10.05.2005 · Der Enthüller und Schriftsteller Edwin Klein im F.A.Z.-Interview über die gedopte deutsche Nation. 1976 nahm der einstige Hammerwerfer an den Olympischen Spielen in Montreal teil.
Edwin Klein war Gymnasiallehrer und Leistungssportler, 1972 und 1974 deutscher Meister im Hammerwurf. Als Autor hat er es bis in die Bestsellerlisten gebracht. Zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Montreal 1976 suchte Klein per Anzeige in der F.A.Z. einen Mäzen. Als Gegenleistung avisierte er: "Qualifikation wahrscheinlich, Medaille möglich". Er qualifizierte sich und wurde Achter. Beim Thema Doping erwies sich der streitbare Klein als Prophet.
Wie lebt es sich vom oder mit dem Vorhersagen? 1992 haben Sie in Ihrem Thriller "Bitterer Sieg" Spitzensportler als Marionetten einer Doping-Mafia romanhaft beschrieben. Sehen Sie sich von der Realität eingeholt oder gar überholt?
Überholt, wenn ich an Nationen wie China, USA und Griechenland und viele andere denke. Auch an Italien, wo man vom Verband über Jahre Sportler mit Dopingsubstanzen versorgt hat. Überholt auch, weil es mehr als genügend Substanzen gibt, die man überhaupt nicht nachweisen kann.
Ist der deutsche Sport sauberer als der anderer Nationen?
Der Spitzensport ist zweifellos der sauberste Teil der Gesellschaft, was Doping betrifft. Statistisch gesehen, ist jeder Deutsche, der Medikamente etwa gegen Grippe und Erkältungen einnimmt, entsprechend den Dopingbestimmungen jährlich zirka vierzigmal gedopt.
Haben Sie mit dem Sport gebrochen, weil er Sie so enttäuscht hat?
Der Sport selbst und die Aktiven können mich nicht enttäuschen. Es gibt wohl kaum etwas Faszinierenderes, als sich selbst über den Sport kennenzulernen und zu definieren. Enttäuscht bin ich darüber, wie subtil das System, die Öffentlichkeit zu täuschen, funktioniert. Da wird Doping ein Schreckgespenst aufgebauscht, das Gefährlichkeit ausstrahlt, angeblich die Jugend verseucht, ihr die Idole raubt. Die gleiche Jugend kauft sich Hotel California von den Eagles, die immer vollgedröhnt bis zur Haarspitze ihre Hits produziert haben. Die gleiche Jugend schert sich einen Dreck darum, was Pharisäer ihr vorsetzen wollen. Pharisäer, die selbst nicht das erfüllen, was sie von anderen erwarten. Für mich wäre es ein Hochgenuß, einmal überraschend eine Dopingkontrolle bei einem Treffen der olympischen Funktionäre zu machen. Achtzig Prozent wären mindestens positiv. Oder im Bundestag. Die Vorstellung, von gedopten Politikern abhängig zu sein, ist doch viel erschreckender als Doping im Sport.
"Wer die Macht hat, in großem Stil zu kontrollieren, hat auch gleichzeitig die Macht, selbst zu manipulieren und zu vertuschen." Bedeutet Ihr Zitat aus den neunziger Jahren, daß man heutige Anti-Doping-Programme zugleich als Doping-Programme bezeichnen könnte?
Das Zitat trifft besonders und mehr denn je auf die oben genannten Nationen zu. Und auch auf Konzerne, ich erinnere da an eine amerikanische Schuhfirma, wo man gewisse Testverfahren zum Umgehen von Kontrollen durchgeführt hat. Leider ist das nationale Anti-Doping-Programm nur ein Programm für den deutschen Sport, mir fehlt ein staatliches Programm für alle. Warum wird der Spitzensportler als einziger "Arbeitnehmer" - er bezahlt Steuern wie jeder andere Arbeitnehmer - ausgegrenzt und muß um seinen Arbeitsplatz fürchten, wenn er dopt, während ansonsten die gesamte Nation einen Freibrief hat?
Seinerzeit wurden Sie als Überbringer der bitteren Botschaften und skeptischen Prognosen der "heiligen Kuh" Leistungssport kritisch beäugt, wenn nicht gar geächtet. Sind Sie mit 56 Jahren milder geworden?
Aufklärerisch tätig zu sein erfüllt immer einen Zweck. Ich darf daran erinnern, 1994 auch ein Buch über den Deutschen Fußball-Bund geschrieben zu haben. Über mehr als zwanzig Seiten wird dort von Wett- und Spielmanipulationen gesprochen, mit Nennung der Partien, Betroffenen. Heute tut man so, als wäre das permanente Problem der Manipulation im Sport vom Himmel gefallen.
War Ihr Erfolg als Enthüller am Ende für Sie persönlich ein "Bitterer Sieg"?
Keineswegs. Die Mehrheit der Aktiven sieht den Sport so, wie ich ihn beschrieben habe. Mein Buch hat sicherlich einen Pflock gesetzt. Dopingkontrollen wird es so lange im Sport geben, bis die Funktionäre ein anderes Regulativ gefunden haben, um Sportler zu bevormunden. So war es jedenfalls beim Amateurparagraphen, der nach 100 Jahren ausgedient hatte, weil die Dopingkontrollen kamen. Komplizierte Regeln und permanente Kontrollen sind die einzige Möglichkeit der Funktionäre, ihre "Daseinsberechtigung" zu beweisen.