18.04.2002 · Die Stadienvergabe für die Fußball-WM 2006 wirkt noch immer nach. Unternehmensberater Stefan Ludwig analysiert im FAZ.NET-Interview die Folgen für die Verlierer.
Die Stadienvergabe für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wirkt noch immer nach. Düsseldorf bangt nach dem Aus vor negativen Folgen für die Olympia-Bewerbung und NRW-Ministerpräsident Clement versucht, an der Vergabe des Medienzentrums nach München zu rütteln. Im Interview mit FAZ.NET macht Unternehmensberater Stefan Ludwig von der sporterfahrenen Firma Arthur Andersen Clement wenig Hoffnung.
Ohne eine Beraterfirma im Hintergrund geht kaum noch eine Stadt in ein Rennen um eine Großveranstaltung im Sport. Andersen hat mit seiner „Sportabteilung“ SCORE die Olympia-Bewerbungen von Sydney und Peking beraten und unterstützt derzeit Frankfurt im Bemühen um die Sommerspiele 2012.
Nach der Stadienvergabe ist noch immer mehr von den drei Verlierern Düsseldorf, Bremen und Mönchengladbach die Rede als von den zwölf Gewinnern. Wie beurteilen Sie als Berater von Städten, die sich um große Sportveranstaltungen bewerben, die bitterbösen Reaktionen der Verlierer?
Es ist eine verständliche, emotionale Reaktion der Städte, die nicht berücksichtigt wurden. Jeder hätte so reagiert, weil die Hoffnung insbesondere in Bremen und Düsseldorf sehr groß war. Ich glaube, dass Mönchengladbach sich bewusst war, dass sie nur eine Außenseiterchance hatten. Für Düsseldorf als Landeshauptstadt und Bewerber für Olympia 2012 ist es besonders bitter.
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Clement hat vom Weltverband Fifa und vom deutschen Organisationskomitee ein Nachdenken über die Vergabe des Fernsehmedienzentrums nach München gefordert. Glauben Sie, dass sich Nordrhein-Westfalen noch Hoffnungen machen kann?
Ich sehe wenig Hoffnung, dass sich noch einmal etwas verändert. Eine einmal getroffene Entscheidung zu revidieren, ist sehr schwierig, da dies mit einem Verlust der Glaubwürdigkeit der Entscheider verbunden wäre. Wenn er Herr Clement es jedoch nicht gefordert hätte, gäbe es nicht einmal die Hoffnung. Motiviert ist diese Intervention mit Sicherheit auch durch den Gedanken, NRW als Medienstandort stärker zu positionieren. Wenn es zu einer Übernahme von KirchPayTV durch Murdoch käme, hat sich das Land Nordrhein-Westfalen bereits als möglichen Standort ins Rennen gebracht.
Rund 1,7 Milliarden Euro müssen für die Stadienprojekte in den zwölf Städten aufgebracht werden. Ein Großteil davon sind Steuergelder. Lohnt sich diese Investition für die Städte und für Deutschland?
Die Gesamtwirkung für Deutschland ist volkswirtschaftlich schwer berechenbar, aber ohne Zweifel enorm. Es gab vor der Bewerbung schon Modelle, in denen beschrieben wurde, welch ein hoher volkswirtschaftlicher Nutzen durch solch ein internationales Event entsteht. Für alle Städte werden direkte Refinanzierungsmöglichkeiten durch die Fans und Touristen entstehen, die während der WM die Städte besuchen werden. Darüber hinaus hat es einen sehr großen Imagewert für die jeweilige Stadt sowohl national als auch international. Das wird auch langfristig wirken. Ich kann mir beispielsweise vorstellen, dass ein Fußballtempel mit entsprechendem Nutzungskonzept und Architektur zum Highlight einer Stadt wird, welches die Touristen der Zukunft in ihr Reiseprogramm integrieren.
Einigen der Stadienprojekte sind noch in einem unsicheren Stadium der Planung. Können Sie sich vorstellen, dass eines dieser Stadienprojekte noch scheitern könnte bis 2006?
Gerade jetzt wo die Vergabe beschlossen ist, ist der politische Druck so enorm, dass die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Ob die Mittel von der Wirtschaft aufgrund attraktiver Vermarktungskonzepte kommen, oder ob sie von der Politik - also durch Steuergelder - zur Verfügung gestellt werden, muss man abwarten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich irgendjemand jetzt noch erlauben kann, einen Rückzieher zu machen. Der politische Druck quer durch alle Parteien wird so hoch sein, dass sich niemand hinstellt und sagt, wir lassen das jetzt doch sein.