Wenn alle fit sind und es ohnehin die Besten sind, brauchst du ja keine neun. Aber dreimal nacheinander Weltmeister zu werden und vier Jahre ungeschlagen zu bleiben, das könnte so schwierig werden, weil dann alle acht immer komplett in der Spur bleiben müssen.
Rudern eigentlich die acht mit den besten Werten oder die acht, die am besten zusammenpassen?
Holtmeyer: Das sind ja die acht Besten. Das andere ist nicht bis ins Detail messbar, aber diese Illusion ist weit verbreitet. Im Fußball nimmt man in der Nationalmannschaft auch nicht automatisch den Torwart mit den wenigsten Gegentoren. Das wäre ja messbar. Aber da entscheidet auch der Trainer und sagt, das ist für mich der Beste im Tor für unsere Mannschaft, weil er die beste Abstimmung mit der Abwehr hat oder auch die größte Erfahrung. So ist das bei uns auch. Es gibt harte Größen wie den Ergometer, aber schon im Zweier muss man sehen, wie passt das Ganze zusammen.
Klopp: Wie funktioniert denn die Abstimmung untereinander? Ich bin großer Fan und habe gleichzeitig keine Ahnung. Wie orientiert sich der Rest am Schlagmann, wie geht so etwas durch das Boot, damit alle Bescheid wissen?
Holtmeyer: Wir haben ja viele Schlagmänner. Kristof Wilke aber hat hohe koordinative Fähigkeiten, er ist sportlich allgemein gut ausgebildet, schwimmt gut, kann auch Fußball spielen. Viele denken, Rudern sei einfach. Wir sind aber deshalb so erfolgreich, weil unsere Ruderer koordinativ relativ gut sind, dadurch sind sie bei gleichem Einsatz ökonomischer und effektiver. Früher hieß es ja zuweilen, der Schlagmann muss nicht stark sein, der macht den Schlag, und die anderen sind stark - das kann man heute vergessen. Absolute Weltklasse-Achter sind nicht so wie früher aufgestellt - einer fährt Schlag, die anderen sitzen hintendrin und sind technisch nicht so gut, und dann hast du noch einen technisch Guten im Bug, der das Boot stabilisiert. Das kannst du vergessen. In den wichtigen Teilkomponenten sind alle relativ gut, und dann gibt es Einzelne, die ein wenig hervorgehoben sind.
Klopp: Aber die anderen orientieren sich mit der Schlagfrequenz am Schlagmann?
Holtmeyer: Ja, der Schlagmann gibt den Rhythmus vor, aber alle sind durch das tägliche Training geschult, eine Rhythmusänderung sofort zu spüren und zu übernehmen. Die Geschichte mit dem Schlagmann wird in Deutschland zu hoch gehängt, die anderen großen Rudernationen kennen das nicht. Vielleicht liegt das daran, dass es nur drei Positionen im Achter gibt, die einzeln vergeben sind: der Schlagmann, der Steuermann und der Trainer. Und über die wird immer geredet, weil jeder denkt, die sind was Besonderes, und die anderen sind nur Nummern, die anonym ihre Leistung reinbringen. Aber so ist es nicht. Ich sage denen oft, überschätzt den Trainer nicht so, ihr selbst müsst es machen. Verantwortung übernehmen - das steht ja auch hier unten im Eingang am Trainingsgelände der Borussia ganz dick angeschrieben. Jeder muss erst einmal Verantwortung für sich übernehmen, er muss aus sich das Beste herausholen. Ich will die, die sich zu 100 Prozent einsetzen, ich brauche Kampfschweine, die im entscheidenden Augenblick über sich hinauswachsen können. Roland Baar, mein früherer Schlagmann, hat immer gesagt: Ich muss wissen, dass ich mich auf jeden verlassen kann. Das ist bei uns anders als im Fußball, glaube ich zumindest. Bei euch sieht man die Leistung des Einzelnen, man erkennt, wenn sich einer nicht einsetzt oder nachlässt. Bei uns sieht man das nicht unbedingt, wenn einer im Rennen weich wird oder blaumacht. Die spüren, dass was war, aber man kann hinterher nicht sofort sagen: Der war’s.
Klopp: Das sieht man nicht in der Videoanalyse?
Holtmeyer: Man darf nicht zu sehr an diese ganzen technischen Sachen glauben. Wir haben zwar ein sehr gutes Messboot und bekommen alle möglichen Werte. Aber es wird oft unterschätzt, dass ein Rennen nicht im Durchzug entschieden wird, sondern im Freilauf, in der Phase, in der man sich auf den nächsten Schlag vorbereitet. Wer sich zwischendurch nicht entspannen kann und locker ist, der kann auch nicht gewinnen. Das sind 220 Schläge, und wer da zu verkrampft ist, der gewinnt nicht. Nur wer ganz locker rudern kann, kann auch ganz schnell rudern. Dieses Wechselspiel ist entscheidend, und unser Leben ist ja generell so. Immer Anspannung und Entspannung.
