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Im Gespräch: Theo Zwanziger „Die Bundeskanzlerin hat die Bewerbung ins Rollen gebracht“

29.10.2007 ·  An diesem Dienstag wird in Zürich die Frauen-WM 2011 vergeben. Der DFB-Präsident warnt davor, eine Kopie des „Sommermärchens“ 2006 zu versuchen. Liebenswert, kleiner und familiärer sollte es zugehen.

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DFB-Präsident Theo Zwanziger spricht im Interview über die Wurzeln seiner Leidenschaft zum Frauenfußball, die Bewerbung um die Frauen-WM 2011 und warum es fatal wäre Teil zwei des Sommermärchens zu versuchen.

Seit wann und warum überhaupt sind Sie ein großer Liebhaber und Förderer des Frauenfußballs?

Meine Liebe zum Frauenfußball ist vor zwei Jahrzehnten in meinem heimischen Fußball-Verband Rheinland entstanden. In unserem Verband hatten wir noch keinen Männer-Bundesligaverein. Aber es gab zwei Frauen-Bundesligaklubs mit Neuenahr und Ahrbach. Da haben auch Spielerinnen aus Altendiez, meinem Heimatort, mitgespielt. Deshalb hatte ich immer Sympathien für den Frauenfußball, zumal mich damals das manchmal respektlose Gerede von Männern über Frauenfußball geärgert hat. Der Weltmeistertitel 2003 wirkte auf mich dann wie eine richtige Initialzündung, und schließlich hat mir auch der Fußball von Turbine Potsdam imponiert.

Der Frauenfußball spielt aber nicht nur für den Frauenfußball-Liebhaber Zwanziger eine Rolle, sondern er steht auch für eine wichtige Aufgabe in der Zeit Ihrer Präsidentschaft

Natürlich muss ich mir als DFB-Präsident darüber Gedanken machen, wo der Fußball in zehn Jahren stehen könnte. Es ist noch nicht so lange her, dass wir unter unseren Mitgliedern - es sind inzwischen rund 6,5 Millionen - nur zehn bis zwölf Prozent Frauen und Mädchen hatten. Also haben wir in enger Zusammenarbeit mit meiner heutigen Präsidiumskollegin Hannelore Ratzeburg und anderen tüchtigen Frauen schon zu meiner Zeit als DFB-Schatzmeister 2001 und 2002 ein Mädchenfußballkonzept entwickelt, das Früchte getragen hat. Inzwischen freuen wir uns über circa 1,2 Millionen Frauen und Mädchen unter den heute 6,5 Millionen DFB-Mitgliedern.

Gibt es etwas, das die fußballspielenden Frauen den Männern auf dem Platz voraushaben könnten?

Weil das Spiel nicht ganz so schnell und nicht ganz so hart ist, ist der Frauenfußball in der Spitze, vorausgesetzt, es begegnen sich zwei etwa gleich starke Mannschaften, ästhetisch gesehen hochattraktiv - manchmal attraktiver und oft offensiver als das athletische Spiel der Männer. Für mich jedenfalls ist es keine Pflichtübung, zu Frauenfußballspielen zu gehen.

Die deutschen Frauen sind zweimal nacheinander Weltmeisterinnen, derzeit das Maß aller Dinge in ihrer Sportart. Da lag die Idee nahe, sich um die Ausrichtung der nächsten Weltmeisterschaft im Jahr 2011 zu bewerben. Andererseits ist die großartige Erfolgsgeschichte der Männer-WM in Deutschland gerade erst ein gutes Jahr her. Haben Sie nicht die Befürchtung, dass der DFB mit seiner Bewerbung um die Frauen-WM in den Ruf eines Nimmersatts geraten könnte?

