27.12.2002 · Als Außenseiter gestartet, stürmte das deutsche Nationalteam bis ins Finale. Der FAZ.NET-Jahresrückblick: Fußball-WM 2002.
Von Frank HellmannAls die deutschen Nationalspieler am 22. Mai 2002 am Frankfurter Flughafen die Lufthansa-Maschine bestiegen, verrieten die Mienen nicht gerade Zuversicht. Eine gehörige Portion an Skepsis ging mit an Bord, als sich eine erst über die Relegation qualifizierte DFB-Auswahl mit der geringsten Erwartungshaltung aller Zeiten zu einer Fußball-Weltmeisterschaft aufmachte.
Keine sechs Wochen später hatten dieselben Spieler wechselweise Bier und Kaffee beim Flugzeug-Personal geordert. Die Nacht vor dem Rückflug war durchgefeiert worden. Zu den Klängen der extra nach Yokohama eingeflogenen Rockgruppe „Pur“ tanzten Michael Ballack, Christian Ziege und Co. auf den Tischen. „Abenteuerland“, dröhnte durch den Saal.
Zwei Erlebnis-Welten
Als die Kicker Asien verließen und wieder deutschen Boden betraten, reckte sich ein Fahnenmeer entgegen. Freudetrunkene Fans bereiteten der Mannschaft einen begeisterten Empfang. Am Frankfurter Römer stimmten Zehntausende „Es gibt nur ein Rudi Völler“ an.
Manch einer registrierte erst da, was fernab der Heimat ausgelöst worden war. In der Abgeschiedenheit der Trainingsquartiere in Japan und Korea, in der Kunstwelt Seagaia Park in Miyazaki und im entlegenen Winkel der Ferieninsel Jeju Island, war lange Zeit an die Spieler gar nicht herangetragen worden, was wirklich in Deutschland passierte. Nie war die Diskrepanz zwischen den Erlebnis-Welten von Fußballer und Fans größer.
Deutsche Tugenden
Dort schöpfte ein von Rudi Völler und Michael Skibbe beschworener Kader gemeinsam seine Möglichkeiten maximal aus. Unaufgeregt, unspektakulär, für die Welt-Öffentlichkeit lange auch völlig unauffällig. Erst mit dem Vorstoß ins Halbfinale, erstmals in Seoul, musste eine Pressekonferenz der deutschen Delegation auch ins Englische übersetzt werden.
Und daheim? Dort feierte eine Nation beim Frühstück und in der Mittagspause eine Mannschaft, die überwiegend nicht begeisternden Fußball bot aber alte deutsche Tugenden wiederbelebte. Ein guter Zusammenhalt, eine starke Defensive und ein noch stärkerer Torwart waren die Garanten bis zum Finale, in dem die deutsche Elf bei der ersten Niederlage die spielerisch beste Darbietung zeigte.
Günstige Turnier-Arithmetik
Der Erfolg spülte neue Stars nach oben: Allen voran die vor der WM nicht erwarteten Christoph Metzelder und Torsten Frings, natürlich den Torjäger Miroslav Klose und Michael Ballack, dessen Tore und Leistungen internationale Würdigung erfuhren. Denn in erster Linie war es Ballack, der die günstigen Fügungen der Turnier-Arithmetik nutzte und 1:0-Siegtreffer gegen USA und Südkorea erzielte.
„Wer Vize-Weltmeister ist, ist nicht automatisch die zweitbeste Mannschaft der Welt“, sagte Völler. Da hat er Recht, vermutlich traf das noch nie zuvor auf einen Vize-Weltmeister mehr zu als auf diese, durch glückliche Fügungen, eiserne Disziplin und einen großartigen Torwart bis ins Endspiel von Yokohama gespülte deutsche Auswahl.
Völler: „Ich bin froh, dass das WM-Jahr vorbei ist“
„Ich bin froh, dass das WM-Jahr endlich vorbei ist“, verriet Völler nach dem Flutopfer-Benefizspiel am 17. Dezember in der Arena AufSchalke. 4:2 gewannen die Seinen gegen eine Ausländer-Auswahl und im Mittelpunkt stand der zweifache Torschütze Benjamin Lauth.
Der 21-Jährige als Symbolfigur der jungen Generation, die die letzten Monate des Jahres prägten. Talenten zu vertrauen, war der neue Trend in der Nationalmannschaft. „Keine Goodwill-Aktion sondern ein Zeichen von Qualität“, sagt Bundestrainer Michael Skibbe.
Für Völler sind gar die fest in den Kader integrierten Paul Freier und Arne Friedrich die Shootingstars des zweiten Halbjahres. Hanno Balitsch, Kevin Kuranyi oder Fabian Erst können bald mit Einladungen rechnen, möglicherweise schon für erste Länderspiel 2003, am 12. Februar in Spanien. „Es werden immer wieder junge Spieler dazu kommen“, kündigt der DFB-Teamchef an, „aber sicherlich nicht zehn auf einmal.“
Vier Niederlagen im Jahr 2002
Doch an der jungen Generation, fleißig, wissbegierig und lernfähig, führt kein Weg vorbei. Zumal Völlers Altvertraute ihren Bonus aus Asien (“Die WM war ja nicht mit dem Finale vorbei.“) aufgebraucht haben: Das 2:2 in Bulgarien, das 1:1 in Bosnien-Herzegowina waren ebenso schmucklos wie ein glanzloser 2:0-Sieg in der EM-Qualifikation in Litauen und ein mühevoller 2:1-Erfolg gegen die Färöer.
Doch irgendwie waren diese Resultate auch Signale. Elf Siegen standen im Länderspiel-Jahr 2002 vier Niederlagen gegenüber. Abgesehen vom 0:1 in Wales kamen die allesamt gegen die großen Nationen zustande: 0:1 im April gegen Argentinien, 0:2 im Juni im WM-Finale gegen Brasilien, 1:3 im November gegen Niederlande. Skeptische Mienen haben auch noch heute ihre Berechtigung.