15.02.2002 · Gold im Doppelsitzer zum Abschluss machte den Erfolg der deutschen Rodler bei Olympia perfekt. Bundestrainer Schwab im FAZ.NET-Interview.
Deutschland beherrschte die internationale Rodelkonkurrenz auch bei den Olympischen Spielen. Mit dem abschießenden Sieg des Doppelsitzers Patric-Fritz Leitner und Alexander Resch haben die deutschen Athleten zwei von drei möglichen Goldmedaillen gewonnen, fünf von neun auf der Bahn im Utah Olympic Park vergebenen Medaillen gingen an das Team aus Deutschland. In Nagano 1998 waren es ebenfalls fünf Medaillen.
Großen Anteil an dieser Dominanz hat Bundestrainer Thomas Schwab, der in der Saison 1994/95 den großen Rodelcoach Sepp Lenz abgelöst hat. 1988 bei den Olympischen Spielen in Calgary war Schwab Bronzemedaillengewinner im Doppelsitzer mit Stefan Ilsanker.
Im FAZ.NET-Interview zieht der 39-Jährige seine ganz persönliche Olympia-Bilanz, beschreibt die Probleme beim Aufbau des neuen Gold-Doppelsitzers und den enormen Erwartungsdruck auf den Rodlern.
FAZ.NET: Patric-Fritz Leitner hat gesagt, er hätte nie damit gerechnet, dass „wir zwei Deppen Olympiasieger werden können“.
Thomas Schwab: Ich auch nicht. Nein ernsthaft, das war ja das große Ziel nach dem Olympiasieg von Jan Behrendt und Stefan Krauße vor vier Jahren. Damals haben wir gesagt, wir bauen einen neuen Doppelsitzer auf. Das war jetzt die Krönung der Arbeit. Ich weiß noch, wie der Rodelclub Berchtesgaden geschimpft hat, dass ich mit Alexander Resch ihren besten Einzelfahrer auf den Doppel gesetzt habe.
Das Doppelsitzerrennen war der letzte Rodel-Wettbewerb bei den Olympischen Spielen. Zwei Olympiasiege und insgesamt fünf Medaillen waren eine erneute Demonstration der Stärke der deutschen Rodler. Haben Sie ein so gutes Ergebnis erwartet?
Der Erwartungsdruck der Öffentlichkeit ist ja ziemlich hoch, und ich bin froh, dass wir dem gerecht geworden sind. 1998 in Nagano war es ja noch eine Goldene mehr, aber über Silber für Georg Hackl haben wir uns gefreut, als wäre es eine Goldmedaille.
Die deutsche Rodler gehen ja immer als Favoriten auf die Bahn, sind Sie zufrieden?
Ich bin sogar sehr zufrieden. Mehr kann man nicht erwarten, das wäre vermessen. Bis jetzt haben wir uns mit dem Feiern zurückgehalten, aber heute haben wir keine Disziplin mehr.
Sie haben den entscheidenden Lauf von Leitner/Resch vor einem Bildschirm verfolgt und sind mit in jede Kurve gegangen. Wir groß war die Anspannung für Sie?
Die war schon sehr groß, man hat ja gesehen, wie schwer es ist, hier zu fahren. Es war ein sehr spannender Wettkampf, bei dem man nicht unbedingt mit einer Medaille rechnen musste. Die Bahn hat sich gegenüber den Trainingsläufen noch einmal verändert, weil die Bobs darauf trainiert hatten. Es war ein sehr hartes Rennen. Sie hatten im ersten Durchgang einen Fehler gemacht, der auch zum Sturz hätte führen können.
Haben Sie damit gerechnet, dass die erst 23 und 22 Jahre alten Patric-Fritz Leitner und Alexander Resch die Nerven im zweiten und entscheidenden Durchgang behalten würden?
Das habe ich gewusst. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen besonnen fahren, nicht in Schönheit sterben, sondern einfach den Lauf runterbringen.
Die Beiden fahren erst seit vier Jahren zusammen. Nach den schnellen Weltmeistertiteln 1999 und 2000 gab es im vergangenen Jahr bei der WM in Calgary einen enttäuschenden fünften Platz. Welche Rolle hat dieser Rückschlag auf dem Weg zu Olympiagold gespielt?
Der fünfte Platz war wichtig. Es war einfach unmöglich, dass der Verlauf so glatt geht. Die Niederlage gehört genauso dazu. Diejenigen, die dann wieder aufstehen, das sind die Richtigen.
Ist es für Sie eine besondere Genugtuung, dass ihr Doppelsitzer gegen die starken Amerikaner auf deren Bahn und vor 15.000 US-Fans gewonnen haben?
Ja, auf jeden Fall, die Amerikaner haben alles getan, um hier zu gewinnen. Sie haben ja schon in Nagano Silber und Bronze gewonnen, diesmal wollten sie unbedingt Olympiasieger werden.
Die Skispringer sagen, ihre Champions werden im Sommer gemacht, wie wichtig ist das Training ohne Eis für die Rodler?
Die Athleten trainieren das ganze Jahr durch. Sie machen jetzt zwei Wochen Urlaub, dann geht es zwei Monate zur Bundeswehr, wo nebenbei auch trainiert wird, dann gibt es wieder zwei Wochen Urlaub und danach wird nur noch trainiert.
Wie sieht das Sommertraining aus?
Wir haben eine vereiste Startstrecke und trainieren auf der Bahn mit Sommerrodeln auf Rädern. Dazu kommt viel Kraft- und Schnellkrafttraining und die Arbeit an den Schlitten.
Wie hoch ist der Anteil der Technik an den Erfolgen der deutschen Rodler?
Ich kann keine Prozentzahl nennen, aber es macht sehr viel aus. Leitner und Resch müssen immer bei mir in der Werkstatt antreten und an ihrem Schlitten arbeiten.