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Handball-WM Eine Extraportion Halt für die Unberechenbaren

Am Freitagabend beginnt die Handball-WM 2013: Oliver Roggisch soll der deutschen Defensive Stabilität verleihen. Doch auch der Weltmeister von 2007 präsentiert sich vor dem deutschen WM-Auftakt am Samstag gegen Brasilien noch schwankend.

© Christina Pahnke / sampics Vergrößern Manchmal kommt doch einer vorbei: Oliver Roggisch, zentrale Figur der deutschen Defensive

Es wirkte nicht besonders rasant, schon gar nicht elegant, eher ein bisschen staksig. Oliver Roggisch aber ließ sich nicht bremsen. Lief schnurstracks über das Spielfeld, nachdem er sich in der eigenen Abwehr den Ball geschnappt hatte, ließ ihn mehrere Male auf den Boden prellen und nahm schließlich erhobenen Hauptes Maß - und erfolgreich dazu.

Rainer Seele Folgen:  

Solche Momente haben Seltenheitswert im Leben des Handballprofis Roggisch, dessen Einsatzgebiet in der Regel begrenzt ist, auf den Raum vor dem Tor seiner Mannschaft. Wenn es zur Attacke übergeht, rennt er eigentlich flugs zur Bank, um Platz zu machen für eine Offensivkraft. Am Mittwoch aber, bei der Generalprobe in Stuttgart für die Weltmeisterschaft in Spanien, nutzte Roggisch die Gunst der Stunde, um sich zweimal als Torschütze in Szene zu setzen - die Dinge hatten sich in diesen Fällen zu schnell entwickelt, als dass noch Zeit für einen Spielertausch gewesen wäre. Roggisch auf dem Vormarsch - das war nach dem 35:25-Sieg über Rumänien selbst Bundestrainer Martin Heuberger einen Scherz wert: „Mit Olli Roggisch als Goalgetter - was wollen wir mehr?“

„Ich hätte mir ein bisschen mehr Biss gewünscht“

Dass dem 34 Jahre alten Haudegen von den Rhein-Neckar Löwen ein solches Kunststück demnächst auch in Spanien gelingt, ist nicht auszuschließen, aber kaum zu erwarten. In Stuttgart sagte er umgehend, dass er doch gut beraten sei, sich auf seine ursprüngliche Aufgabe zu konzentrieren. Auf die des Verteidigungsspezialisten, des Zerstörers. Das ist schließlich fordernd genug, zumal die Deutschen den letzten WM-Test zwar deutlich gewannen, dabei jedoch manche Mängel zeigten, vor allem in der Deckung.

Deutschland - Rumänien © dpa Vergrößern Ungewohntes Bild: Roggisch als Torschütze

Auch Roggisch sagte selbstkritisch, nicht ganz auf der Höhe gewesen zu sein. Er bezog das auf sich, aber auch auf die Defensive generell. „Ich hätte mir ein bisschen mehr Biss gewünscht, bei mir angefangen“, sagte Roggisch. Da mochte er selbst nicht mehr groß über seine beiden Treffer reden: „Wenn ich in der Abwehr besser stehe, kriegen wir hinten vier Tore weniger, und damit ist uns mehr geholfen als mit meinen zweien vorne.“

So machten sich die Deutschen am Donnerstag mit zwiespältigen Gefühlen auf die Reise zur WM, bei der am Samstag (16 Uhr/ live in der ARD) in Granollers Brasilien ihr erster Gegner sein wird. Sie scheinen sich selbst ein Rätsel zu sein - und immer noch nicht genau zu wissen, was in ihnen steckt. „Uns fehlt mal eine richtige Standortbestimmung. Wie es genau aussieht, wo wir gerade stehen in der Welt, das weiß niemand“, sagte etwa Spielgestalter Michael Haaß. Rumänien war kein wirklicher Maßstab; Heuberger und seine Spieler taten deshalb gut daran, das klare Ergebnis zu relativieren. „Der Gegner hat es zugelassen, dass wir mit zehn Toren gewonnen haben. Aber wir dürfen uns mit dem Spiel nicht ganz zufriedengeben“, sagte Roggisch.