Klopp: Was macht der Steuermann?
Holtmeyer: Steuern natürlich, und dabei muss er auch frech sein. Wenn man in Führung ist, kann er ein bisschen rübersteuern. Meistens sind ja die Hauptkonkurrenten in der Nebenbahn. So ein Achter ist 18 Meter lang, und die Strudel hinten - oder das Schmeißwasser, wie wir sagen - machen Wellen. Wenn du also ein halbe, dreiviertel Länge führst und ziehst ein wenig rüber, dann machst du den anderen das Wasser schlecht.
Also ist eine Führung immer hilfreich?
Holtmeyer: Das ist meistens hilfreich - wenn man nicht überzieht. Die Engländer haben im olympischen Finale versucht, mittendrin zu führen, um dann wegen des Einflusses der Zuschauer auf den letzten drei-, vierhundert Metern quasi Rückenwind zu haben. Es gibt beim Laktazid einen Wert, den man tolerieren kann über längere Zeit, aber wenn die Grenze überschritten ist, dann müssen nur ein, zwei etwas nachlassen, dann ist es vorbei.
In London hat doch der Steuermann eingegriffen, und der Achter hat reagiert auf den Angriff der Engländer . . .
Holtmeyer: Das ist missverstanden worden. Er hat eher gewartet. Normal fahren wir ja vorne, aber diesmal haben die Engländer angezogen, und er hatte das Gefühl, das Ganze wird zu intensiv. Wir haben nur unseren Endspurt früher angezogen, auf den letzten fünfhundert Metern kam dann unser Hammer, als die müde wurden. Man muss nicht immer direkt kontern - wenn man gut ist, wartet man auf den Moment, in dem die anderen nachlassen, und setzt dann das Ding. Zwischendurch habe ich aber gedacht, mehr wegfahren sollten die Engländer jetzt nicht. Wir haben die ein bisschen verschlissen, wir kennen unsere Gegner ja. Die fahren immer eine höhere Frequenz, und dann war da auch noch Gegenwind, und das macht die Strecke quasi länger. 20 Sekunden machen da extrem viel aus, und wenn das zu lang wird, ist man halt platt.
Kann man in so einer Situation die Persönlichkeit einer Mannschaft ablesen?
Holtmeyer: Das Finale war insgesamt nicht so ein tolles Rennen, weil die Anspannung so immens groß war. Die deutsche Olympia-Mannschaft war schwach gestartet, und da baute sich ein Druck auf, den wir sonst nicht kennen. Aber bei Olympia wird schon immer die Gesamtmannschaft gesehen, und die Rückmeldung aus der Heimat hat man heutzutage sofort auf dem Handy und dem Computer, was ich nicht immer so glücklich finde . . .
Klopp: Ihr spürt mehr Druck, weil die Schwimmer baden gegangen sind?
Holtmeyer: Ja, man fühlt sich da dann plötzlich als Gesamtmannschaft. Und bei uns hieß es ja, die haben 35 Rennen nacheinander gewonnen, das wird hundertprozentig Gold. Aber wenn ein, zwei an so einem Tag dann zu verkrampft sind oder Muffe haben, dann ist es nichts mit hundertprozentig. Aber da hilft dann Teamgeist, das ist was anderes, als im Einer zu sitzen. In einer Mannschaft fühlt man sich dann geborgen, da weiß man, wir haben zusammen bislang schon so viel geschafft. Und wir hatten im Frühjahr in Belgrad ein ähnliches Erlebnis wie in London - da haben es die Engländer schon einmal mit der Taktik probiert und sind vollkommen weggebrochen. So etwas ist für einen Schlagmann wichtig zu wissen. Für ihn ist das ja besonders irritierend. Die fahren auf der Bahn neben dir, und man hat sofort das Gefühl, dass die schon ein gutes Stück weg sind, selbst wenn das so nicht stimmt. Aber die Lautstärke ändert sich, den anderen Steuermann hört man plötzlich deutlicher, und da kann man nervös werden. Und in Belgrad, das war ein totales Erfolgserlebnis für uns. Bei der Siegerehrung fehlte einer von denen, zwei haben sich übergeben - das kostet man nicht aus, aber unsere standen da wie eine Eins. Natürlich denkt man dann in einer Olympiasaison: Die haben wir drauf, egal was die machen.
