11.06.2004 · Griechenlands deutscher Trainer Otto Rehhagel über das Eröffnungsspiel seiner Mannschaft gegen Portugal bei der EURO, griechische Befindlichkeiten und Quotenregelungen im Fußball.
Otto Rehhagel, einst Trainer bei Werder Bremen, Bayern München und dem 1. FC Kaiserslautern führte seine Mannschaft erfolgreich durch die Qualifikation zur EURO 2004 (FAZ.NET-Spezial Euro 2004). Für die Griechen ist es erst die zweite Teilnahme an einer Fußball-Europameisterschaft.
Welchen Stellenwert hat das Eröffnungsspiel gegen Portugal für Sie und Ihre Spieler?
Wir haben am Samstag das wichtigste Spiel der letzten 20 Jahre. Nach so langer Zeit nimmt endlich wieder eine griechische Nationalmannschaft an einer EM teil, und dann darf sie auch noch gegen den hochfavorisierten Gastgeber das Eröffnungsspiel bestreiten - das ist schon toll. Wir müssen versuchen, aus unseren Möglichkeiten das Beste zu machen. Die Mannschaft muß am Samstag mit Leidenschaft, Einsatzfreude und allem, was sie auszeichnet, ins Spiel gehen.
Wie steht es mit Ihnen? Sie sind seit über 40 Jahren im Geschäft, stehen aber vor Ihrem ersten großen Turnier als Nationaltrainer.
Natürlich bin ich vor so einem Ereignis nervös. Und je näher das Spiel rückt, desto nervöser wird man. Wir spielen ja nicht nur gegen Portugal, sondern auch gegen 60.000 Zuschauer. Dieses Erlebnis ist auch für die Spieler etwas Einmaliges.
Was ist neu für Sie im Vergleich mit ihrer Zeit als Bundesliga-Trainer?
Neu ist, daß ich normalerweise mit der Mannschaft nur ungefähr alle sechs Wochen zusammenarbeite. Jetzt sind wir schon ein paar Tage zusammen, und da muß man wissen: Eigentlich sind die griechischen Spieler Individualisten. Sie müssen lernen, auch in der Gemeinschaft zusammenzuarbeiten - und zwar so, daß die Mannschaft auch außerhalb des Platzes als Team funktioniert. Ich denke, daß ist ihr bis jetzt gut gelungen.
Haben Sie der Mannschaft also das beigebracht, was im Fußball so häufig als deutsche Tugenden bezeichnet wird?
Die Griechen genießen das Leben in vollen Zügen. Wenn die in Athen unterwegs sind, würden sie am liebsten die ganze Nacht unterwegs sein. Da muß man ihnen schon sagen, daß um halbzwölf Feierabend ist. Aber die wollen alle um ein Uhr noch einen Espresso trinken. Da kannst du nur noch fragen: 'Wann wollt ihr denn bitte schön schlafen gehen?' Wir haben jetzt auf deutsche Zeit umgestellt, auch morgens beim Aufstehen. Außerdem habe ich den Jungs beigebracht: 'Dein Körper ist dein Kapital. Mit dem solltest du vorsichtig umgehen'.
Sie selbst haben an Portugal gute Erinnerungen.
Ja, Portugal ist ein gutes Pflaster für mich. In Lissabon habe ich mit Werder Bremen 1992 den Europapokal der Pokalsieger gewonnen, das war eine einmalige Geschichte.
Platz für ein wenig Nostalgie ist nicht mehr da?
Ich halte mich im Fußball immer an die wichtigen Dinge, die bestimmte Situationen erfordern, wenn der Ball rollt. Dann stellt das Spiel Fragen, und du mußt diese Fragen beantworten. Das gilt auch am Samstag. Wenn wir gegen Portugal eine Chance haben wollen, müssen wir vor allem unsere Fehlerquote so gering wie möglich halten.
Wie sieht Ihre Zielsetzung bei der EM aus?
Es war ja schon eine Sensation, daß meine Mannschaft vor Spanien die direkte Qualifikation geschafft hat. Das haben Tausende von Leuten in Griechenland nicht geglaubt. Die sind die ganze Nacht aufgeblieben, bis morgens die Zeitung kam. Das, was sie vorher im Videotext gelesen hatten, konnten sie nicht glauben. Aber nach solchen Siegen schweben die Griechen über den Wolken. Ich sage es immer wieder: Wenn wir zwei Spiele gewinnen, wollen alle Griechen Europameister werden. Wenn wir zwei Spiele verlieren, wollen sich alle ins Meer stürzen. Ich bin Realist. Ich freue mich, daß wir dabei sind und alle mit Begeisterung bei der Sache sind.
Was haben Sie dazu beigetragen, daß die Mannschaft in den mittlerweile drei Jahren Ihrer Tätigkeit so große Fortschritte gemacht hat?
Ich habe mich auf Blockbildung mit Spielern aus den großen Klubs Panathinaikos, AEK und Olympiakos konzentriert. Die haben viel Champions League gespielt, die kennen sich untereinander, die haben Erfahrung - das hat gut geklappt. Einige Funktionäre haben zwar gemeint, wir müßten eine Quotenregelung einführen. Denen habe ich nur gesagt: 'Leute, wir sind doch nicht in der SPD'.
Läuft Ihre Mannschaft Gefahr, sich zu sehr auf das Eröffnungsspiel zu konzentrieren und zu wenig an die entscheidenden Partien gegen Spanien und Rußland zu denken?
Ich kann den Leuten nicht sagen, daß alles wunderbar ist: Wir haben zwar 0:6 gegen Portugal verloren, aber sowieso die ganze Zeit an das Spiel gegen Spanien gedacht. Wir müssen uns schon voll auf das Portugal-Spiel konzentrieren. Danach sehen wir weiter.