Ich habe das noch nicht gehört, kann mir aber vorstellen, dass solche Vorurteile in manchen Köpfen herumspuken. Deshalb haben wir auch versucht, unsere Bewerbung so frei wie möglich von egoistischen Darstellungen zu halten. Wir sehen, dass der Frauenfußball in der Welt noch große Entwicklungspotentiale hat, während wir in Deutschland schon sehr weit gekommen sind. Wir glauben, dass gerade in Ländern wie Iran, Irak, Afghanistan, auch in afrikanischen Ländern über verbesserte Möglichkeiten, Fußball zu spielen, einiges für die Frauen und Mädchen getan werden könnte. Wir wollen dazu beitragen, dass der Frauenfußball eine globale Erfolgsgeschichte wird - auch in Gesellschaften, in denen es Frauen noch schwer haben. Das ist ein Anliegen, das in unserer Bewerbung mitschwingt, und so habe ich das auch dem Fifa-Präsidenten Joseph Blatter gesagt.

Die Chance, dass Deutschland auch diese Fußball-Weltmeisterschaft bekommt, scheint nach allem, was man hört, groß zu sein. Frankreich, die Schweiz, Australien und Peru haben ihre Kandidatur zurückgezogen, Kanada ist als einziger Konkurrent übrig geblieben. Wie schätzen Sie selbst die Aussicht ein, den Zuschlag zu erhalten?

So viel haben wir von vornherein gewusst: Wenn wir nicht einziger europäischer Kandidat sind, werden wir es sehr schwer haben. Deshalb waren Gespräche mit dem französischen Verband nötig. Dort haben wir sehr schnell gemerkt, dass die Franzosen andere Prioritäten haben. Schon zuvor hat die Schweiz verzichtet. Die Gründe dafür kenne ich nicht im Detail. Peru hat wohl gemerkt, dass es bei dieser Konkurrenzsituation kaum mithalten konnte. Australien, das zur asiatischen Konföderation gerechnet wird, hat gesehen, dass Asien mit China gerade dran war. Kanada wäre sowieso unser größter Konkurrent gewesen. Für uns hat sich durch den Rückzug von Australien und Peru nicht so viel geändert. Unsere Chancen sind sicher gut, aber wenn du in einen Wettbewerb gehst, kannst du nie sagen, es ist alles klar zu unseren Gunsten. Sicher ist: Wir haben gut gearbeitet, haben eine qualitativ sehr gute Bewerbung abgegeben.

Worin sehen Sie den deutschen Vorteil gegenüber den in der Ausrichtung internationaler Großveranstaltungen ähnlich erfahrenen Kanadiern?

Unseren Vorteil sehe ich darin, dass die Mehrheit des Fifa-Exekutivkomitees eigentlich erkennen müsste, dass Europa dran ist, zumal Nordamerika schon zweimal Ausrichter der Frauen-WM war, das letzte Mal 2003 in den Vereinigten Staaten.

Sind die glänzenden Eindrücke, die die Fußballwelt von Deutschland als Gastgeber der WM 2006 gewonnen hat, vielleicht ein Hilfsargument für die eigene Bewerbung?

Das sehe ich nicht im Vordergrund. Ich sehe unser Plus in erster Linie darin, dass wir der einzige europäische Bewerber sind und Europa erst einmal mit Schweden 1995 Ausrichter einer WM war. Unsere Verbündeten neben den Europäern im Exekutivkomitee könnten Freunde aus Asien und Afrika sein.

Unterstellt, Deutschland bekommt an diesem Dienstag vom Fifa-Exekutivkomitee den WM-Zuschlag: Welche Chancen bieten sich dem Land, dem DFB und dem Frauenfußball hierzulande?

Dem Frauen- und Mädchenfußball bietet sich die Chance, dass wir die Schulen mit speziellen Projekten einbinden und eine gesellschaftliche Entwicklung in Gang setzen könnten, die dazu führt, dass das Interesse am Mädchen- und Frauenfußball noch sehr viel größer wird als zurzeit. So können wir manche Ziele, die wir sonst vielleicht erst 2015 erreichen würden, schon 2011 erreichen. Unserem Land bietet sich die Chance, die starke Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft hervorzuheben und dazu über den Mädchen- und Frauenfußball einiges auf dem großen Aufgabenfeld der Integration zu schaffen. Wir könnten so zur Verständigung der Kulturen über den Fußball beitragen. Dem DFB bietet sich außerdem die Chance, den Mädchenfußball schneller zu entwickeln, die Vereine zu stärken und einen weiteren Schub in der Stadienentwicklung zu erreichen. In den ausgewählten Stadien - wie viele Standorte es am Ende sein werden, wird im Fall des Falles erst nach der WM-Vergabe entschieden - würde wohl noch ein Tick mehr als sonst getan werden, um sich schließlich unter WM-reifen Bedingungen zu präsentieren.

