Markus Babbel vom FC Liverpool leidet unter dem Guillain-Barré-Syndrom, einer schweren Nervenerkrankung. Vor knapp drei Wochen begannen die Reha-Maßnahmen in der Neurologischen Klinik Bad Aibling.
Mühsam quält er sich jeden Tag, um eines Tages wieder Fußball spielen zu können. Nach anfänglichen Schwierigkeiten geht es langsam bergauf. Nachdem vor zwei Monaten noch seine Hände und Beine, ab dem Knie abwärts, taub waren, fehlt ihm zurzeit nur noch in den Füßen das Gefühl.
Hilfe erfährt er von Freunden, seiner Familie und auch seinem Klub. Der FC Liverpool hat unlängst den Vertrag mit Babbel bis 2006 verlängert - ungeachtet der gesundheitlichen Probleme. Erstmals nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, sprach der Ex-Nationalspieler jetzt über die Krankheit, seine Gefühle und die Heilungschancen.
FAZ.NET: Herr Babbel, lange war von Ihnen nichts zu hören. Die letzten Bilder sahen wir im Dezember vor Weihnachten und die waren doch recht erschreckend. Sie saßen im Rollstuhl und konnten kaum laufen. Wie geht es Ihnen mittlerweile?
Babbel: Viel besser. Es ist toll zu sehen welche Fortschritte ich gemacht habe. Heute kann ich ohne fremde Hilfe schon wieder gehen. Damals im Dezember waren drei Treppenstufen mit zwei Helfern an meiner Seite das Maximum. Jetzt kann ich alleine aus dem Untergeschoss der Rehaklinik bis in den dritten Stock über die Treppe gehen. Das geht zwar nur relativ langsam, und wenn ich ankomme, bin ich total erschöpft, aber es geht, und das ist wichtig.
Wie sieht zur Zeit Ihr Reha-Programm aus?
Ich absolviere hier schon ein knochenhartes Programm. Jeder Normalbürger würde zwar über die Anforderungen lachen, aber ich gehe dabei mehrmals am Tag an meine Grenzen. Das geht über Koordinations- und Kräftigungsübungen bis hin zu Strombädern und Arbeit auf dem Laufband. Mittlerweile schaffe ich schon zwei Kilometer pro Tag. Vor einigen Wochen war an solche Dinge noch überhaupt nicht zu denken.
Trotzdem haben Sie noch dieses Taubheitsgefühl in Ihren Füßen. Wie können wir uns das vorstellen: Laufen ohne seine Füße zu spüren?
Für mich ist es im Moment gar nichts Besonderes mehr, weil ich da langsam reingewachsen bin. Vorher war ja alles ab der Knie taub. Vielleicht trifft es aber der Vergleich mit den eingeschlafenen Füßen. Es ist natürlich schon komisch und es ist auch ein Lernprozess mit diesen Füßen zu laufen, aber mit Training gewöhnt man sich daran.
Am 28. November wurde bei Ihnen das GBS-Syndrom diagnostiziert. Wie sind Sie selbst darauf aufmerksam geworden, dass etwas nicht stimmt?
Es hat angefangen mit Zehenkribbeln, wie bei Durchblutungsstörungen. Zunächst habe ich mir keine großen Gedanken gemacht. Ich habe gefragt, ob das normal ist und man hat mir gesagt, das sei in drei Wochen wieder weg. Doch dann wurde es immer schlimmer. Ich hatte plötzlich größte Mühe, in meinem Haus die Treppen hochzukommen. Das ging nur noch mit extremer Unterstützung der Arme, von den Beinen kam überhaupt nichts mehr. Zum Glück bin ich gleich zum richtigen Arzt gegangen - Professor Haberl vom Krankenhaus in Harlaching. Er hat die Krankheit glücklicherweise sofort erkannt
Jetzt hatten Sie gerade eine schwere Krankheit auskuriert - das Pfeiffersche Drüsenfiber - und standen kurz davor wieder in das Fußballgeschehen einzugreifen. Wie haben Sie diesen Schock verkraftet und wie oft haben Sie sich gefragt: warum eigentlich ich?
Ich stand bis jetzt immer auf der Sonnenseite des Lebens. Mit dem FC Liverpool hatte ich gerade eine super Saison gespielt. Bis dahin hatte ich auch immer sehr viel Glück mit meiner Gesundheit, daher habe ich mich nie gefragt, „warum gerade ich?“. So etwas passiert nun mal. Ich denke positiv. Ich kann nun ein Jahr länger Fußball spielen, weil ich jetzt ein Jahr Pause hatte.
Stecken Sie die Schicksalsschläge wirklich so locker weg, hatten Sie nie Bedenken?
Ja schon. Nachdem meine Krankheit auch in der Öffentlichkeit bekannt wurde, bekam ich drei bis vierhundert Briefe von anderen Patienten mit dem Guillain-Barré-Syndrom. Aber als ich die ersten zwei Briefe gelesen hatte, verging mir die Lust weiterzulesen, denn das waren ganz schöne Horrorgeschichten. Die Patienten schrieben von ihren Erlebnissen mit dem GBS-Syndrom. Das ging von kompletter Lähmung über Blutwäsche bis hin zu Leuten, die nicht wieder komplett gesund wurden. Da ist mir erst bewusst geworden, wie schwer diese Krankheit ist und ich hatte schon heftigen Bammel. Aber bei mir ist es glücklicherweise nicht ganz so schlimm.