Klopp: Warum gewinnt Ihr? Habt Ihr eine bessere Mannschaft, oder weißt Du, wie man besser trainiert?
Holtmeyer: Ich weiß ja nicht, was die anderen können. Viele meinen immer, ich müsste genau wissen, was die anderen trainieren. Aber Du weißt doch auch nicht immer, was die Gegner machen. Wir haben in der Physis sicher enorme Fortschritte gemacht, aber wir haben das Athletiktraining auch umgestellt. Wir waren im Sport über einen sehr langen Zeitraum von der DDR beeinflusst - also Umfang, Umfang, Umfang. Vielleicht im Fußball nicht so sehr . . .
© dpa
In 36 Rennen unbesiegt: Ralf Holtmeyer ist vom Deutschen Olympischen Sportbund als Trainer des Jahres ausgezeichnet worden. Er hatte den Achter nach dem enttäuschenden Abschneiden bei den Spielen 2008 in Peking übernommen. Seitdem ist die Crew in 36 Rennen ungeschlagen geblieben, gewann unter anderem drei Weltmeistertitel und als Krönung die olympische Goldmedaille in London
Klopp: Doch, so sind wir auch trainiert worden, über Willensschulung. Es hieß, wer 90 Minuten spielen will, muss 150 Minuten trainieren können . . .
Holtmeyer: . . . ja, das war die Methode. Von allem viel. Wir haben überhaupt keine Kraftausdauer mehr gemacht, also diese langen Serien. Das machen wir nur noch spezifisch im Boot, und dadurch haben wir in der Maximalkraft eine gute Entwicklung gehabt. Die Australier beispielsweise haben ja jetzt Sommer, und die können diese Umfänge im Kraftraum aus klimatischen Gründen gar nicht machen. Die müssen frühmorgens und spät abends trainieren, aber qualitativ hochwertig wegen der Hitze. Deren Trainer haben es noch nie geschafft, die in den Kraftraum zu schicken und 2000 Wiederholungen machen zu lassen, was bei uns im Winter teilweise üblich war. Die haben schon immer anders trainiert, und da habe ich irgendwann gedacht, wir müssen uns doch von dieser alten DDR-Sache mal trennen - wobei deren Methode ja auch vor dem klimatischen Hintergrund entstanden ist. Da ist es im Winter noch mal kälter als in Dortmund, da ist Eis auf dem Wasser, also waren sie viel drinnen. Und die hatten viel Zeit, das waren Staatsamateure, also Profis. Die DDR hatte 1988 vor Seoul 1500 Stunden Training, das sind 30 Wochenstunden im Schnitt, ein Wahnsinn. Wir liegen deutlich drunter. Wir sind vor Olympia 7000 Kilometer gerudert und haben viel gemacht, aber der Umfang ist bei uns die letzte Reserve. Diese Karte spielen wir zum Schluss. Vorher steht Qualität und Individualisierung. Interessanterweise haben sich die Fahrtzeiten enorm entwickelt. Heute ist die Bestzeit zweieinhalb Bootslängen schneller als 1988.
Klopp: Ich kann nur für den Fußball sprechen. Wir wurden alle langsam trainiert. Ich war zu Beginn meiner Karriere ein sehr schneller Spieler, am Ende nicht mehr. Wir haben immer so viel Kraftausdauer wie möglich gemacht. Dienstags wurde in einer normalen Woche so hart trainiert, so intensiv mache ich keine Einheit in der Vorbereitung. Da sind wir gelaufen und gelaufen, und anschließend wurde Fußball gespielt. Wenn du mir aus 20 Metern einen Ball vor den Kopf geschossen hättest, wäre ich bewusstlos umgefallen. Der Körper spricht aber nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt auf so ein Training an und stellt dir in der Anpassung was zur Verfügung, aber auf Dauer kommst du nicht weiter. Der entscheidende Faktor war der Mut zur Pause. Es war damals schon dem ein oder anderen klar, du kannst nicht immer nur mit der großen Schaufel draufhauen, aber es war keiner mutig genug, anders zu trainieren.
Holtmeyer: Der Körper gewöhnt sich noch an den Umfang, aber die Leistung stagniert. Alle Achter haben zum Beispiel ein hohes Durchschnittstempo, aber es gewinnt der, der auf Teilabschnitten die Geschwindigkeit verändern kann. Wir haben das meistens in der Nachstartphase gemacht, um den taktischen Vorteil des Vorsprungs zu haben. Für diese hohe Schnelligkeit braucht man große koordinative Fähigkeiten, um mit hoher Frequenz effektiv fahren zu können. Und ich glaube, dass eine frühzeitige Spezialisierung schlecht ist, Wer in frühen Jahren zu viel spezifisch macht, der ist nachher limitiert. Wir haben viele, die aus kleinen Vereinen kommen, aber nebenbei noch anderen Sport gemacht haben. Und zum Teamgeist wollte ich noch etwas sagen. Wenn man ein paar entscheidende Sachen gewonnen hat, dann steigt das Vertrauen in die anderen natürlich auch.