Wie bei der Männer-WM scheinen die Bewerberstadien für die Frauen-WM 2011 regional ausgewogen. Steht dahinter der Gedanke, das ganze Land an den Spielen teilhaben zu lassen?

So ist es. Wir wollen das Land mitnehmen und die Regionen vertreten sehen. Wenn wir den Zuschlag bekommen, ist Berlin, 2006 der Endspielort, für das Eröffnungsspiel mit der deutschen Mannschaft vorgesehen und Frankfurt, wo der DFB zu Hause ist, als Endspielort.

In Ihrem Bewerbungsdossier für die Fifa erinnert vieles an die Akribie, mit der sich der DFB um die Weltmeisterschaft 2006 beworben hat. Ist es aber nicht auch tückisch, wie hier und da suggeriert, nun auf des Sommermärchens zweiten Teil zu spekulieren?

Wir wären mit einem nassen Handtuch geschlagen, den Versuch zu unternehmen, eine top gelaufene Weltmeisterschaft zu wiederholen. Wir brauchen eine andere WM, die beispielsweise keine Metropolen, sondern mittelgroße Städte als Austragungsorte berücksichtigt. Eine Vergleichbarkeit zur Männer-WM 2006 werden wir von Anfang an, sollten wir berücksichtigt werden, hinterfragen müssen. Natürlich wird es viele Dinge geben, die ähnlich sind. Aber im Detail, etwa auch bei Fragen der Sicherheit, wird manches ganz anders ein. Wieder durchaus liebenswert, aber kleiner und familiärer dürfte es bei einer Frauen-WM in Deutschland im Vergleich zum großen Bruder 2006 zugehen.

Offen ist noch die Frage, ob das Turnier 2011 mit 24 oder wie bisher mit 16 Mannschaften ausgespielt wird. Wofür sind Sie?

Wir sind für beide Möglichkeiten bestens gerüstet. Ich neige unter dem Gesichtspunkt der globalen Verbreitung des Frauenfußballs eher zu 24 Mannschaften. Man wird dann aber bei der Zusammenstellung des Teilnehmerfeldes darauf achten müssen, dass Ergebnisse wie unser 11:0 über Argentinien bei der WM in China nicht allzu häufig passieren.

Verknüpfen Sie mit dem Projekt 2011 auch einen Großteil des Erfolges Ihrer Präsidentschaft?

Zunächst einmal bin ich vom DFB-Bundestag in Mainz bis 2010 gewählt. Ich müsste also 2011 schon wiedergewählt sein. Ich bin im Übrigen nicht allein auf die Frauen-WM fokussiert. Sie ist eines von vielen Zielen, die ich in meiner Zeit als DFB-Präsident erreichen will. Es gibt auch noch andere Projekte, zum Beispiel im Amateurfußball, die mich faszinieren. Wenn unsere Bewerbung nicht erfolgreich wäre, würde ich nie sagen, jetzt ist die Hälfte deiner Arbeit im Grunde nichts mehr wert. Die Anregung zu dieser Bewerbung hat übrigens die Bundeskanzlerin gegeben mit ihrer Rede beim DFB-Bundestag 2005 in Leipzig. Sie war diejenige, die das Ganze ins Rollen gebracht hat. Bei uns im DFB hatte zu der Zeit, da wir alle mit der Arbeit für die WM 2006 ausgelastet waren, niemand die Vorstellung, nun auch noch die Frauen-Weltmeisterschaft 2011 auszurichten.

Das Gespräch führte Roland Zorn

Quelle: F.A.Z., 30.10.2007, Nr. 252 / Seite 30
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