Niederlagen sind nicht vergessen

Im Angriff gab es einige sehenswerte Aktionen, das konnte Heuberger zuversichtlich stimmen. Er glaubte, bisweilen sogar Spaß-Handball gesehen zu haben. Das erstaunte selbst den Bundestrainer ein wenig: „Darauf war ich nicht ganz vorbereitet. Dass die Rumänen, die nicht gerade vor Ehrgeiz sprühten, häufig zum Wurf kamen, ohne energisch bedrängt zu werden, musste dem Bundestrainer jedoch zu denken geben. Die Frage ist, wie schnell die deutsche Abwehr sich wieder stabilisieren lässt. Schon Heiner Brand hatte ein großes Augenmerk auf diesen Verbund gelegt, bei seinem Nachfolger Heuberger stellt sich das nicht anders dar. In diesem Bereich, egal, ob in einer 6:0- oder einer 5:1-Formation, verlässliches Handwerk zu bieten, gilt bei den Deutschen als Voraussetzung für ein erfolgreiches Spiel - mit der Möglichkeit, im besten Fall durch Gegenstöße, also auf schnellem Weg, zu Toren zu kommen.

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Roggisch ist zwar schon jenseits der 30, Heuberger hält ihn aber weiter für unverzichtbar als zentrale Figur in der Verteidigungslinie. Der Mannheimer, den der Bundestrainer „im dritten Frühling“ wähnt, soll in Spanien mit Haaß den Mittelblock bilden; die beiden sind für Heuberger erste Wahl. Haaß ist zwar nicht so robust wie Roggisch, verfügt aber über beträchtliche Erfahrung; das prädestiniert ihn für die Rolle des Aufräumers an der Seite von Roggisch. Diesen Part nimmt gelegentlich auch Kreisläufer Patrick Wiencek ein, allerdings mangelt es dem jugendlichen Koloss aus Kiel noch an Abgeklärtheit.

Deutschland - Schweden © dpa Vergrößern Erfahrene Stütze: Roggisch (r.) mit Teamkamerad Christoph Theuerkauf

Deutschland - unberechenbar? Heuberger auf alle Fälle neigt zur Vorsicht, obwohl sein Team die ersten drei Länderspiele im neuen Jahr ohne Niederlage überstanden hat. Aber noch sind Niederlagen Ende des Jahres 2012 wie jene gegen Montenegro nicht vergessen. Darauf wies der Bundestrainer nun auch in Stuttgart hin, kurz vor dem Beginn des Unternehmens Weltmeisterschaft. „Ich möchte nur acht Wochen zurückerinnern“, sagte Heuberger. „Da hatten wir eine ganz schmale Brust. Und deshalb werden wir sicherlich nicht Flügel bekommen, weil wir eine ordentliche Vorbereitung gehabt haben.“ Heuberger weiß die Defensive wirklich zu schätzen.

Namen und Daten zur Handball-WM
  • Das deutsche Aufgebot

Tor: Silvio Heinevetter (Füchse Berlin/84 Länderspiel/0 Tore), Carsten Lichtlein (TBV Lemgo/158/1). - Feld: Michael Haaß (FA Göppingen/98/151), Martin Strobel (TBV Lemgo/69/85), Sven-Sören Christophersen (Füchse Berlin/83/140), Stefan Kneer (SC Magdeburg/28/45), Steffen Fäth (HSG Wetzlar/5/5), Steffen Weinhold (SG Flensburg-Handewitt/34/62), Adrian Pfahl (VfL Gummersbach/45/130), Dominik Klein (THW Kiel/156/298), Kevin Schmidt (HSG Wetzlar/3/10), Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen/41/83), Tobias Reichmann (HSG Wetzlar/9/28), Oliver Roggisch (Rhein-Neckar Löwen/183/38), Patrick Wiencek (THW Kiel/30/47), Christoph Theuerkauf (HBW Balingen-Weilstetten/44/89).

  • Die Vorrundengruppen

Gruppe A, in Granollers, 12. 1.: Deutschland - Brasilien, Argentinien - Montenegro, Frankreich - Tunesien. - 13. 1.: Brasilien - Argentinien, Tunesien - Deutschland, Montenegro - Frankreich. - 15. 1. Tunesien - Montenegro, Deutschland - Argentinien, Frankreich - Brasilien. - 16. 1.: Brasilien - Tunesien, Deutschland - Montenegro, Argentinien - Frankreich. - in Barcelona, 18. 1.: Argentinien - Tunesien, Frankreich - Deutschland, Montenegro - Brasilien. - Gruppe B, in Sevilla: Chile, Dänemark, Island, Qatar, Mazedonien, Russland. - Gruppe C, in Saragossa: Polen, Saudi-Arabien, Serbien, Slowenien, Südkorea, Weißrussland. - Gruppe D, in Madrid: Ägypten, Algerien, Australien, Kroatien, Spanien, Ungarn.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 10.01.2013, 17:39 Uhr