Klopp: Die Frage wollte ich vorhin eigentlich stellen: Was war zuerst da? Du hast dich extrem gut verstanden und warst erfolgreich, oder du warst erfolgreich und verstehst dich deshalb extrem gut. Ich bin felsenfest überzeugt, dass die Reihenfolge klar ist. Ich meine, das eine ist logisch - wenn du was gewonnen hast, dass du dich dann besser verstehst. Aber je größer der Respekt untereinander ist, desto größer die Chance auf Erfolg. Es gibt ein Beispiel bei uns, als Shinji Kagawa kam. Niemand hat gedacht, wir holen jetzt eine Riesengranate. Wir im Trainerstab haben gehofft, dass er eine werden könnte, es war ja ein bisschen Potential zu erkennen auf den Videos. Der hat einmal mittrainiert, und die Jungs haben sich abgeklatscht, weil wir so eine Granate dazubekommen haben. Die haben ihn vom ersten Tag an, ohne ein Wort miteinander reden zu können, komplett in ihre Arme genommen.
Holtmeyer: Weil sie leistungsorientiert sind. Das Problem ist häufig, dass erfolgreiche Mannschaften gerne schnell zumachen. Eine Mannschaft aber muss prinzipiell offen blieben. Für mich galt immer: Wir sind offen, stehen zum Leistungsprinzip, und wenn Stärkere da sind, kommen die auch rein. Fußball ist natürlich offener, weil einer auch mal 20 Minuten spielen kann, es sind ja nicht immer nur elf.
Klopp: Das Prinzip ist aber dasselbe - das absolute Leistungsprinzip. Es ist nicht so endgültig wie im Achter, das entspannt die Lage natürlich. Wenn ich meinen Jungs sage, wenn du auf 15 Jahre Karriere zurückblickst und hast 500 Spiele gemacht, kannst du dich an die 50, die du nicht gemacht hast, nicht mehr erinnern - warum regst du dich jetzt so auf? Aber wenn du ein Olympiarennen hast oder drei große Wettkämpfe im Jahr, das ist was anderes.
Holtmeyer: Deswegen habe ich mir ja auch viele Feinde gemacht
Klopp: So, wie Du das erzählst, glaube ich das aufs Wort.
Holtmeyer: Es gibt welche, die nehmen mir das bis heute übel. 1996 lief beispielsweise überhaupt nichts mehr bei uns, obwohl wir vorher Weltmeister waren. Da habe ich aus dem Bauch raus entschieden, die nehme ich, die nicht. Das ist natürlich dann eine Endgültigkeit bei uns, und das verzeiht dir nicht jeder.
Klopp: Du hast so viel von Koordination gesprochen. Macht ihr koordinatives Training, oder müssen die das mitbringen? Ich frage das, weil ich ein großer Freund von Life Kinetik bin. Das ist im Grunde ja Koordinationstraining, Auge-Hand-Koordination und solche Dinge. Wir haben das mal gemacht, weil ich vorher im Fernsehen den Trainer Horst Lutz mit dem Skifahrer Felix Neureuther gesehen hatte. Neureuther dreht ihm den Rücken zu, Lutz hat sechs Bälle in der Hand, auf jedem steht der Name einer Stadt. Dann dreht sich Neureuther um und Lutz wirft gleichzeitig sechs Bälle in seine Richtung und sagt: Mailand, Madrid. Und zack, der fängt Mailand und Madrid. Da habe ich gedacht: Das gibt es doch gar nicht. Wir haben den Horst Lutz dann zwei Jahre hierher geholt, leider haben wir jetzt keine Zeit dafür. Aber es war irre. Für eine Fußballmannschaft ist so etwas komplett Neues ja nicht einfach zu akzeptieren. Ich habe gesagt, für alle, die es doof finden, es taugt zumindest für den Kindergeburtstag. Aber es war überragend, selbst das periphere Sehen wurde trainiert, das war hochspannend. Ich bin ganz sicher, dass die Mannschaft damals mit der einen Stunde pro Woche im koordinativen Bereich deutlich stärker wurde. Es ist ihnen leichtergefallen, schnell zu reagieren.
Holtmeyer: Hat man den Unterschied gemerkt?