Wie hat sich denn Ihr Leben durch die Krankheit verändert?
Ich genieße jetzt die Dinge viel mehr. Vieles ist nicht mehr so normal wie es früher war. Man hat jetzt auch mehr Zeit für die Familie. Ich genieße es, mit den Kindern zu spielen. Ich lebe bewusster. Früher hat man ständig gejammert. Jetzt stelle ich fest - eigentlich geht es mir doch ganz gut. Hier in Bad Aibling gibt es viele Patienten, die sind viel schlimmer dran als ich. Ich sehe mich hier als der Einäugige unter den Blinden.
Als Betroffener geht man meist anders und relaxter mit der Krankheit um als Verwandte und Freunde. Wie war die Reaktion Ihrer Familie?
Für meine Frau und meine Eltern war das schon ein riesiger Schock. Denen schossen natürlich sofort die schlimmsten Gedanken durch den Kopf. Am lockersten sind meine beiden Kinder (Anm. d. Red. Pia (6) und Yannick (4)) damit umgegangen. Die realisieren das auch noch nicht so richtig. Ich konnte mich zwar nicht so bewegen, aber das wurde akzeptiert, weil der Papa nun mal im Krankenhaus ist. Rührend war wirklich wie die Kleinen dann sogar ganz liebevoll Rücksicht nahmen. So ein Satz wie: „Nein das machen wir schon. Der Papa kann doch nicht so gut laufen.“ kam häufiger. Aber da ich früher schon durch den Fußball viel unterwegs war, konnten sie schnell mit der Situation gut umgehen.
Sie machen einen sehr gelassenen und gutgelaunten Eindruck. Wo holen Sie im Moment ihre Kraft her, um mit der Krankheit so gut klar zu kommen?
Einerseits liegt es an meiner bayerischen Bierruhe, dass mich nichts so schnell umwirft. Außerdem sind da meine Familie und Freunde, die absolut hinter mir stehen und auch der Klub, der sensationell reagiert hat. Zweimal sind hier völlig überraschend und unangekündigt Verantwortliche vom FC Liverpool aufgetaucht. Die wollten nur mal sehen, wie es mir geht und was ich so mache. Beim zweiten Besuch kam sogar eine Vertragsverlängerung raus, bis 2006. Dieser Klub ist schon geil und natürlich gibt mir das auch Kraft und Mut, denn so weiß ich, dass die mich nicht vergessen haben und noch an mich denken.
Sie sind hier in der Nähe von München, kam da irgendetwas vom FC Bayern?
Ja logisch. Die Bayern und der FC Liverpool das sind zwei Vereine, die sich auf dieser menschlichen Ebene nicht viel nehmen. Das ist schon toll zu spüren, dass da nicht nur der Fußballer Markus Babbel wichtig ist, sondern auch der Mensch. Uli Hoeneß ist ja auch dafür bekannt, dass er sich sofort meldet, wenn es einem Spieler nicht gut geht. Der Uli rief schon ganz am Anfang an. Vorbeigekommen sind der Mehmet Scholl, Jens Jeremies, Michael Tarnat, der Paolo Sergio kam sogar mit einem Priester, der für mich gebetet hat und über die Besuche von Hermann Gerland und Egon Cordes habe ich mich auch riesig gefreut.
Welche Rolle spielt denn der Fußball in Ihrer momentanen Situation?
Ich kann mir die Spiele erstaunlicherweise anschauen, ohne groß zu trauern. Wenn ich meine Kollegen sehe, fühle ich mich immer noch als einer von ihnen. Das gibt mir auch Kraft, denn es ist ja mein großes Ziel, wieder in den Fußball zurückzukommen, dorthin wo ich mal war. Ich will wieder dieses Gefühl haben, an der Anfield Road in Liverpool einzulaufen. Das ist meine ganz große Motivation - das will ich unbedingt wieder erleben. Außerdem habe ich auch noch viel Kontakt zu den Spielern. Sie rufen mich oft an und fragen nach mir. Es ist schön zu wissen, dass man noch dazu gehört, und dass man vermisst wird. Ich hoffe, dass ich die Aufmerksamkeit zurückzahlen kann.
Wann rechnen Sie mit Ihrem Comeback?
Es ist zwar nicht garantiert, dass ich wieder hundertprozentig fit werde, aber ich glaube ganz fest daran. Toll wäre es, wenn ich zur Vorbereitung auf die kommende Saison wieder in das Mannschaftstraining einsteigen könnte. Darauf arbeite ich hin. Das ist mein Ziel und ich werde es auch erreichen. Über den sogenannten „Plan B“, wenn ich es nicht schaffen sollte, mache ich mir erst Gedanken, wenn es soweit ist. Aber ich schaffe es.