29.10.2005 · Professor Wilfried Kindermann leitet das Institut für Sport- und Präventivmedizin an der Universität Saarbrücken. Er ist leitender Olympia-Arzt des NOK, sein Institut betreut seit vielen Jahren die Fußball-Nationalmannschaft - und bescheinigt den Profis Nachholbedarf.
Professor Wilfried Kindermann leitet das Institut für Sport- und Präventivmedizin an der Universität Saarbrücken. Er ist leitender Olympia-Arzt des NOK, sein Institut betreut seit vielen Jahren die Fußball-Nationalmannschaft.
Wie beurteilen Sie als Sportmediziner, der seit vielen Jahren mit der Nationalmannschaft zusammenarbeitet, die aktuelle Diskussion um die Fitness der Nationalspieler?
Die Diskussion ist von erschreckender Schlichtheit. Sie schadet dem Fußball, weil sie das Klischee vom bequemen und überbezahlten Profi bedient. Statt dessen müßte man sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen.
Der eine oder andere Nationalspieler soll sich von den vielzitierten Fitnesstests von Bundestrainer Jürgen Klinsmann überfordert gefühlt haben.
Spieler, die sich überfordert fühlen, wenn sie an einem Tag siebenmal 30 Meter sprinten und 3,5 Kilometer im Joggingtempo laufen müssen, sollten über ihren Beruf nachdenken, bevor sie sich bei anderen ausheulen. Von Klinsmann wird erwartet, daß er alle Stärken und Schwächen seiner Spieler kennt, also auch die konditionellen. Was liegt näher, als sich standardisierter Tests zu bedienen? Diese Tests haben eine hohe Objektivität und Zuverlässigkeit.
Einige Nationalspieler haben beim letzten Test schlecht abgeschnitten. Deckt sich das mit Ihren Untersuchungen?
Unsere sportmedizinischen Analysen zeigen, daß Ausdauer und Schnelligkeit deutscher Nationalspieler einen rückläufigen Trend gegenüber den neunziger Jahren aufweisen. Dem entspricht auch die Beobachtung, daß die konditionelle Überlegenheit deutscher Mannschaften international nicht mehr besteht. Wenn ein Bundestrainer nun versucht, gegen den Trend anzukämpfen, ist das mehr als legitim, ja geradezu seine Aufgabe.
Wird in der Bundesliga zuwenig trainiert?
Vergleiche sind schwierig. Außerdem darf man die Konditionswerte eines Spielers nie isoliert von der fußballspezifischen Situation interpretieren. Aber es ist so, daß in anderen Sportarten, auch Spielsportarten, zum Teil mehr trainiert und mehr Wert auf die Athletik gelegt wird. Selbst bei vorsichtiger Einschätzung sehe ich im Fußball noch Reserven. Mir ist bis heute unklar, warum die Spieler nicht tagsüber auf dem Klubgelände bleiben müssen und dort auch gemeinsam essen und regenerieren. Dann bliebe auch genügend Zeit, spezielle - nicht notwendigerweise anstrengende - Übungen zu absolvieren, um Schwächen zu beseitigen.
Hat die Bundesliga Nachholbedarf bei der personellen und technischen Ausstattung des Fitnessbereichs?
Der FC Chelsea beschäftigt angeblich elf medizinische Fachkräfte, bei Real Madrid sollen es sechs Ärzte und acht Ernährungswissenschaftler sein. Das ist eine Überversorgung. Aber die Bundesliga könnte sich einiges davon abschauen. Defizite bestehen vor allem im internistisch-leistungsphysiologischen Bereich, der Gesundheit, Fitness und Ernährung abdeckt. Fitnesstests werden zwar zunehmend durchgeführt, aber häufig nur als Laktattests zur Beurteilung der Ausdauer. Schnelligkeit und andere konditionelle Fähigkeiten werden nicht ausreichend geprüft. In einzelnen Fällen hat man auch den Eindruck, daß es sich um Alibitests handelt.
Die Fragen stellte Gerd Schneider.