Klopp: Ich glaube, dass wir in der Saison Tore geschossen haben, die auf Life Kinetik beruhten. Es ist nicht so, dass ich denke, wir könnten ohne keine Spiele gewinnen, wir sind auch ohne Meister geworden. Aber ich würde es sofort wieder machen, wenn ich die Zeit hätte. Wir hatten damals normale Wochen ohne internationale Belastung, also habe ich überlegt, wie ich die Trainingsintensität und die Häufigkeit erhöhe. Also haben wir zweimal die Woche doppelt trainiert, weil ich gerne arbeite, die Jungs gerne um mich habe und gerne etwas entwickele. Ich hätte sogar dreimal die Woche doppelt trainiert, aber das kannst du in Deutschland nicht etablieren. Es war auch nicht so wichtig, denn mit meiner Belastungssteuerung bin ich ja eigentlich sehr glücklich.
Holtmeyer: Warum kann man das in Deutschland nicht etablieren?
Klopp: Weil es niemand macht, und die Jungs haben sowieso viele Termine neben dem Training. Und acht, neun Einheiten die Woche, das wäre an der Kante.
Holtmeyer: Aber andere machen das, also im internationalen Vergleich?
Klopp: Nein, niemand, in Russland vielleicht oder in China. Es ging mir darum, was kann machen, ohne dass es körperlich belastend ist? Und das war nur mental anstrengend. Du hörst immer auf, bevor du es kannst. Es geht nur darum, im Kopf neue Synapsen zum Glühen zu bringen, nicht um Perfektion. Einfach nur Lernen, den nächsten Schritt zu machen.
Bei Ihren vielen Spielen in einer Saison - ist interne Konkurrenz ein Instrument für Sie?
Klopp: Ich nutze das nicht als Instrument, es ist eine Notwendigkeit für den Erfolg. Du brauchst über die Saison mindestens 20 Spieler. Und ich möchte einfach in diesen Räumlichkeiten eine total positive gute Stimmung haben. Ich glaube nicht daran, dass ständiges Kitzeln zum Erfolg führt, sondern dass die Abläufe untereinander besser funktionieren, wenn man sich besser kennt und das Gefühl hat, wir können es gemeinsam schaffen. Und dass es nachhaltiger erfolgreich ist, wenn das aus einer ganz positiven Grundstimmung heraus passiert. Zusammengewürfelte Haufen gibt es woanders genug. Wir aber sollen uns in kürzester Zeit so gut wie möglich kennen- und respektieren lernen, daraus erwächst oft eine Sympathie, und dann legen wir los. Ich finde es blöd, wenn es wurscht ist, ob da 40 Spieler sind und sich mancher fragt: War der letzte Woche auch schon hier? Das Magath-Modell mit so vielen Spielern, das wäre überhaupt nicht meins.
Aber der Fußball ist doch anders konstruiert - vielleicht sind Sie da eine Insel. Die Spieler kommen und gehen . . .
Klopp: Ich rede immer nur von einer Saison. Was interessiert mich, wo die Spieler im nächsten Jahr sind? Ich habe zu fast all meinen ehemaligen Spielern ein sensationell gutes Verhältnis, weil ich total respektiere, dass Lebenswege unterschiedlich sind. Aber in diesem einen Jahr sollen wir die beste Gruppe werden, die man überhaupt sein kann. Ich will aus vielen guten Spielern zunächst eine gute Mannschaft machen und dann, als nächsten Schritt, eine besondere. Das ist der Plan.
Können Sie sich vorstellen, dass ein Spieler wegen des besseren finanziellen Angebots weggeht, aber dort wie eine Primel eingeht, weil ihm die Bindung fehlt?
Klopp: Alles schon passiert. Ich kann aber nicht zu einem Spieler sagen: Pass mal auf, du funktionierst nur hier - selbst wenn ich es weiß. Ich vermute es zumindest sehr stark, aber das ist ja kein Gesetz. Natürlich sehe ich dann manchmal, dass es dann nicht so läuft. Aber ich rufe ihn dann nicht an und sage: „Ich hab’s gewusst, du brauchst dieses Umfeld der Unterstützung.“ Wir nehmen in Anspruch, uns mehr mit den Spieler zu beschäftigen, als es andere tun. Das heißt, leistungsunabhängig will ich wissen, wie es ihm geht. Ich mache das, weil mir die Jungs sympathisch sind. Und ich bin kein Individualsportler, ich bin Mannschaftssportler durch und durch.
Aber haben Sie denn eine spezielle Art von Spielern, die kuscheln wollen?
Klopp: Die Jungs wollen überhaupt nicht kuscheln, das ist total einseitig. Ich bin für die meisten ein ganz normaler Trainer . . .
Holtmeyer: Sie sagen das zu extrem, typisch Journalist. Er hat das ja anders gesagt. Er hat doch nichts von kuscheln gesagt.
