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Interview Horst R. Schmidt: "1974 haben es einige Städte bitter bereut"

06.12.2001 ·  Wer wird WM-Spielort 2006? Was ist anders als 1974? Horst R. Schmidt, OK-Vizepräsident, im Gespräch mit FAZ.NET.

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1974, Horst R. Schmidt erinnert sich noch gut daran, war alles recht einfach. 16 Mannschaften spielten damals bei einer Fußball-Weltmeisterschaft, dafür genügten neun Stadien. "Da ging es erst zwei Jahre zuvor richtig los", sagt Horst R. Schmidt, "wir waren lange nicht so weit wie jetzt."

Für die bevorstehende zweite Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland laufen schon jetzt die Vorbereitungen auf Hochtouren. Vor allem Horst R. Schmidt, einer von drei Vizepräsidenten des Organisationskomitees, hat einen gewaltigen Aufgabenbereich abzudecken.

Die Stadienauswahl zählt auch dazu - anlässlich der Übergabe der Bewerbungsunterlagen sprach FAZ.NET mit dem DFB-Funktionär, der erst kürzlich seinen 60. Geburtstag feierte.

Sie waren schon 1974 bei der WM mit eingebunden - als Vorzeigeobjekt galt damals das Münchner Olympiastadion...

...und heute ist einfach out. Damals habe ich auch im Organisationskomitee gearbeitet, ich erinnere mich genau an das erste Länderspiel gegen Rußland, an die vielen anderen Ereignisse. Es tut mir echt leid, dass so eine Spielstätte nicht mehr dabei ist. Das zeigt die Dynamik der Entwicklung im Stadionbau.

Bereitet Ihnen die Stadionauswahl für 2006 jetzt Kopfzerbrechen?

Die Bewerbungen sind ausgezeichnet. Kopfzerbrechen bereitet uns nur die Absage an die vier Bewerber, die nicht dabei sind. Wir können leider nicht 16 Spielorte berücksichtigen.

In Japan und Südkorea wird aber nächsten Sommer in insgesamt 21 Stadien gespielt.

Das ist ja auch nicht vernünftig. Es soll in Deutschland 2006 nicht so sein wie in Japan und Südkorea, wo in den teuren Arenen nur drei Spiele stattfinden. Jede Stadt soll bei uns mit fünf oder sechs Partien bedacht werden, damit sich die Bewerbung und der Aufwand auch lohnen.

Es hat ein wahrer Boom in Sachen Stadionbau eingesetzt. Dabei werden allerdings ganz unterschiedliche Modelle und Formen entwickelt. Ist das in Ihrem Sinne?

Wir haben bewusst keine Vereinheitlichung vorgenommen. Jedes Stadion soll seine Eigenart behalten und für die ortsspezifischen Modelle gibt es gute Gründe - siehe den Ausbau in Kaiserslautern, die Beachtung des Denkmalschutzes in Berlin. Und einige andere Projekte beinhalten den kompletten Neubau. Die individuellen Proejkte sollen ihren eigene Charakteristik behalten.

Die Entscheidung wollen Organisationskomitee und Weltverband gemeinsam treffen - doch die entscheidende Vorgabe wird vorher in Ihrem Hause geliefert.

Die gesamte OK-Spitze, die OK-Mitarbeiter zum Thema Stadien und natürlich der OK-Aufsichtsrat werden gemeinsam die Unterlagen inspizieren und bewerten. Wir werden auch mit dem DFB-Präsidium sprechen und uns dann mit der Fifa zusammensetzen.

Was ist entscheidend?

Wir werden ausschließlich auf die Inhalte des Pflichtenheftes achten.

Darin werden mitunter aber Maßnahmen beschrieben, die mitunter über die Planungsphase noch gar nicht hinaus sind. Frankfurt, München, Düsseldorf oder Köln haben noch gar nicht mit dem Bau begonnen. Welche Garantie hat das OK, dass die Städte ihre Projekte auch so durchführen?

Wir haben keine Macht, eine Stadt dazu zu zwingen. Da ist schon ein Stück Vertrauen dabei. Und wir verlassen uns auf die Unterlagen. Wenn es Unklarheiten gibt, werden wir Rücksprache halten. Man muss dazu ja sagen, dass wir mit den meisten Städten schon sechs, sieben Jahre in Kontakt stehen. Das ist fast ein partnerschaftliches Verhältnis. Ich rechne nicht damit, dass es da Probleme gibt.

Aber einige Städte scheinen mit dem Um- oder Neubau abzuwarten, ob sie WM-Spielort werden. Wo ist das der Fall?

Ich habe den Eindruck, dass Düsseldorf, Nürnberg und Hannover die Entscheidung, die am 22. oder 23. April in Frankfurt bekanntgegeben wird, erst abwarten. Die machen ihr weiteres Engagement an den Projekten von der Vergabe abhängig. Sonst geht es da vielleicht nicht weiter. Aber für die Bewerbung ist das kein Nachteil. Wir haben deshalb die Entscheidung ja auch vorverlegt.

Gab es Städte, die nachträglich auf den WM-Zug aufspringen wollten?

Ja, Dresden hatte zwischendurch Interesse angemeldet. Sie konnten aber die geforderte Kapazität von 40.000 Plätzen nicht erfüllen. Alle 16 Städte sind ja auch dabei geblieben. Vielleicht haben sie von 1974 gelernt: Damals haben es Köln und Nürnberg bitter bereut, zurückgezogen zu haben. Dabei waren die Stadien da noch billig: 100 Millionen Mark und fertig war die komplett neue Arena.

Jetzt wird als neuester Clou von WM-Spielen auf Kunstrasen geredet. In Leipzig wird sogar in die neue Arena schon ein Kunstrasen eingesetzt. Erleben wir in Deutschland da eine weitere neue Ära?

Fakt ist, dass die Entwicklung von Kunstrasen eine beachtliche Qualität erreicht hat. In ein paar Jahren könnte der noch besser sein. Und der Nachteil der jetzt entstehenden modernen Arenen ist ganz offensichtlich, dass drei- oder vier Mal in der Saison der Rasen ausgetauscht werden muss. Da gibt es verschiedene Varianten: Bei der WM in Amerika 1994 haben sie in Detroit einzelne Cassetten, also Teilstücke der Spielfläche, ersetzt. Doch die Ausschreibung der Fifa ist eindeutig: Die schreibt Spiele für 2006 auf Naturrasen vor. Ich glaube nicht, dass wir bezüglich des Kunstrasens in Deutschland eine Premiere erleben.

Das Gespräch führte Frank Hellmann, Frankfurt

Quelle: @hel
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