30.08.2006 · Bundestrainer Joachim Löw spricht im Interview mit der F.A.Z. über das Projekt EM 2008, seinen eigenen Weg zwischen Reform und Kontinuität, gestiegene Beliebtheitswerte und unrealistische Ziele im Fußball.
Bundestrainer Joachim Löw spricht im Interview mit der F.A.Z. über das Projekt EM 2008, seinen eigenen Weg zwischen Reform und Kontinuität, gestiegene Beliebtheitswerte und unrealistische Ziele im Fußball.
Ihr Ansehen hat sich enorm gewandelt. Nach aktuellen Umfragen sind Sie bei den Deutschen ausgesprochen beliebt. Ihre Fachkompetenz wird sehr geschätzt. Erkennen Sie sich in den öffentlichen Urteilen noch wieder?
Die Sichtweise hängt, da muß man sich nichts vormachen, vor allem von den Spielergebnissen ab. Aber der Blick hat sich auch dadurch stark verändert, weil ich zwei Jahre mit der Nationalmannschaft gearbeitet habe und unter Beobachtung der Medien in Deutschland stand. Es freut mich um so mehr, wenn man das Vertrauen der Leute hat. Aber ich hatte auch früher nicht das Gefühl, daß ich unter Wert eingestuft wurde. Ich habe überall versucht, meine Konzeption durchzuziehen. Es ist wichtig, daß man seiner Linie treu bleibt. Und das habe ich getan.
Früher hat man von WM zu WM geplant. Sie haben nur einen Vertrag bis zur EM 2008. Ist das ein Zeichen von Kurzatmigkeit oder von Realismus?
Die Rolle des Nationaltrainers hat sich generell verändert. Früher konnte man in dieser Position langfristig arbeiten. Da ist man nicht nur am Ergebnis von einem Turnier gemessen worden. Das ist heute verstärkt der Fall. Mitunter wird man sogar nach zwei, drei Spielen schon in Frage gestellt. In der Bundesliga ist das sogar schon nach einem Spiel möglich.
Aber hätten Sie nicht am ersten Tag Ihrer Vorstellung sagen müssen: „Wir wollen Weltmeister werden“ anstatt „Wir wollen Europameister werden“?
Mein Vertrag geht bis 2008.
Trotzdem: Gerade mit einer jungen Mannschaft ist es doch sinnvoll, ein Konzept über vier und nicht nur über zwei Jahre zu verfolgen.
Es ist schon sinnvoll, mittelfristig zu planen. Natürlich versucht man die Spieler längerfristig auszubilden, aber man kennt doch die Gesetze des Fußballs. Die EM ist nun einmal das nächste Projekt, das wir angehen. Aber man hat ja auch nach der EM 2000 und der EM 2004 gemerkt, daß es gut ist, wenn es nach einem Turnier, das nicht nach Wunsch läuft, neue Impulse gibt.
Ist es für Sie nicht ein persönliches Ziel, nicht nur für das Projekt EM 2008 zu arbeiten, sondern langfristig als Bundestrainer, um für Kontinuität zu sorgen?
Es war mein ausdrücklicher Wunsch, nur einen Vertrag bis 2008 abzuschließen. Die individuelle Ausbildung, Förderung und Erziehung der Spieler geht sicher über diesen Zeitpunkt hinaus, wenn ich an Lukas Podolski, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger oder Per Mertesacker denke, die vielleicht im Jahr 2010 oder später den Zenit ihres Könnens erreicht haben. Wenn es bei der Europameisterschaft gut läuft, gibt es in der Regel auch keinen Grund, den Vertrag nicht zu verlängern.
Bei der WM 2006 war Sven-Göran Eriksson der einzige Trainer, der schon bei der vorherigen WM dabei war. Brennt man in dem Job als Nationaltrainer besonders schnell aus, wenn das ganze Land auf einen schaut?
Die Halbwertzeit der Trainer ist generell kürzer geworden. Die Erwartungen steigen überall, in vielen Vereinen gibt es auch unrealistische Zielsetzungen. Da sind Enttäuschungen programmiert. Aber über den speziellen Fall Nationaltrainer mache ich mir keine Gedanken. Das muß jeder Trainer für sich sehen, wie er mit dieser Situation umgeht. Manche Trainer sind gerne sechs, sieben Jahre bei einem Klub. Ich bin kein Trainer, der sich vorstellen kann, zehn Jahre bei einem Verein oder als Bundestrainer zu arbeiten. Auch ein Trainer braucht neue Impulse und neue Reize, nicht nur Spieler. Mir haben Veränderungen immer sehr gutgetan, auch wenn sie manchmal etwas schnell kamen. Aber es ist gut, wenn man sich ab und zu selbst verändert. Ich bin kein Freund von langfristigen Verträgen. Bei der Nationalmannschaft ist es jetzt mein Ziel, die Planung über zwei Jahre anzugehen, parallel Strukturen zu schaffen und eine Philosophie zu etablieren, die länger Bestand hat - unabhängig von der Person des Trainers.
Wollen Sie Projektleiter und Reformer sein oder ein Bundestrainer, der seinen Schwerpunkt auf dem Trainingsplatz mit der Mannschaft sieht?
