16.04.2002 · Bremen fühlt sich bei der Vergabe der WM-Stadien 2006 betrogen. Werder-Aufsichtsrat Böhmert erhebt schwere Vorwürfe. „Der DFB ist für mich tot.“
Es sollte der Tag der smarten Fußball-Diplomaten und glücklichen Lokalpolitiker sein. Doch die Verlierer aus Mönchengladbach, Düsseldorf und Bremen bei der Kür der Spielorte zur Weltmeisterschaft 2006 waren unversöhnlich.
Allen voran wetterte der Aufsichtsratsvorsitzende des Fußball-Bundesligisten SV Werder Bremen Franz Böhmert im Interview mit FAZ.NET gegen den Deutschen Fußball-Bund, Franz Beckenbauer und den Bundeskanzler.
Warum hätte Bremen statt Hannover WM-Spielort werden sollen?
Hannover wird die Expo-Pleite nahtlos fortsetzen und wird trotz der Millionen-Schulden berücksichtigt. Ich bin wütend und enttäuscht. Wir sind wie 1974 und 1988 von solch einem Ereignis fern gehalten worden, dabei haben wir die neue Stadiongeneration mit den Logen eingeleitet. Und warum? Hannover stellt heraus, dass der Kanzler zu Fuß ins Niedersachsenstadion gehen könne. Der Kanzler hat nur fünf Minuten Fußweg von zu Hause - das war doch der Wink mit dem Zaunpfahl. Wir sind ein Kanzler-Opfer geworden. Es ist die größte Schweinerei, die ich erlebt habe.
Ist gemauschelt worden?
Wir hätten zusammen mit Hamburg die Nordwest-Region genauso abgedeckt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es mit rechten Dingen zugegangen ist.
Hannover hatte mit Gerhard Schröder und DFB-Vizepräsident Engelbert Nelle prominente Fürsprecher. Aber sie haben doch auch Einfluss beim DFB?
Aber ich bin kein Kanzler. Und ich musste erfahren, dass ich fälschlicherweise an Recht, Solidarität und Fairplay geglaubt habe. Bis zum Montagmorgen. Dann haben sich halt andere Interessen durchgesetzt. Und die, die als Egoisten die Ellenbogen benutzen. Es gibt die Münchner Lobby, bei der wir keine großen Sympathien haben. Was soll ich von Franz Beckenbauer erwarten? Der eigentliche Strippenzieher ist Beckenbauer, der hat das so eingefädelt. Ich weiß doch, wie das hinter den Kulissen so läuft. Man hat uns hier in Frankfurt nur als Staffage gebraucht und missbraucht. Der DFB ist für mich tot. Der einzige aufrichtige Mann ist für mich Egidius Braun. Er hat uns bei der 100-Jahr-Feier des SV Werder sein Wort gegeben. Es wäre nur verdient gewesen, wenn Bremen WM-Stadt geworden wäre.
Warum?
Weil Städte wie Mönchengladbach und Bremen sehr viel für den deutschen Fußball geleistet haben. Wir sind in der internationalen Fußball-Welt ein Begriff. Der SV Werder ist über die Grenzen bekannt, die legendären Europapokal-Spiele, wir haben den deutschen Fußball auf der internationalen Bühne hervorragend vertreten, stehen auf Platz drei der ewigen Tabelle. Und das zählt jetzt alles nicht mehr. In Amerika gab es jetzt wieder Werder gegen Schalke live. Fragen sie mal die ausländischen Fußball-Anhänger nach Hannover 96. Das kennt keiner.
Wie sehen die Konsequenzen aus?
Jetzt wollen sie Länderspiele nach Bremen geben. Aber kann das für eine WM entschädigen? Ich werde das nicht ablehnen, aber ich weiß nicht, wo da die Kompensation ist. Für mich sind Länderspiele der deutschen Nationalelf jetzt tabu.
Treten Sie von ihren Ämtern zurück?
Natürlich muss ich meine Position im Vorstand des DFB und in der Liga gründlich überdenken. Ich weiß, dass Gerhard Mayer-Vorfelder bis zuletzt für uns gekämpft hat. Und dann dies, das macht mich madig. Ich sage mir eines: Ich werde keinen mündlichen Zusagen mehr glauben, für mich ist eine Lebensphilosophie eingestürzt. Was soll ich da beim DFB noch?
Sind sie auch sauer auf den DFB?
Das Weserstadion wurde der Fifa präsentiert, als es darum ging, die WM nach Deutschland zu holen. Der DFB hat bei der Fifa mit uns geworben, wir waren eines von acht Stadien, die inspiziert worden sind. Wir hatten damals alles fertig, wir waren überhaupt die ersten, die Logen und Businessplätze hatten. Da sind andere Stadion-Betreiber zu uns gefahren und haben Anschauungsunterricht genommen. Da fühlt man sich wieder benutzt. Das ist alles eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.