Die Maßnahme hat die ganze Sportart wieder in Verruf gebracht: Die Doping-Razzia von über 200 Polizisten hat nicht nur Unmengen an verbotenen Substanzen hervor gebracht sondern dem Sport im Allgemeinen und dem italienischen Traditionsrennen im Besonderen großen Schaden zugefügt.
Aus dem Blickwinkel der Betroffenen zieht Lothar Heinrich, Arzt beim Team Telekom, im Gespräch mit FAZ.NET eine Bilanz.
Frage: Wie haben Sie die Nacht der Razzia erlebt?
Die Polizisten kamen nach dem Abendessen um halb neun in unser Hotel. Wir mussten dann alle auf unsere Zimmer und es wurde unser Gepäck nach Medikamenten durchsucht. Das war bei mir natürlich nicht schwer. Die Polizisten waren bis um halb drei bei mir auf dem Zimmer, weil sie bei jeder Packung per Telefon einen Spezialisten befragt haben, ob das nun ein bedenkliches Präparat sei. Mitgenommen haben sie nur wenig. Kortison-Präparate, Asthmamittel, Koffeintabletten, nichts Dramatisches.
Wie fanden Sie die Aktion im Vergleich zu den Durchsuchungen bei der Tour de France 1998?
Bei der Tour 1998 war Telekom ja nicht betroffen. Aber nach allem was ich gehört habe, war das diesmal vergleichsweise ruhig. Die Beamten waren sehr höflich und nicht im Geringsten schikanös. Sie waren jedenfalls nicht auf irgendwelche Showeffekte aus. Der auffälligste Unterschied ist natürlich, dass nicht, wie in Frankreich, gezielte gegen einzelne Verdächtige vorgegangen wurde, sondern dass flächendeckend alle Fahrer und Mannschaften durchsucht wurden.
Für wie sinnvoll halten Sie ein solches Vorgehen?
Solange kein EPO oder Wachstumshormon sichergestellt wird, denke ich, dass die neuen EPO-Tests der UCI doch wirkungsvoller sind. Jedenfalls, was den Kampf gegen EPO angeht. Immerhin wurden dadurch doch schon sechs Fahrer überführt.
Sind denn die neuen EPO-Tests wirklich wissenschaftlich gesichert, ist der Nachweis eindeutig?
Es gibt noch keine ausreichenden wissenschaftlichen Publikationen dazu. Deshalb kann ich nur sagen, dass ich zu wenig Informationen habe, um mir eine Meinung bilden zu können. Dario Frigo wurde mit verbotenen Substanzen erwischt, der Staatsanwalt will bei vier weiteren Fahrern etwas gefunden haben. Also war die Aktion doch ein Erfolg. Natürlich rechtfertigt jeder Erfolg eine solche flächendeckende Aktion. Andererseits ist ja noch nicht bekannt, was bei Frigo genau gefunden wurde.
Halten Sie die Razzia für eine gezielte Störaktion gegen den Giro, bei der möglicherweise politische Motive mitspielen?
Ich kenne mich mit italienischer Politik und Sportpolitik nicht aus und würde deshalb nicht so weit gehen. Auffällig ist natürlich der Zeitpunkt. Das es nicht spurlos an einer Rundfahrt vorbeigeht, wenn man in der Nacht vor der schwersten Etappe Durchsuchungen durchführt, das liegt ja auf der Hand. Die offizielle Begründung für diesen Zeitpunkt war, dass man vor einer schweren Bergetappe am ehesten etwas findet. Das stimmt natürlich nicht. Wenn ein Fahrer etwa dabei hat, hat er es die ganze Zeit dabei.
Noch eine Frage zum Sport: Das neunköpfige Telekom-Tour-Team wird am 29. Juni in Bonn präsentiert. Auf jeden Fall soll wie geplant auch der ehemalige Lance Armstrong-Helfer Kevin Livingston (USA) mit von der Partie sein, obwohl von ihm beim Giro nichts zu sehen war und er noch weit mehr Zeit als Ullrich verlor.
Kevin hat schon immer unter Belastungs- Asthma zu leiden, was er mit Kortekoid-Inhalationen bekämpft. Dafür hat er eine Erlaubnis, das ist angemeldet. Beim Giro hatte er sich dazu noch einen Infekt eingehandelt. Deshalb war von ihm wenig zu sehen. Aber ich bin sicher, er bringt rechtzeitig die Tour-Form.