Meine Rolle hat sich nach dem Abschied von Jürgen Klinsmann sicher verändert. Ich habe mehr repräsentative Pflichten, und es kommt mehr Medienarbeit auf mich zu. Deshalb war es auch wichtig, den Trainerstab jetzt mit Hans Flick zu erweitern. Ich muß auch mehr delegieren: Spiel- und Spielerbeobachtungen, aber auch im Training muß ich zumindest einen Teil abgeben. Aber an der Arbeit mit den Spielern auf dem Platz habe ich viel Freude, deswegen werde ich da auch viele Dinge weiter gestalten. Was Reformen oder Veränderungen betrifft: Wir setzen weiter auf offensiven Fußball. Das ist meine ureigenste Philosophie. Doch jetzt braucht man auch neue Reize und Innovation. Wir müssen sehen, wo wir uns von anderen Sportarten und anderen Trainern auch im Ausland punktuell etwas abschauen können. Bei der Analyse der WM hat sich auch gezeigt, woran wir noch arbeiten müssen, obwohl vieles ja gut war.
Was läßt sich denn noch verbessern? Auffällig war bei der WM, daß Standardsituationen im Training nicht einstudiert wurden. Wie es hieß, mußten sie wegen der Defizite im Training vor allem Basisarbeit verrichten.
Wir haben gemerkt, daß wir nicht alle Dinge, die wir geplant hatten, hundertprozentig umsetzen konnten. Wir mußten viele Dinge ständig wiederholen. Denn ohne Wiederholungen gibt es keine Automatismen. Das ist ganz wichtig. Aber wir müssen jetzt auch neue Dinge einfließen lassen. Das Üben von Standardsituationen ist sicher ein Thema, das unbefriedigend war. Wir haben aber auch zu wenig Zeit und Trainingseinheiten darauf verwendet. Wir waren tatsächlich der Meinung, daß in diesem Moment andere Dinge wichtiger waren.
Wie können Sie denn sicher sein, daß die Basisarbeit in den Vereinen erledigt wird - in den vergangenen Jahren waren Sie mit dem Zustand der Nationalspieler öfter unzufrieden?
Wir wollen nicht die Philosophie der Bundesligatrainer verändern. Da werden wir keinen Einfluß nehmen. Aber wichtig ist die Kommunikation in bezug auf die individuelle Ausbildung und die Fitness. Da kann und muß etwas getan werden. Es ist meine Aufgabe, den Kontakt zu den Trainern zu intensivieren, um abzustimmen, wie sich der einzelne Spieler in den kommenden Jahren noch verbessern kann - und was er zusätzlich dafür tun muß. Das betrifft vor allem die jungen Spieler.
Haben Sie denn den Eindruck, daß unter den Bundesligatrainern nun eine größere Bereitschaft zur Kooperation vorhanden ist? Klinsmann hat in der Liga ja auch als Person polarisiert, Sie könnten es da leichter haben.
Ich habe mit fast allen Trainern schon gesprochen. In den kommenden Monaten möchte ich sie auch besuchen, um ausführlich über die einzelnen Spieler zu reden. Generell stelle ich schon fest, daß die Trainer nach der WM schon mal nachgefragt haben und wissen wollten, was wir da gemacht haben, welche Inhalte bei uns wichtig waren und ob sie da auch Einblick haben könnten. Dazu sind wir selbstverständlich bereit. Die Sachen, die wir gemacht haben, haben sich absolut bewährt. Das war ein Basisprogramm. Auch mit den Leistungstests werden wir im kommenden Jahr in der gleichen Form mit Blick auf die EM wieder beginnen. Jeder Spieler kann doch, wenn er zur Nationalmannschaft gehört, vier-, fünfmal in der Woche zusätzlich eine halbe Stunde arbeiten. Das hat überhaupt keinen Einfluß auf die Trainingsarbeit im Verein. Es wird natürlich auch weiterhin unterschiedliche Interessen geben, aber es gibt auch das gemeinsame Ziel von Bundes- und Vereinstrainer, daß der einzelne Spieler besser wird. Es ist auch für den Spieler besser, wenn er weiß, daß der Bundestrainer und der Vereinstrainer eine einheitliche Linie gefunden haben. Er weiß dann, woran er ist. Da werden wir einen guten Konsens finden. Ich werde daran arbeiten.
Ist denn körperlich noch viel zu holen bei den Nationalspielern?
Jeder einzelne Spieler hat körperlich noch die Möglichkeit, sich in irgendeinem Bereich zu verbessern. Manche Spieler sind im Schnelligkeitsbereich sehr gut, aber in der Ausdauer können sie sich noch verbessern - oder umgekehrt. Oder sie können bei der Prophylaxe noch etwas machen, weil sie verletzungsanfällig sind.
Wo besteht noch Nachholbedarf?
Es geht weiter mit dem individuellen taktischen und technischen Training. Es gibt Spieler, die sind noch nicht optimal ausgebildet, was Flanken betrifft. Laßt uns daran arbeiten. Damit ist auch dem Vereinstrainer geholfen.
