17.06.2002 · An seinem 33. Geburtstag erreichte Oliver Kahn nicht nur das WM-Viertelfinale, sondern formulierte forsch auch neue Ziele.
Der deutsche Kapitän hat erst ein Gegentor in vier Spielen zugelassen: Oliver Kahn ist ein Garant fürs Weiterkommen. Sein Ziel ist eindeutig: Am 30. Juni in Yokohama das Finale zu spielen.
Ihr Gegenüber Jose Luis Chilavert hat einen Freistoß gegen Sie getreten, Sie aber haben gewonnen: Ein Gefühl der Genugtuung?
Ich respektiere Jose Chilavert. Aber ich sehe ihn nicht so positiv. Vielleicht möchte er mit seinen Freistößen und Elfmeter etwas verdecken. Ich würde persönlich niemals den Kollegen so vorführen. Ich habe dafür kein Verständnis.
Dann erklären Sie die deutsche Stärke bei diesem Turnier?
Entscheidend ist die Mentalität. Und da bringen wir jetzt einiges mit. Nur wir dürfen nicht den Fehler machen und denken, wir hätten irgendetwas geschafft. Noch haben wir nichts erreicht. Wir haben große Möglichkeiten ins Halbfinale zu kommen. Und mein Gefühl sagt mir, dass wir jetzt bis zum Finale durchfahren werden.
Aber gegen Paraguay hat sich diese Mannschaft sehr schwer getan.
Es war warm, das Stadion war nicht voll: Man hatte nie das Gefühl, man ist hier bei einer Weltmeisterschaft, sondern eher bei einem Freundschaftsspiel. Die Gefahr ist, dass man sich von dieser Atmosphäre anstecken lässt. Und genau das ist passiert. Wir haben richtig schlecht gespielt, gar keinen Fußball. Statt dessen haben wir nur die Bälle nach vorne gebolzt. Zweite Halbzeit haben wir uns vorgenommen, besser von hinten heraus zu spielen. Deshalb habe auch ich mehr die Bälle herausgespielt, statt zu schlagen.
Wurde der Gegner unterschätzt?
Wir wussten schon, dass das eine richtig gefährliche Mannschaft. Nur mit denen hatte Argentinien in der WM-Qualifikation so große Probleme. Ein kleiner Mosaikstein war auch, dass Roque Santa Cruz so früh verletzt ausgeschieden ist. Es ist eine außerordentlich unbequeme Mannschaft.
Die den Torwart Oliver Kahn am 33. Geburtstag wenig gefordert hat.
Falsch! Als Torwart hast du nie ein ruhige Spiel. Die Konzentration ist so hoch - einmal nicht aufgepasst und du hast die ganze WM auf dem Gewissen. Man kann diesen Druck kaum beschreiben. Richtig ist aber, dass unsere Abwehr gut steht, wir defensiv gut arbeiten und wenig Fehler machen. Was Christoph Metzelder hier geleistet hat, ist überragend, Sebastian Kehl hat seine Aufgabe toll gelöst, Thomas Linke spielt eine sensationelle WM. Deshalb bin ich von dieser Mannschaft auch so überzeugt. Wichtig ist, dass wir intelligente Spieler haben, die flexibel reagieren und wie jetzt im Achtelfinale auch zur Halbzeit ein System umstellen können.
Könnte ein Titelgewinn nicht ein Motivationsproblem für Sie bringen: Sie wollen doch mit der WM 2006 und dem Titelgewinn im eigenen Land abtreten?
Eine gute Frage, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Ich weiß auch noch nicht, was dann passiert. Ich hätte dann ja wirklich fast alles erreicht. Was ich schon weiß: Wenn ich irgendwann in meinem Zimmer sitze und keine Ziele mehr habe und keine Motivation mehr spüre, werde ich aufhören.
Was ist bei diesem Turnier im Vergleich zu 1994 und 1998 anders?
Persönlich ist das völlig anders und die Situation für mich gar nicht zu vergleichen. Vor vier oder acht Jahren hatte ich ja keine Verantwortung. Hier bin ich auch noch Kapitän und habe selbst Einfluss auf die Ersatzspieler. Ich weiß noch genau, was ich vor vier Jahren war: Ich hatte notorisch schlechte Laune, war mies drauf. Dann bin ich schnell ins Hotelzimmer habe ins Bett gebissen und bin mit einem Lächeln wieder herausgekommen.
Sie sprechen oft vom Druck bei einer WM. Wie ist für Ablenkung zu sorgen?
Das geht nur sehr schwer. Auch die Familie taugt nur für kurzfristige Abwechslung. Man ist zu sehr auf dieses Ziel fokussiert. Ich kann mich hier noch am besten beim Golf entspannen.
Werden Sie als Torwart der Star dieses Turniers?
Warten wir das Turnier besser noch mal ein bisschen ab.