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Veröffentlicht: 22.01.2013, 19:57 Uhr

Handball-WM Selbstloser Durchbeißer

Stefan Kneer ist ein typisches Beispiel für die neue Qualität der deutschen Mannschaft bei der Handball-WM - kaum einer hatte viel erwartet, aber er wächst über sich hinaus.

von Erik Eggers, Barcelona
© AFP Kaum zu stoppen: Stefan Kneer erzielte gegen Mazedonien fünf Treffer

Er zählte bisher nicht zu den Stars des internationalen Handballs. Aber das Interesse an Stefan Kneer ist seit Sonntag spürbar gewachsen. Beim 28:23 im Achtelfinale der Weltmeisterschaft in Spanien gegen Mazedonien war der Siebenundzwanzigjährige vom SC Magdeburg mit fünf Treffern erfolgreichster Schütze, Kneers Meinung war plötzlich gefragt. Bisher war der Halblinke, der zu den sechs WM-Debütanten in der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) zählt, nicht allzu auffällig. „Das war harte Arbeit, auch wenn es wie ein sicherer Sieg aussah“, sagte Kneer am Montag im Hotel in Barcelona, bevor der DHB-Tross in den Mannschaftsbus stieg, um nach Saragossa überzusiedeln. Dort findet an diesem Mittwoch das Viertelfinale gegen Spanien (19 Uhr live im WM-Ticker bei FAZ.NET) statt.

Die Geschichte, die Kneer bei diesem Turnier erzählt, steht stellvertretend für die Geschichte der deutschen Handballer. Auch ihm wurde von vielen Beobachtern nicht zugetraut, den hohen Ansprüchen einer solchen Veranstaltung gerecht zu werden. Zu wenig ist er bislang international in Erscheinung getreten, obwohl er am Sonntag bereits sein 35. Länderspiel bestritt. Aber als Sven-Sören Christophersen (Füchse Berlin) sich gegen Mazedonien nach fünf Minuten am Knie verletzte, kam Kneer. „Er hat den Charakter, der die Eigenschaft des Teams personifiziert“, sagte Frank Carstens, der Assistenztrainer der Nationalmannschaft und Kneers Trainer in Magdeburg: „Stefan ist ein absoluter Mannschaftsspieler. Er denkt immer an das Kollektiv. Daran, den Erfolg der Mannschaft voranzutreiben.“

„Abwehr spielen macht auch Spaß“

Es war zuvor ein schweres Turnier für den Profi gewesen. Zunächst war er gesetzt im halblinken Rückraum, weil Christophersen sich nach einer Verletzung noch im Aufbau befand. Die Testländerspiele gegen Schweden waren schließlich gut verlaufen. Aber zu WM-Beginn agierte er ein paar Mal unglücklich im Angriff. Im Vorrundenspiel gegen Tunesien hatte er, hoch in der Luft stehend, einen Ball über das Tor geworfen - obwohl es frei war. Aber das, meint Carstens, sei doch normal. „Man darf nicht vergessen, dass es sein erstes großes Turnier ist. Eine WM ist etwas anderes als die Bundesliga. Es braucht einfach gewisse Erfahrungen.“

Bundestrainer Martin Heuberger hatte Kneer danach aufgemuntert und in fast jeder Partie vorwiegend in der Defensive eingesetzt. Und darüber hatte sich der Mann, der über Sinzheim, Eisenach, Balingen und Großwallstadt nach Magdeburg kam, wieder das nötige Selbstvertrauen geholt. „Abwehr spielen macht auch Spaß, wenn man sich damit wirklich befasst“, sagt Kneer. Er berichtete von dem Glücksgefühl, das sich einstelle, wenn man die Lieblingsbewegungen der Gegenspieler parieren könne, und dass er von der Vorbereitung des Bundestrainers profitiere. „Martin bereitet uns sehr gut auf die Lieblingstaktiken der Gegner vor.“ Überhaupt redet er in höchsten Tönen von dem Coach, den er schon lange kennt: 2004 ist er unter Heuberger Junioren-Europameister geworden. Er ist einer der zwölf Profis im aktuellen Kader, mit denen Heuberger schon lange zusammenarbeitet.

GERMANY VS. MACEDONIA © dpa Vergrößern Stefan Kneer (Mitte) jubelt mit seinen Mannschaftskollegen Steffen Wienhold und Oliver Roggisch

Das Wissen um Kneers Fähigkeiten in der Abwehr hatte Heuberger dazu bewogen, ihn für die WM zu nominieren - anstelle des nachdrängenden Christian Dissinger (Kadetten Schaffhausen). Der Bundestrainer glaubt sogar, dass Kneer irgendwann die Rolle von Abwehrchef Oliver Roggisch übernehmen kann. „Stefan ist in der Lage, in der Abwehr jeden Zweikampf zu gewinnen, er hat ein sehr gutes Spielverständnis“, lobt ihn auch sein Klubtrainer Carstens. „Ob er eine zentrale Figur werden kann, das muss sich zeigen.“ Freilich gehe es für Kneer im Angriff auch darum, „seine Entscheidungsqualität zu verbessern“. Also noch abgeklärter beim Wurf und Passspiel zu werden.

Kneer repräsentiert mit seiner mannschaftsdienlichen Art nicht nur die Homogenität in diesem Team. Er verkörpert auch den Mix aus Hunger und demonstrativer Lässigkeit, den vor allem die jüngeren Spieler durch die Erfahrungen aus den zurückliegenden WM-Partien entwickelt haben - speziell aus dem Erlebnis, Olympiasieger Frankreich besiegt zu haben. Selbst große Namen wie der des kommenden Gegners Spanien schüchtern Kneer nicht ein. „Was gibt es Schöneres, als gegen sie zu spielen?“, fragt er rhetorisch. Auch die Meinung vieler Experten, gegen die überlegene Physis der Auswahl des WM-Gastgebers könne das deutsche Team vermutlich kaum etwas ausrichten, kümmert ihn wenig. „Die Franzosen waren schöne Kanten, das haben wir auch gelöst“, sagt Kneer und verweist auf den modernen Tempohandball seines Teams. „Da gibt es keinen Grund, sich verrückt zu machen, wir wissen, was wir können.“

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Quelle: F.A.Z.

 

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