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Uwe Gensheimer : Der Unbeugsame

Uwe Gensheimer: selbst im emotionalen Ausnahmezustand ruht er in sich Bild: dpa

Ein wahrer Leader: Auf Handballprofi Uwe Gensheimer ist Verlass - auch in einem emotionalen Ausnahmezustand. Sigurdsson gibt ihm die nötige Freiheit. Und die Mannschaft fängt ihn auf.

          Ein entlegenes Örtchen, etliche Kilometer außerhalb vom Zentrum Rouens. Und eine triste, grau anmutende Hotelanlage. Kaum Möglichkeiten zur Zerstreuung. „Es ist ein bisschen schade, dass man weg vom Schuss ist“, sagt Silvio Heinevetter über das Quartier, in dem das deutsche Handball-Nationalteam vorläufig bei der Weltmeisterschaft in Frankreich untergebracht ist. „Aber uns wird schon nicht langweilig“, behauptet der Torhüter aus Berlin. Uwe Gensheimer, 30 Jahre alt, wird sich darüber in diesen Tagen kaum Gedanken machen. Und vielleicht ist es jetzt sogar der geeignete Platz für ihn, womöglich weiß er die Abgeschiedenheit am Rande Rouens zu schätzen. Fernab von Lärm und von Trubel. Ein Rückzugsgebiet in einer schweren persönlichen Situation.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Samstag Vormittag, der deutsche Tross leistet Öffentlichkeitsarbeit. Mit Bundestrainer Dagur Sigurdsson, mit Bob Hanning, dem Vizepräsidenten des Deutschen Handball-Bundes, die ihre Genugtuung äußern über die gelungene Ouvertüre gegen Ungarn. Und mit allen Spielern, die sich ebenfalls weitgehend zufrieden zeigen nach dem 27:23-Sieg im ersten WM-Spiel und davon ausgehen, sich an diesem Sonntagnachmittag gegen Chile (14.45 Uhr, Liveticker bei FAZ.NET) deutlicher durchzusetzen. „Es war viel Licht und ein bisschen Schatten“, sagt der herausragende Torhüter Heinevetter, „ein Auftakt nach Maß.“

          Gensheimer, dem ebenfalls eine Handball-Gala gelungen war mit dreizehn Toren gegen Ungarn, sagt nichts. Grüßt nur kurz im Vorübergehen und geht seines Weges. Es ist zu verstehen, dass er sich nicht äußern möchte, nicht Auskunft geben möchte über Treffer oder Taktik oder andere sportliche Themen. Das ist zwar nicht nebensächlich für ihn bei einem Turnier, das für ihn und seine Kollegen von großer Bedeutung ist.

          Gensheimer schützt sich selbst

          Dennoch würde es nicht in die Zeit passen, von Mikrofon zu Mikrofon und von Kamera zu Kamera gereicht zu werden, um das sportliche Geschehen zu analysieren oder gar mit Fragen zu seinem Innenleben konfrontiert zu werden. Gensheimer, der die Europameisterschaft in Polen wegen einer Verletzung verpasst hatte, schützt sich selbst, und der Handballverband hat eine Art Kokon für ihn gebildet, in dem Gensheimer sich geborgen fühlen kann. In dem er einen Freiraum genießt, der nun wichtig für ihn ist.

          So hatte ihm Sigurdsson selbstverständlich die Freiheit gelassen, nicht mit dem Team nach Rouen zu reisen, sondern erst einen Tag später, am Donnerstag, aus Mannheim kommend, am WM-Standort einzutreffen. Und es wird wohl auch so sein, dass Gensheimer in der kommenden Woche das Nationalteam vorübergehend verlassen und in die Heimat zurückkehren wird, zur Beerdigung seines Vaters, der vor einer Woche unerwartet gestorben war.

          Die Mannschaft fängt ihn auf: Gensheimers Vater ist kurz vor der WM gestorben
          Die Mannschaft fängt ihn auf: Gensheimers Vater ist kurz vor der WM gestorben : Bild: dpa

          Als Gensheimer am Donnerstag, nach einem mehrtägigen Aufenthalt bei seiner Familie, zum Team gestoßen war, stellten die Deutschen sich zu einem Kreis auf und drückten geschlossen ihr Mitgefühl mit Gensheimer aus. „Wir sind alle für ihn da“, sagt Patrick Groetzki, langjähriger Mitstreiter von Gensheimer bei den Rhein-Neckar Löwen, dem deutschen Meister, und nun auch sein Zimmergenosse in Rouen. Das heißt, dass jeder Hilfe zu leisten bereit ist. Und dem Trauernden auch Phasen der Ruhe, des Alleinseins lässt, falls das erforderlich ist.

          Allen nötigt Respekt ab, wie Gensheimer seine Rolle gegen die Ungarn ausfüllte, wie er aus sich herausging, als das Unternehmen Weltmeisterschaft begann. Als Kapitän, als Linksaußen, als sicherer Siebenmeterschütze. „Es ist beeindruckend, wie er sich auf solche Sachen konzentrieren kann“, sagt Groetzki. Er war allerdings nicht wirklich davon überrascht. Er kennt Gensheimer, der inzwischen bei Paris Saint-Germain unter Vertrag steht, schließlich zur Genüge, er weiß, was in ihm steckt. Einer der weltbesten Spieler auf seiner Position, eine Kämpfernatur. Ende des Jahres 2012 hatte Gensheimer zum Beispiel einen Achillessehnenriss erlitten, er war monatelang außer Gefecht - und führte die Löwen, deren Gesicht er lange war, bei einem glanzvollen Comeback zum Triumph im EHF-Pokal.

          Auf den Kaptän ist Verlass: 13 Tore im ersten WM-Spiel
          Auf den Kaptän ist Verlass: 13 Tore im ersten WM-Spiel : Bild: dpa

          Ein wahrer Leader, sagen sie im deutschen Lager über den Handballprofi Gensheimer, ein Unbeugsamer, einer, auf den Verlass ist, auch in einem emotionalen Ausnahmezustand. Torwart Andreas Wolff erwähnt eine „großartige Ansprache“ von ihm. Gensheimer habe dabei gesagt, dass er nicht anders als sonst behandelt werden möchte. „Er lässt uns seinen Schmerz nicht spüren“, sagt der Kieler Wolff, der Heinevetter gegen Ungarn den Vortritt lassen musste. Auch Heinevetter, zwei Jahre älter als Gensheimer, war in Polen nicht dabei, und es ist eine besondere Fügung, dass diese beiden erfahrenen Spieler jetzt die bestimmenden Figuren waren im Duell mit Ungarn. Heinevetter aber verweist auf das Gemeinschaftswerk und sagt: „Uwe und ich sind extrem abhängig von allen anderen.“ Er selbst, so ist das zu interpretieren, vom Zusammenspiel mit der Abwehr. Und Gensheimer ist darauf angewiesen, bei den Angriffsbemühungen nicht links liegengelassen zu werden, im wahrsten Wortsinn. Heinevetter beschreibt das salopp so: „Er muss gefüttert werden mit Bällen, sonst verhungert er außen. Man braucht eine ganze Mannschaft.“

          Das war am Freitag zu erkennen, auf sportlichem Feld, und Gensheimer erlebt nun, was dieses Ganze als Kraftquell darüber hinaus bewirken kann. Für einen im Besonderen, der seine Balance, seinen Halt wiederfinden muss.

          Quelle: F.A.S.

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