Klopp: Ich bin total konsequent, und ich habe einseitig totale Sympathie für die Spieler. Aber ich weiß genau, ich kann mit einem das größte Gespräch aller Zeiten geführt haben. Der fühlt sich sensationell, aber wenn ich ihn im nächsten Spiel nicht aufstelle, bin ich ein Arsch. Das ist wie bei Eltern, die Kinder in der Pubertät groß ziehen - alles gut, solange du nichts verbietest. Das musst du einfach akzeptieren.
Wollen Sie gar nicht gemocht werden?
Klopp: Ich werde schon lieber gemocht. Aber ich weiß, dass das nicht dauernd möglich ist.
Und wollen Sie gerne gemocht werden von Ihren Ruderern?
Holtmeyer: Ich würde das auch so sagen wie Jürgen. Zu viel Nähe ist auch nicht gut. Zu mir nach Hause lade ich keinen ein, das ist vielleicht eine Macke von mir. Eine gewisse Distanz möchte ich wahren. Außerdem hat es mal einen Kollegen gegeben, da ist einer seiner Sportler mit der Frau durchgebrannt. Die hatten sich bei ihm zu Hause bei einem Grillabend kennengelernt . . .
Klopp: Deswegen habe ich immer so junge Mannschaften . . .
Holtmeyer: . . . und der Kollege hat dann später zu mir gesagt: Hol dir nie deine Sportler ins Haus! Verbunden fühle ich mich natürlich schon total mit meinen Jungs, aber ich will nicht superbefreundet sein. Das wird dann ja auch eingefordert. Ich weiß, dass zu wenig Distanz schnell ausgenutzt wird. Wenn es Probleme gibt, kommt schnell so eine Stimmung auf, wir haben uns doch immer gut verstanden, und jetzt stehst du nicht mehr hinter mir, und deshalb kann ich die Leistung nicht mehr bringen. Das wird dann auch benutzt, die sind ja alle nicht dumm.
Klopp: Die Rollenverteilung bei der Geschichte muss immer vollkommen klar sein. Ich bin der Trainer, ich mag die Jungs wirklich, und die finden mich hoffentlich auch nicht komplett blöd. MANTWORT: ancher behauptet ja, ich sei der lockerste Bundesligatrainer, was ich nicht einschätzen kann - aber es ist trotzdem so: Wenn ich in den Massageraum reinkomme, bricht jedes Gespräch ab.
Holtmeyer: Das kenne ich, auch dieses besondere Verhältnis zum Physio. Es gibt auch Trainer, die eifersüchtig sind, wenn Sportler zum Physio oder Arzt mehr Kontakt haben, dabei ist das doch total normal. Der Physio stellt ja keine Mannschaft auf, die müssen auch Leute haben, bei denen sie alles rauslassen können. Ich bin natürlich sauer, wenn mir Verletzungen oder Krankheiten verheimlicht werden, und das hat nichts mit Arztgeheimnis zu tun. Ich muss wissen, ob jemand fit ist oder nicht, aber ich muss nicht alles wissen, was der Arzt oder Physio mit dem Sportler redet.
Klopp: Wir verbringen so viel Zeit miteinander, und alles, was die Leistung limitiert, ist für uns interessant. Das sind nicht nur körperliche Faktoren, sondern ganz viele Dinge, die von der Umwelt beeinflusst werden. Das ist der Auftrag, den wir auch haben - dass sich die Jungs irgendwann wieder völlig auf das konzentrieren können, was für uns logischerweise wichtig ist. Und für sie auch, weil die sich alle extrem über sportlichen Erfolg definieren.
Duzen oder Siezen Sie Ihre Sportler?
Holtmeyer: Wir duzen uns.
Klopp: Bei uns auch, aber das ist vermutlich eher ungewöhnlich im Fußball.
Kann man sich auf jeden Einzelnen einstellen - jeder ist doch anders?
Klopp: Das ist doch ganz normal, dass man das versucht. An den einen kommst du besser ran, an den anderen nicht, es gibt welche, die sind dir sympathischer, der nächste blockt ab, den lässt du besser in Ruhe. Wir haben nur zwei Möglichkeiten zu reagieren: entweder auf dem Trainingsplatz oder im Gespräch. Wenn beides nicht geht, dann trennst du dich. Das kann auch an mir liegen, das nehme ich dem Jungen gar nicht übel. Dann habe ich nicht die richtigen Werkzeuge für ihn.
Muss Ihnen ein Spieler sympathisch sein?
