23.12.2003 · Ein gerührter Jan Ullrich hat als „Sportler des Jahres“ bei der Gala in Baden-Baden die Herzen erobert, aber mit seinem Wahlsieg über Michael Schumacher auch für Diskussionengesorgt.
Von Jörg Hahn, Baden-BadenDer Name Evi Sachenbacher kam wie aus der Pistole geschossen, als Jan Ullrich aus seiner Sicht besondere Ereignisse des Sportjahres 2003 nennen sollte, "und überhaupt der ganze Wintersport". Ski und Rodel gut - aber andere Disziplinen haben, wie gemeldet, bei der 57. Wahl der "Sportler des Jahres" die Spitze erobert: Rad (Jan Ullrich), Schwimmen (Hannah Stockbauer) und Fußball (Frauen-Nationalauswahl). Die Fußballspielerinnen bewiesen das größte Selbstbewußtsein in diesem Kreis: Sie seien mit der festen Erwartung, Erste zu werden, zur Gala nach Baden-Baden gekommen. "Wenn wir diesmal nicht Mannschaft des Jahres geworden wären, dann nie", meinten die Frauen-Weltmeisterinnen unisono.
Die schwere Trophäe für die Besten erinnerte an einen "Oscar", irgendwie verbogen zwar, doch das schwere Stück fand Gefallen bei den Ausgezeichneten. Daß er mit seinem Fahrrad einen Ferrari abgehängt hat - Michael Schumacher wurde trotz seines sechsten WM-Titels in der Formel 1 nur Zweiter -, kommentierte Ullrich trocken: "Ich find's klasse." Es gab leise Kritik an dieser Reihenfolge; von manchen, weil Ullrich sich in der Vergangenheit ja nicht immer als untadeliger Sportsmann erwiesen habe und bei der letzten Tour de France doch bloß Zweiter geworden sei; von anderen, weil Schumacher den Sieg mit seinem "historischen Triumph" nun wirklich verdient gehabt hätte, unabhängig von der Frage, ob er zur Proklamation ins Baden-Badener Kurhaus gekommen wäre oder nicht. Als Zweiter blieb Schumacher dort, wo er um diese Jahreszeit eigentlich immer ist: im Familienurlaub in Norwegen. Gut so, meinten wieder andere Wahlbeobachter, denn eigentlich gehöre ein Vertreter des hochgerüsteten PS-Zirkus sowieso nicht in den Kreis der wahren Athleten. So hatte auch dieser Abend seinen Tratsch und Klatsch.
Gespräch unter jungen Vätern
Vor allem aber hatte er seine schönen Seiten. Jan Ullrich, erst am Samstag abend aus dem Trainingslager auf Mallorca zurückgekehrt, rutschte unruhig auf der Stuhlkante herum, als wäre er zum allerersten Mal Kandidat bei einer solchen Wahl. Franz Beckenbauer eilte noch vor der Bekanntgabe der Plazierungen zu ihm an den Tisch; wahrscheinlich ein Gespräch unter jungen Vätern. Anni Friesinger, am Tisch Ullrich gegenüber plaziert, hätte mit ihrer schwarz-weißen Robe wohl jeden Modewettbewerb gewonnen, auch gegen Hannah Stockbauer in ihrem schimmernden Abendkleid. Am Sonntag zählten andere Werte, blieb der Eisschnelläuferin Platz zwei hinter der Schwimmerin. Der Nordische Kombinierer Ronny Ackermann, Dritter hinter Ullrich und Schumacher, brachte mit seinen roten Haaren Farbe auf die Bühne und erklärte sich fröhlich zum Trendsetter in Sachen Frisur: "Ich will ihr ja nicht zu nahe treten, aber das hat mir die Biathletin Kati Wilhelm nachgemacht." Ein anderer Trend: gar keine Haare. Peter Sendel, mit der Biathlon-Staffel auf Rang drei der Mannschaftswertung, stach aus der Schar der rasierten Spitzensportler heraus, weil er aussah wie der junge Heiner Lauterbach. Man mußte schon zweimal hinschauen, um sicher sein zu können, nicht doch den aufgefrischten Schauspieler vor sich zu haben.
Nach dem offiziellen Teil, als die Fernsehkameras und die heißen Scheinwerfer ausgeschaltet waren, bekannten sich Hannah Stockbauer und Felix Magath, mit seinem VfB Stuttgart auf Platz zwei der Team-Kategorie, ohne Wenn und Aber zu Jan Ullrich. "Weil ich die körperliche Anstrengung zu schätzen weiß", sagte die dreifache Weltmeisterin, die während ihrer Titelkämpfe in Barcelona vor dem Fernseher Ullrichs leidenschaftlichen Kampf gebannt verfolgte. "Meine Beine zittern wie die Hölle. Ich denke, das liegt nicht an den hohen Schuhen, sondern an der Aufregung", hatte Hannah Stockbauer oben auf der Bühne kundgetan. Gemeinsam mit Ullrich ausgezeichnet zu werden sei etwas ganz Besonderes. "Es ist eine Ehre für mich, mit ihm fotografiert zu werden." Keine Zweifel am Wahlergebnis der deutschen Sportjournalisten ließ auch Magath zu: "Ausnahmsweise muß ich die Journalisten mal loben. Sie haben nicht nur sein Ergebnis gesehen, sondern auch das, was hinter dieser Leistung steckt."
Bestätigung und Motivation
Von Schumacher hatte das ZDF ein Interview aufgezeichnet, das - im Saal eingespielt - dessen Wertschätzung für Ullrich belegte: "Nach so einer Talfahrt, wo die eigene Stärke wichtig und entscheidend ist, wieder zurückzufinden, das muß man würdigen." Um das Thema richtiger oder falscher Sieger zum Abschluß zu bringen: Ullrich bekam von den rund achthundert Gästen den meisten Applaus, und er nahm den Preis nicht routiniert, sondern sichtlich gerührt und zufrieden entgegen. Viele Zuschauer und Journalisten hätten sich wohl in das hineinversetzen können, was er durchgemacht habe, lautete sein Erklärungsversuch für die immense Popularität. "Diese Wahl ist Bestätigung und Motivation. Nächstes Jahr werde ich versuchen, Lance Armstrong zu schlagen." Sollte das gelingen, wäre der Erfolg bei der Sportlerwahl 2004 die fast logische Zugabe.
"Man muß aus seinen eigenen Fehlern lernen und aus konstruktiver Kritik Schlüsse ziehen", sagte Udo Bölts, der zu seinem Laufbahnende als Radprofi den "Sparkassen-Preis für Vorbilder im Sport" erhielt. Diesen Satz sollten junge Sportler verinnerlichen. Sein früherer Teamkollege Ullrich hat genau das nach dem Krisenjahr 2002 getan.