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Handball-Bundestrainer Heuberger Zielscheibe der Zweifler

Kritiker sagen, dass Bundestrainer Martin Heuberger überfordert sei - auch derzeit bei der Handball-WM in Spanien. Er reagiert mit demonstrativer Ruhe, einige Spieler mit Unverständnis.

© dpa Vergrößern Auf der Suche nach dem Erfolg: Trainer Heuberger steht bei der WM gehörig unter Druck

Diese Hände. Zittern sie? Sie suchen jedenfalls sichtlich Halt. Sie wandern unruhig hin und her, sie wandern nach hinten, sie wandern nach vorn, während die deutsche Nationalhymne ertönt. Die Hände von Martin Heuberger belegen, mit welch großem Stress die Partien der deutschen Handball-Nationalmannschaft bei der WM in Spanien für den Bundestrainer verbunden sind. Auch sind viele Bewegungen des 48-Jährigen ungelenk, wirken fahrig, nervös. „Natürlich steht Martin hier gehörig unter Druck“, sagt Horst Bredemeier, der Vizepräsident Leistungssport im Deutschen Handballbund (DHB). „Auch wenn er weiß, dass man mit dieser Mannschaft nicht ganz vorn angreifen kann.“

Die Entscheidung darüber, wie dieses Turnier für den deutschen Handball verläuft, ist auch nach dem 23:25 gegen Tunesien offen. „Es kommt ja nicht auf dieses Spiel an, sondern darauf, dass wir ins Achtelfinale einziehen und dann ein gutes Spiel abliefern“, sagt Spielmacher Michael Haaß. Die Spieler konzentrieren sich nur auf die kommenden Aufgaben gegen den Panamerikameister Argentinien an diesem Dienstag (18.15 Uhr live im WM-Ticker bei FAZ.NET) und gegen Montenegro am Mittwoch. Die Stimmung ist: Wir können noch alles gewinnen.

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Aber in einigen Szenen war schon der Eindruck entstanden, dass alles verloren sei. Etwa in dem Moment, als Heuberger fast zusammenbrach, als der Schiedsrichter im Spiel gegen Brasilien einen technischen Fehler nicht sah. Da war Heuberger so fassungslos, dass Reinhold Roth, der erfahrene Physiotherapeut, sich genötigt sah, mit Gesten und Worten den Puls des Coaches zu senken. „Ruhig, Martin“, sagte Roth und fasste Heuberger an den Arm. Die Mannschaft führte zu diesem Zeitpunkt mit fünf Toren. Szenen wie diese sind es, die die Frage aufwerfen, ob diese Nervosität den Profis guttut. Ob der Trainer über die nötige Abgeklärtheit und Coolness verfügt, um in der immer wiederkehrenden Hektik der Spiele die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Die Spieler lächeln, wenn solche Fragen kommen, sie empfinden sie als abwegig. „Er war immer so. Das ist seine Persönlichkeit, das ist nun einmal in ihm drin“, sagt Patrick Groetzki, der Rechtsaußen, der Heuberger bereits aus seiner Zeit in der Juniorennationalmannschaft kennt. „Das zeigt, mit welcher Intensität und Emotionalität er das Spiel verfolgt und alle Aktionen miterlebt.“ Ganz ähnlich sieht es Steffen Fäth, auch er arbeitet mit Heuberger seit 2008. „Ich kenne ihn nicht anders. Er steckt alles rein. Er ist halt ein sehr emotionaler aber auch sehr offener Trainer. Und der Handball bedeutet ihm alles im Leben.“ Ein Ideal, wie sich ein Bundestrainer am Spielfeld zu geben hat, gebe es doch nicht.

Demokratischer Handball unter Heuberger

Das Erbe, das der Diplom-Verwaltungswirt aus der Ortenau angetreten hat, ist schwer. Schon vor seinem ersten großen Turnier bei den Männern, bei der EM 2012 in Serbien, wurde ihm der Job als Nachfolger der Legende Heiner Brand von einigen nicht zugetraut. Er sei nicht sicher, ob die Mannschaft den neuen Trainer „bedingungslos respektiert“, ließ der frühere Nationalspieler Stefan Kretzschmar damals wissen. „Ich glaube, dass man an vorderster Stelle jemanden mit einer ausgeprägten Persönlichkeit braucht.“

Heuberger pflegt jedenfalls einen anderen Führungsstil als sein berühmter Vorgänger. Er ging sofort auf die Klubs zu, an denen sich Brand über Jahre abgearbeitet hatte, er debattierte mit allen Akteuren über den Modus der zukünftigen Kooperation. Der ehemalige Kreisläufer pflegt diesen Stil auch im sportlichen Bereich. „Ich erwarte von den Profis, dass sie Vorschläge entwickeln, wie man einem Gegner beikommen kann“, so beschreibt er seine Vorgehensweise bei der taktischen Vorbereitung. Man kann es einen demokratischen Handball nennen, der Heuberger vorschwebt. Gewünschter Effekt ist, dass die Profis dadurch zwangsläufig mehr Eigenverantwortung entwickeln müssen.

Bild Heuberger In den richtigen Momenten die richtigen Lösungen? Heuberger nach der Niederlage gegen Tunesien © AFP Bilderstrecke 

Heuberger hat vor dem Turnier stets darauf hingewiesen, dass die Mannschaft viel Zeit und ein ruhiges Arbeiten brauche. „Dann kann sie irgendwann auch wieder Erfolge feiern.“ Vor dieser WM war es unruhig wie selten, und es wurde sogar darüber diskutiert, dass Heuberger nach dieser WM abgelöst werden könnte. Ihn selbst habe das gar nicht beschäftigt, versichert er. Da er sich auf den Sport konzentriere, habe er „keine Zeit für solche Stammtischdebatten“.

Aber ihm dürfte bewusst sein, dass die aktuelle Lage für ihn fast ausweglos ist. Dass er die öffentlichen Erwartungen mit dieser Mannschaft nie erfüllen kann. Dass ihm viele im deutschen Handball hinter vorgehaltener Hand ein schlechtes Coaching vorwerfen; speziell das EM-Qualifikationsspiele gegen Montenegro im Herbst hat ihn viel Kredit in der Szene gekostet. Das dürfte ihn, entgegen allen Versicherungen, nicht gerade beruhigen. Im Gegenteil.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 15.01.2013, 13:18 Uhr