Klopp: Nein, er muss sympathische Züge haben. Das kann auch eine tolle Einstellung zur Sache sein, die mir imponiert, aber menschlich finde ich ihn daneben. Das passiert aber eher selten. Wenn einer alles aus sich herausholt, das finde ich sympathisch, das reicht schon mal. Ich muss nicht mit den Jungs weggehen, die sind auch nicht bei mir zu Hause. Zweimal im Jahr trinken wir einen oder auch zwei - wenn wir Meister geworden sind. Die sind so alt wie meine Söhne, und mit denen gehe ich ja abends auch nicht weg.
Sie haben aber auch mal gesagt, ich würde nie einen Arsch verpflichten, nur weil er gut kicken kann . . .
Klopp: Damit meine ich einen, der glaubt, er sei der Mittelpunkt der Erde, und um ihn herum muss alles so laufen, damit er glänzen kann - so als grobes Beispiel. Diese Spieler gibt es, die ganz viel fordern an Privilegien, um ihre Leistung abrufen zu können. Auf so einen verzichte ich bei aller Qualität lieber, weil ich weiß, dass so etwas auf Sicht die Leistung der Mannschaft schmälert, wenn du so eine Pfeife in der Truppe hast.
Holtmeyer: Ist doch auch verständlich. Die sprengen die Normen und Werte der Gruppe und stellen dein ganzes Wertesystem als Trainer in Frage.
Klopp: Du musst als Trainer komplett nachvollziehbar sein. Das Leistungsprinzip ist dabei das einfachste. Wenn du jemandem ständig Sonderbehandlungen zukommen lässt, das geht nicht. Der Fußball stellt ein paar Regeln auf, aber die meisten ich. Daran hat sich der Spieler zu halten, fertig. Wer das nicht tut, der kann hier nicht mitmachen. Aber das ist ja nicht schlimm, es gibt genügend Vereine.
Ihr Verteidiger Marcel Schmelzer ist von Bundestrainer Joachim Löw kritisiert worden. Ist das ein Spieler, der besonders viel Vertrauen braucht? Braucht der vor allem Sie?
Klopp: Ich hatte gefühlte 40.000 Kurznachrichten auf meinem Handy, bevor ich das erste Mal gehört habe, was Joachim Löw überhaupt gesagt hat. Ich habe gleich vermutet, dass ihn alle falsch verstanden haben. Und dann habe ich es mir angehört und wurde bestätigt. Joachim Löw war da etwas gedankenlos, das kann aber passieren. Er wollte nicht sagen, ich habe eben keinen Besseren als Marcel Schmelzer, sondern dass es nicht wahnsinnig viele Linksverteidiger in Deutschland gibt. Das ist aber auch ein Problem, dass wir mit Journalisten haben. Es wurde nur das rausgegriffen, was passt - und zack ein Riesenthema daraus gemacht. Ich habe mit Joachim Löw telefoniert, und so dramatisch war das nicht, was er gesagt hatte. Wäre es dramatisch gewesen, wäre ich der Erste gewesen, der ihn öffentlich attackiert hätte, denn Marcel ist mein Spieler. Und zum Thema Vertrauen: 80 Prozent der Spieler funktionieren über Vertrauen, jeder Mensch funktioniert so.
Holtmeyer: Es ist für das Vertrauen eines Sportlers extrem wichtig, dass er weiß, wie der Trainer tickt, welche Maßstäbe er hat. Man muss sich als Trainer aber daran halten, was man irgendwann einmal gesagt hat. Nur auf dieser Basis kannst du Kritik üben und sagen, was dir passt und was nicht. Man muss seine Linie durchhalten, darf nicht heute das erzählen und morgen was anderes.
Aber gab es nicht eine öffentliche Replik von Ihnen, als Sie nach dem Sieg über Real Madrid gesagt haben, Deutschland könne sich glücklich schätzen, einen so starken Linksverteidiger wie Marcel Schmelzer zu haben?
Klopp: Das wurde so verstanden, als ob ich dem Bundestrainer einen einschenken wollte. Tatsächlich war das für alle gemeint, die das Thema dankbar aufgegriffen hatten. Keiner hat geschrieben, dass Schmelzer ein toller Außenverteidiger ist, sondern alle haben nur noch interpretiert, was Löw gesagt hat. Ich habe mich in der Öffentlichkeit auch deshalb etwas zurückgezogen, weil es nur darum geht: Was hat wer gesagt? Geschichten werden nur noch über Namen verkauft. Ich fand es nicht so schwer, Joachim Löw richtig zu verstehen. Wir müssen mehr Leute für die Verteidigerposition ausbilden - das war’s, das hatte eigentlich nichts mit Schmelzer zu tun.
Ein Sportler kann das aber auch missverstehen . . .