Wird es für Spieler, auch wenn Sie nun nach der WM Malik Fatih und Alexander Madlung wegen Verletzungssorgen nominiert haben, wieder schwieriger, in die Nationalelf zu kommen?
Die Mannschaft hat bei zwei Turnieren, bei der WM und dem Confederations Cup, bewiesen, daß sie Qualität besitzt. Selbst wenn der eine oder andere einmal eine Formschwäche hat, haben die Spieler das Potential, 2008 und 2010 noch besser zu werden. Der Kern der WM-Mannschaft hat einen Bonus, auch wenn wir den ein oder anderen jungen Spieler integrieren wollen - auch als Vorbereitung auf 2010. Trochowski, Kießling und Polanski gefallen mir von ihrer Spielanlage gut. Über längere Zeit darf niemand abfallen, dann wird es problematisch. Wenn wir jedoch erkennen, daß die professionelle Einstellung und der Wille, an sich selbst zu arbeiten, vorhanden sind, gestehen wir einem Spieler auch zu, daß er im Verein mal nicht spielt.
Daß Erich Rutemöller wieder eine DFB-Nachwuchsmannschaft trainiert, kann doch eigentlich nicht in Ihrem Sinne sein. Bei allen Verdiensten Rutemöllers: Für neue Impulse steht er nicht.
Diese Entscheidung ist von DFB-Sportdirektor Matthias Sammer und Rutemöller während der WM getroffen worden. Da wußte man noch nicht, wie es bei der Nationalmannschaft weitergeht. Ich habe mit Sammer darüber gesprochen. Damit war ich einverstanden, weil die Regelung für ein Jahr gilt. Klar ist aber auch: Von jetzt an werden Personalfragen in dem sogenannten Kompetenzteam besprochen. Im übrigen ist Rutemöller von uns nicht aus der Nationalmannschaft verbannt worden. Es gab für ihn einfach nur keine konkrete Aufgabe mehr. Deswegen war die Trainerausbildung zuletzt sein einziges Aufgabengebiet.
Wie wichtig ist es, daß alle jüngeren Auswahlmannschaften das gleiche System wie die Nationalmannschaft spielen?
Das ist wichtig, auch wenn man mal von 4-4-2 auf 4-3-3 wechseln kann. Es gibt aber grundlegende Dinge, die man durchziehen sollte. In der Jugend müssen die Grundsätze einer Viererkette erlernt und ständig trainiert werden. Wenn jemand aus der U16, U17 oder U18 kommt, muß man immer nachfragen, ob er dieses oder jenes schon kann. Da haben wir alle in Deutschland Nachholbedarf. Da sind uns einige Länder mit inhaltlichen Konzepten, die durchgängig gelten, schon voraus. Das müssen wir jetzt schaffen. Wir müssen im Kompetenzteam mit Matthias Sammer einen Konsens finden. Es darf nicht mehr sein, daß man einen Spieler, der in die Nationalmannschaft kommt, fragen muß: „Was sind die wichtigen Dinge in einer Vierer-Abwehr? Was mußt du tun, wenn du Außen- oder Innenverteidiger spielst?“ Das muß ein U16-Spieler pauken und permanent wiederholen, daß er es als Achtzehnjähriger im Schlaf beherrscht. Das war bei uns im deutschen Fußball bisher leider nicht der Fall.
Das Gespräch führten Michael Horeni und Peter Penders.
| Verein | Sp | Diff | Pkt. | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1. | ![]() |
Borussia Dortmund | 21 | 32 | 46 | ![]() |
| 2. | ![]() |
Bayern München | 21 | 35 | 44 | ![]() |
| 3. | ![]() |
Bor. Mönchengladbach | 21 | 22 | 43 | ![]() |
| 4. | ![]() |
FC Schalke 04 | 21 | 18 | 41 | ![]() |
| 5. | ![]() |
Werder Bremen | 21 | -1 | 33 | ![]() |
| 6. | ![]() |
Bayer Leverkusen | 21 | 0 | 31 | ![]() |
| 7. | ![]() |
Hannover 96 | 21 | -2 | 31 | ![]() |
| 8. | ![]() |
VfL Wolfsburg | 21 | -11 | 27 | ![]() |
| 9. | ![]() |
VfB Stuttgart | 21 | 3 | 26 | ![]() |
| 10. | ![]() |
Hamburger SV | 21 | -8 | 26 | ![]() |
| 11. | ![]() |
1899 Hoffenheim | 21 | -2 | 25 | ![]() |
| 12. | ![]() |
1. FC Köln | 21 | -12 | 24 | ![]() |
| 13. | ![]() |
FSV Mainz 05 | 21 | -6 | 23 | ![]() |
| 14. | ![]() |
1. FC Nürnberg | 21 | -12 | 22 | ![]() |
| 15. | ![]() |
Hertha BSC | 21 | -11 | 20 | ![]() |
| 16. | ![]() |
1. FC Kaiserslautern | 21 | -11 | 18 | ![]() |
| 17. | ![]() |
FC Augsburg | 21 | -14 | 18 | ![]() |
| 18. | ![]() |
SC Freiburg | 21 | -20 | 17 | ![]() |