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Interview "Das Kapitel Trainer ist unser schwerstes Kapitel"

Reinhard Mirmseker, der Präsident der Deutschen Eislauf-Union, über die deutschen Eiskunstlauf-Meisterschaften und seine Probleme mit der internationalen Klasse.

© dpa/dpaweb Vergrößern Umstellungsprobleme: Kati Winkler/René Lohse

Kurz, kompakt, komprimiert: Die deutsche Eiskunstlauf-Meisterschaft befreit sich in den Augenblicken ihrer Entscheidungen der Form nach von der alten stundenlangen Weile, bis endlich die neuen Titelträger gefunden waren. Fehlen in Berlin nur noch die neuen Gesichter und Hoffnungen, um neben der Form auch mit den Inhalten werben zu können.

Wir rechnen an der Spitze mit denselben Läufern wie schon in den vergangenen drei Jahren. Vom Verband aus haben wir zumindest alles getan, daß unsere Spitzenleute so viel wie möglich aus sich herausholen und sich weiter verbessern können. Dem dienten diverse Lehrgänge mit international renommierten Trainern wie mit Tamara Moskwina in Sankt Petersburg, mit Igor Moskwin in Chemnitz oder mit Walentin Nikolajew zuletzt in Oberstdorf. Was mich ein bißchen freut, ist, daß sich die anfangs spürbaren Vorbehalte gegen diese Kurse, speziell bei unseren Trainern, aufgelöst haben. Gerade die Trainer haben viel zu lange gedacht, eigentlich können wir alles, und brauchen niemand mehr.

Die Folgen dieses Denkens konnte man denn auch gut an den Ergebnissen ablesen. Selbst die besten Sportler aus der früheren Eiskunstlauf-Nation Deutschland sind inzwischen bei Europa-und Weltmeisterschaften nur noch bemühte Hinterherläufer.

Das Kapitel Trainer ist unser schwerstes Kapitel.

Und nun hört auch noch zum Saisonende ein zu Hoffnungen Anlaß gebender Trainer wie der frühere Paarlauf-Weltmeister Ingo Steuer aus privaten Gründen auf. Glauben Sie, ihn noch einmal umstimmen zu können?

Für meine Begriffe hat Herr Steuer alles etwas übereilt hingeschmissen und ich frage mich zudem, ob die ursprünglich genannten Gründe auch heute noch gelten. Selbst wenn Steuer nun doch weitermachen wollte, wäre dieses Umsteuern nicht mehr so einfach. Er hat ja mit seinem abrupten Entschluß nicht nur mich verprellt, was noch zu korrigieren wäre, er hat nahezu alle verprellt, die ihm zur Seite standen: Das für den Spitzensport zuständige Bundesinnenministerium, die Bundeswehr, bei der er seinen Dienst aufgekündigt hat, und den Deutschen Sportbund. Er mutet uns eine Menge zu. Sicher ist aber, daß Steuers Heimatstadt Chemnitz ein Stützpunkt für das Paarlaufen bleiben wird und wir eine Trainerlösung zur neuen Saison finden werden.

Größere Hoffnungen auf eine gute Plazierung, vielleicht gar einen Medaillenrang bei der WM im eigenen Land, wecken nur die Eistänzer Kati Winkler und Rene Lohse. Bei ihren beiden Grand-Prix-Wettbewerben indes schnitten die zwei schlechter als erwartet ab; dazu kamen immer mal wieder unverhoffte Stürze - macht Ihnen das Sorge?

Die Eistänzer haben durch die in der kommenden Saison endgültig vollzogene Umstellung vom alten Notensystem auf die jetzt schon im Grand Prix praktizierte Punktwertung eine Reihe von neuen Regeln und Elementen zu berücksichtigen gehabt. Was im einzelnen gefordert und gewünscht wird, ist aber noch nicht zu allen Paaren mit der letztmöglichen Klarheit vorgedrungen. Auch Winkler/Lohse hatten so ihre Umstellungsprobleme. Wir wissen selbst noch nicht genau, ob die für den Grand Prix geltenden Regeln auch bei der EM und WM, wo letztmals nach Noten gewertet wird, angewendet werden. Winkler/Lohse haben ihre Kür wegen der unsicheren Regellage mehrfach geändert. Ich hoffe aber nach wie vor, daß die beiden bei der WM wenigstens unter die ersten Fünf kommen und träume von einer Medaille. Bis dahin aber müssen sie auch psychisch wieder stabiler werden und Stürze vermeiden.

Was erhoffen Sie sich denn in puncto Werbewert für ihre Sportart von der Meisterschaft in Berlin?

Unter die besten Sechs zu kommen, bei den von der ARD übertragenen Entscheidungen dabei zu sein, das ist ein richtiger Anreiz. Es muß doch endlich mal ein bißchen Bewegung in unseren Eiskunstlauf kommen, der bei Titelkämpfen hundert Jahre nach demselben Schema inszeniert worden ist. Wir versuchen, da ein bißchen Schwung reinzubringen, denn wenn man nichts macht, ist alles noch viel schlimmer. Wenn wir nach der Weltmeisterschaft nicht in der Versenkung verschwinden wollen, müssen wir jetzt schon neue Wege gehen.

Ihr bisheriger Generalsekretär Dietmar Krug geht da nicht mehr mit. Warum?

Er hat schon aufgehört. Mit ihm sind wir nicht richtig vorangekommen, und außerdem plagen uns längst erhebliche finanzielle Nöte. Wir agieren derzeit total an der Kante. Einen neuen Generalsekretär können wir uns derzeit überhaupt nicht leisten. Wenn die DEU überleben will, muß sie alle Ausgaben erst einmal auf ein Normalmaß runterfahren.

Wie gut, daß die nächste WM in Deutschland, also in Dortmund, ist. Da winkt auch Ihrem Verband frisches, dringend benötigtes Geld.

Mit den Einnahmen aus der WM, von denen man früher zehren konnte, müssen diesmal auch Lücken gestopft werden. Und dabei haben wir jetzt schon durch den schwachen Dollarkurs im Vergleich zum Euro sehr viel Geld, fast ein Viertel der Zuschüsse durch die Internationale Eislauf-Union, verloren, denn die WM-Verträge sind auf Dollarbasis abgeschlossen worden. Ich habe Probleme ohne Ende.

Die Fragen stellte Roland Zorn.

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