Klopp: Das ist ja auch ein Problem, das der Kollege vorhin schon angedeutet hat. Du bist ja heute schneller informiert, als du nachdenken kannst, und bist sofort vollgestopft mit Nachrichten, wie es alle anderen verstanden haben.
Holtmeyer: Es muss wichtiger sein, was wir in der Mannschaft miteinander kommunizieren, als all das, was außen geredet oder geschrieben wird. Im Fußball ist das sicher extremer. Wir hatten den Fall 2008 in Peking, als es schlecht lief - und alle haben auch noch sofort geguckt, was sagen die anderen, was wird geschrieben. Und dann wurde es richtig schlecht. Es beeinflusst dich, wenn es so wichtig wird, was andere über dich denken.
Klopp: Was ich vor einem Spiel sage, ist Gesetz - was berichtet wird, ist für uns völlig unwichtig. Und ich bin auch nicht blöd, ich bin der Erste, der sieht, ob ein Spiel schlecht war.
Holtmeyer: Wir hatten die ständigen Nachfragen wegen unserer Serie. 20 Siege, 25 Siege - irgendwann muss doch die Niederlage kommen. Scheinbar haben alle darauf gewartet, nur bei uns war das nie ein Thema. Ich habe das als Trainer sofort verstanden, dass bei der Borussia deren Siegesserie nie thematisiert wurde. Was vor dir liegt, hat man im Blick, sonst könnte man das nicht erfolgreich bewältigen. So war das bei uns auch, obwohl die Abstände zwischen den Rennen natürlich größer sind. Du guckst nicht zurück.
Funktioniert Motivation über eine komplette Mannschaft, oder muss man jeden anders ansprechen?
Holtmeyer: Manchmal braucht jeder eine individuelle Ansprache. Bei uns ist die Kommunikation innerhalb der Mannschaft extrem wichtig, dass sich jeder gegenseitig unterstützt. Manchmal spüren die sofort, wer an dem bestimmten Tag ein bisschen wackelt.
Klopp: Motivation ist ja das, was du unter der Woche machst. Der Begriff suggeriert inzwischen, als müsse ein Trainer einen Spieler aus einer extrem schlechten Position in eine Topverfassung quatschen, und das geht ja nicht. Du musst unter der Woche jeden Einzelnen so behandeln, dass er das Gefühl hat, er kann die Aufgabe stemmen, die am Wochenende kommt. Und dann setzt die unmittelbare Motivation ein, über die wir den Willen aktivieren, also die Gründe liefern, warum es sich so besonders lohnt, heute über sich hinauszuwachsen. Manchmal glaubt man ja, das Ziel würde es alleine schon ausmachen. Aber bei Euch zum Beispiel, warum sollten die Gegner schlechtere Gründe haben? Die Engländer hatten ja seit gefühlt 100 Jahren nichts gewonnen, die haben sich bestimmt gesagt, wäre nicht so schlecht, wenn wir das heute ändern. Es geht also darum, das eigene Ziel ein bisschen strahlender darzustellen, als es die anderen möglicherweise hinkriegen, und dafür zu sorgen, dass in dem Moment, in dem es anfängt weh zu tun, die Schmerzen vergessen werden. Du gewinnst in der Regel kein Spiel oder kein Rennen, ohne dass es zwischendurch brutal weh tut. Und ich will ja, dass wir immer an unsere Leistungsgrenze gehen. Es gibt den Spruch: ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss, und ich habe das für uns umformuliert: Ein richtig gutes Pferd springt so hoch es kann. Und wir wollen immer so gut spielen, wie wir können. Immer alles raushauen, dafür trainieren wir.
Wie hält man die Motivation hoch?
Holtmeyer: Manchmal muss man etwas dramatisieren, und dann ist etwas, was nebensächlich erscheint, eben nicht mehr so locker. Und manchmal muss man auch zurückfahren und ruhig bleiben, wenn etwa wie vor Olympia die Anspannung zu groß wird. Dann muss man schon mal sagen, wir können auch gewinnen, wenn wir nur 98 Prozent bringen. Der Mensch ist keine Maschine, die immer auf 6000 Umdrehungen läuft. Es ist nicht alles planbar, da muss man instinktiv handeln. Im Olympiafinale ist ja auch nicht alles optimal gelaufen, aber wir waren eben stark genug, damit umzugehen.
Klopp: Ich spüre das auch. In besonderen Stresssituationen bin ich ganz ruhig. Vor dem DFB-Pokalfinale etwa hätte ich ein Lied pfeifen können, so entspannt war ich. Aber vor manchem Bundesligaspiel, wenn ich so die Stimmung wittere, jeder denkt, dass alles von alleine geht - dann werde ich zur Hyäne.
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