26.06.2006 · Hans Meyer lobt die Standhaftigkeit von Klinsmann: „Er hat ein Konzept, er hat es durchgezogen. Das ist nicht leicht, wenn man die Boulevardpresse im Nacken hat.“
Hans Meyer, Trainer des 1. FC Nürnberg, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die Qualitäten von Jürgen Klinsmann als Bundestrainer.
Alle sind begeistert. Sie auch?
Hätte es nicht Portugal gegen Holland gegeben, wo der Tritt von Boulahrouz gegen Ronaldo schon das ganze Spiel kaputtgemacht hat und der total verunsicherte russische Schiedsrichter es immer mehr aus den Händen gleiten ließ, ich hätte gar nichts Negatives zu sagen. Mich beeindruckt die unglaubliche Freundlichkeit. Die Volksfeststimmung rund um die Spiele. Ich sah die schwedischen Zuschauer, die enttäuscht waren und trotzdem der deutschen Mannschaft applaudierten.
Applaudieren Sie auch?
Die deutsche Mannschaft hat zwei solide Spiele gemacht, gegen Costa Rica und Ecuador. Dazu ein richtig gutes gegen Polen, bei dem man schon genau sah, was Jürgen Klinsmann will. Und was sie gegen Schweden gespielt haben, war vom Feinsten. Die Mannschaft hat ihr Nahziel erreicht. Das Halbfinale wäre ein richtiger Erfolg, alles weitere wäre phantastisch.
Wie fällt Ihr Urteil über den Trainerkollegen Klinsmann aus?
Es ist großartig, wie er all die Schwierigkeiten gemeistert hat, wenn man bedenkt, daß die Boulevardpresse ihn noch sechs Wochen vor der WM in Frage gestellt hat. Er hat ein Konzept, er hat es mit viel Konsequenz und Standhaftigkeit durchgezogen. Das ist nicht leicht, wenn man die Boulevardpresse im Nacken hat. Und wenn man nicht deren Ziehkind ist.
Wie hat er es geschafft?
Der Jürgen ist zum Glück nicht nur beratungsresistent, er ist auch resistent gegen all die Themen, die von außen konstruiert werden. In den letzten Wochen haben er und sein Team nicht nur die deutsche Öffentlichkeit, auch die Weltöffentlichkeit völlig überzeugt.
Eine Trendwende im deutschen Fußball?
Die konzeptionelle Frage bleibt: Wie will ich spielen? Aus einer Position der Stärke? Das Spiel bestimmen? Soll im Vordergrund die beste Ausbildung stehen? Oder will ich schon ganz unten in der Jugend auf Resultat spielen? In einem gut funktionierenden System muß man diese Frage beantworten und umsetzen in den Nachwuchsbereich.
Und das kann gelingen dank Klinsmann?
Es ist in Deutschland etwas Neues, daß der Trainer der Nationalmannschaft einen neuen Stil einführt. Einen Stil, der mit mehr Aktivität im Spiel verbunden ist und dem Zuschauerwunsch nach attraktivem Fußball entgegenkommt. Wenn er bleibt mit seinen Leuten und diese Linie fortführt, wenn er dafür sorgt, daß Sportdirektor Matthias Sammer Rückendeckung bekommt, um die Ausbildung, das ganze System bis nach unten diesem Stil entsprechend zu reformieren, dann wäre das eine phantastische Sache für den deutschen Fußball.
Welche Rolle spielt die Fitness?
Rudi Völlers Team bei der WM vor vier Jahren war auch körperlich fit. Die Fitness ist nur eine Voraussetzung. Wichtiger ist, daß man Fußball spielt. Wichtiger vor allem für die Ausbildung. Das Schlimmste wäre, wenn nach dieser phantastischen Leistung bei der WM wieder jemand käme und das Physische über alles stellt. Wenn Gummibänder und Schnellkraftübungen und so weiter im Mittelpunkt stehen. Und nicht das Wichtigste: wie Jürgen Klinsmann Fußball spielen läßt. Das ist sein größtes Verdienst: daß mit ihm ein deutsches Team wieder herzerfrischenden Fußball spielt.
Ist das schon eine WM-Bilanz?
Nein, wir neigen dazu, das Grundfazit zu schnell zu ziehen. Noch haben wir Argentinien nicht geschlagen. Aber eins kann man schon jetzt sagen: Keine Mannschaft der Welt ist so gut vorbereitet zur WM gekommen wie wir. Von der Teambildung, vom komplizierten Übergang der Ligasaison auf die WM-Vorbereitung, von der körperlichen und psychischen Erholung, von der Spannkraft der Spieler.
Erkennen Sie darin schon einen Klinsmann-Stil?
Ja, es gibt wenige Mannschaften, in denen die Handschrift des Trainers so deutlich erkennbar ist. Ich halte sehr viel von Herrn Eriksson, doch im Spiel der Engländer vermag ich keine Handschrift zu erkennen. Es ist dort nicht zu sehen, wie die Stars gemeinsam spielen. Bei uns ist es das.
Also endlich die Wende zum Besseren?
Vorsicht. Berti Vogts hat schon 1995 gesagt: Wir haben Probleme bei der Nachwuchsarbeit, wir müssen etwas ändern. Ein Jahr später war er Europameister, und das Thema war vergessen. 2002 ebenso: Man wurde WM-Zweiter, und jeder, der den Finger hob und von Problemen sprach, war der Depp. Die Gefahr besteht nun wieder: Daß man den Erfolg feiert und die Probleme an der Basis vergißt. Ich habe die Befürchtung, daß man wieder vergißt, an wesentlichen Dingen unseres Fußballsystems zu rütteln.
Macht Klinsmann weiter?
Ich glaube, daß er weitermacht. Daß er sich einen Stoß gibt und mit Sammer eine vernünftige Aufgabenteilung findet. Das wäre für den deutschen Fußball eine Riesensache. Denn wir müssen sehen, daß der kurzzeitige Erfolg, den wir nun erleben, dazu genutzt wird, Weichen zu stellen. Wir brauchen in der Ausbildung auch die Wissenschaft, auch die Fitness. Aber vor allem müssen wir wieder mehr Fußball spielen.