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Handball-Nationalmannschaft : Die Furchtlosen starten in die WM

Tordrang: Nicht nur Kreisläufer Patrick Wiencek (l) scheut keinen Gegnerkontakt Bild: dpa

Deutschland ist wieder wer im internationalen Handball. Auch bei WM in Frankreich hat das Team glänzende Perspektiven. Am Freitag (17.45 Uhr) startet das Team gegen Ungarn ins Turnier.

          Mildes Wetter in Rouen, eher eine Art Frühlingserwachen statt Winter, in jedem Fall war das am Donnerstag so. Ein passender Rahmen, wie es schien, für die deutschen Handballspieler, die sich an diesem Freitag mit dem Auftaktspiel gegen Ungarn (17.45 Uhr/ live auf der Seite eines Sponsors und im F.A.Z.-Liveticker) in ihr nächstes Abenteuer stürzen, beseelt von dem Wunsch, ein neues Hoch zu erleben.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Trotz mancher Widrigkeiten, trotz einer Umgestaltung des Nationalteams auf einigen Positionen wegen Verletzungen oder Absagen von Spielern, die sich lieber von der ewigen Hatz durch die Handballhallen ein bisschen erholen wollen, statt nun bei der Weltmeisterschaft in Frankreich anzutreten.

          Vertrauen des Trainers

          Kein Problem, sagt der scheidende Bundestrainer Dagur Sigurdsson. Der Isländer, den es nach diesem Turnier nach Japan zieht, bleibt auch in diesem Fall gelassen, er vertraut seinem Team, das unter seiner Anleitung gewachsen ist im vergangenen Jahr und sich jetzt selbstbewusst der frischen Herausforderung stellt. Mancher der furchtlosen Deutschen spricht sogar forsch vom Titelgewinn. Torhüter Andreas Wolff, einer der Aufsteiger im deutschen Handball, gehört zu diesem Kreis. Der Kieler sagt: „Wir bereiten Dagur damit hoffentlich den Weg gen Osten.“ Mit einem goldenen Abschiedsgeschenk also.

          Sigurdsson selbst formuliert das Ziel, ganz nach seiner Art, zurückhaltender. Er sagt nur, diesmal besser abschneiden zu wollen als bei der Weltmesse des Handballs im Jahr 2015 in Qatar, bei der die Deutschen Siebte geworden waren. „Top sechs, das wäre mir sehr lieb.“ Damals war Deutschland nur durch eine Wildcard des Internationalen Handballverbandes zugelassen worden, derzeit ist ein solcher Winkelzug nicht mehr notwendig. Deutschland ist inzwischen wieder wer im internationalen Handball: Europameister, Olympia-Dritter, eine angesehene Handball-Nation, mittendrin in der Phalanx der Großen. Und damit nun auch hoch gehandelt in Frankreich.

          Letztes Turnier: Dagur Sigurdsson mit seinem Team bei der Vorbereitung aufs erste WM-Spiel
          Letztes Turnier: Dagur Sigurdsson mit seinem Team bei der Vorbereitung aufs erste WM-Spiel : Bild: dpa

          Sigurdsson muss auf Europameister wie Christian Dissinger, Hendrik Pekeler und Martin Strobel verzichten, die sich eine Auszeit genommen haben. Steffen Weinhold oder Fabian Wiede fehlen, weil sie Blessuren kurieren müssen. Dennoch sagt der Isländer: „Ich mache mir keinen Kopf.“ Er kennt solche Situationen aus dem vergangenen Jahr, und er hat immer wieder eine Lösung in vermeintlich schwierigen Lagen gefunden. „Im Kader ist Bewegung“, sagt Sigurdsson, und es klingt, als mache es ihm Spaß, an seiner Formation zu tüfteln, Neues zu kreieren.

          Hilfe aus dem Ruhestand

          Er wird, das steht nun fest, gegen Ungarn wieder auf Kapitän Uwe Gensheimer zurückgreifen können, der beim letzten WM-Test gegen Österreich nicht dabei gewesen war, weil kurz zuvor unerwartet sein Vater gestorben war und Gensheimer zu seiner Familie nach Mannheim fuhr.

          Womöglich wird Sigurdsson, sollte sein Team nach der Gruppenphase in Rouen mit fünf Spielen im Achtelfinale stehen, sogar einen Recken aus dem „Ruhestand“ holen: Holger Glandorf, der unlängst mehr als zwei Jahre nach seinem Rücktritt aus dem Nationalteam ein überzeugendes Comeback in Kassel gegen Österreich gab. Der Flensburger, der danach wieder in die Heimat reiste, könnte in Frankreich für Entlastung im deutschen Rückraum sorgen, wo Kai Häfner vorläufig der einzige Linkshänder ist. Glandorf, sagt Sigurdsson, sei ein Notnagel. Einer jedoch, der mit seiner enormen Erfahrung unter Umständen eine Menge bewirken könnte.

          So oder so werden den Deutschen glänzende Perspektiven bescheinigt zehn Jahre nach dem letzten WM-Triumph im eigenen Land. Der ehemalige Weltklassetorhüter Henning Fritz, Weltmeister von 2007, sagt zum Beispiel: „Die Mannschaft verkörpert alle Komponenten, die man braucht, um erfolgreich zu sein. Große Abwehrspieler, eine hohe Physis, ein sehr gutes Torwart-Duo, ein variabler Angriff. Dazu sind alle Spieler individuell sehr gut ausgebildet.“ Und der frühere Bundestrainer Heiner Brand betont: „Ich sehe keinen Schwachpunkt im deutschen Team.“

          Sigurdsson geht allerdings nicht davon aus, dass seine Spieler, die sich vor einem Jahr in Polen willensstark als „Bad Boys“ inszeniert hatten, gleich bei der Ouvertüre in Rouen ein Handball-Feuerwerk zünden werden. Er schätzt Ungarn als einen unangenehmen Widersacher ein. Der Isländer behauptet: „Mein Gefühl sagt mir, dass es eines unserer schwersten Spiele werden wird.“ Vielleicht nicht der schlechteste Prüfstein zum Auftakt gegen Ungarn an diesem Freitag. Weil diese Konstellation eine gute Möglichkeit bietet, umgehend auf Betriebstemperatur zu kommen bei dem Versuch, ein weiteres großes Werk zu schaffen.

          Der vorläufige deutsche Kader

          Daten zur WM Der vorläufige deutsche Kader: Tor: Silvio Heinevetter (Füchse Berlin), Andreas Wolff (THW Kiel). - Feldspieler: Uwe Gensheimer (Paris Saint-Germain HB), Finn Lemke (SC Magdeburg), Patrick Wiencek (THW Kiel), Tobias Reichmann (KS Vive Tauron Kielce), Steffen Fäth (Füchse Berlin), Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen), Kai Häfner (TSV Hannover-Burgdorf), Rune Dahmke (THW Kiel), Julius Kühn (VfL Gummersbach), Simon Ernst (VfL Gummersbach), Niclas Pieczkowski (SC DHfK Leipzig), Jannik Kohlbacher (HSG Wetzlar), Paul Drux (Füchse Berlin). Die deutschen Vorrundenspiele: 13.1.: Deutschland - Ungarn (17.45 Uhr) 15.1.: Chile - Deutschland (14.45 Uhr) 17.1.: Deutschland - Saudi-Arabien (17.45 Uhr) 18.1.: Weißrussland - Deutschland (17.45 Uhr) 20.1.: Deutschland - Kroatien (17.45 Uhr)

          Quelle: F.A.Z.

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