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Handball-Bundestrainer Heuberger Der kleine Baumeister

Notgedrungen hat Bundestrainer Martin Heuberger die deutsche Handballmannschaft umgekrempelt. Wo es an Reife mangelt, soll Spaß helfen - auch beim ersten WM-Spiel gegen Brasilien am Samstag (16 Uhr).

© dpa Entschlossen: Bundestrainer Heuberger bemüht sich um ein neues deutsches Handball-Gefühl

Die Hände sind in Bewegung, nahezu immerfort, auch wenn sie nicht gebraucht werden, um Worte durch Gesten zu unterstreichen. Womöglich ein Zeichen von Nervosität, vielleicht aber auch von Tatendrang. Martin Heuberger behauptet jedenfalls, dass alles im Lot sei bei ihm. „Noch bin ich Herr meiner Sinne“, sagt er lächelnd. Allgemeine Verfassung also zufriedenstellend, wie es scheint, kein Bedarf an besonderen Maßnahmen. Heuberger könnte ohne weiteres Hilfe in Anspruch nehmen, das wäre überhaupt kein Problem, schließlich befindet sich momentan auch ein Sportpsychologe in seiner näheren Umgebung. Seine Dienste aber, sagt der Handball-Bundestrainer, benötige er nicht, zumindest nicht für sich selbst.

Rainer Seele Folgen:

Der Mann befasst sich ausschließlich mit der Nationalmannschaft. Es geht darum, ein weiteres Mittel einzusetzen, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Und um sie auch durch einen solchen Experten auf die Stresssituationen vorzubereiten, die bei der Weltmeisterschaft in Spanien auf sie zukommen werden. Möglicherweise bereits an diesem Samstag, obwohl der erste Gegner in Granollers ein sportliches Leichtgewicht ist, nämlich Brasilien (16 Uhr/ live in der ARD und im F.A.Z.-LIveticker). Heuberger jedoch betont: „Wir sind in keinem Spiel Favorit.“

Handball Nationalmannschaft Vorbereitungsspiel : Deutschland - Rumänien © sampics Vergrößern „Das Team ist intakt“: Martin Heuberger im Kreise seiner Spieler

Die Dinge sind, so oder so, nicht einfach für ihn. Immerhin steht nun sehr viel auf dem Spiel für sein Team, für den deutschen Handball generell. Heuberger ist gefordert, das angekratzte Image der Deutschen wieder ein bisschen aufzupolieren, unter vermeintlich schwierigen Bedingungen allerdings. Und nach unruhigen Zeiten mit Debatten über Absagen einiger gestandener Kräfte, die Heuberger bereits jetzt zu einem Umbruch in seinem Team gezwungen haben. Mit dem Fehlen der Flensburger Holger Glandorf und Lars Kaufmann oder der Verletzung von Uwe Gensheimer will der 48 Jahre alte Handball-Lehrer aus Schutterwald sich vorerst aber nicht mehr beschäftigen.

Heuberger hat mehrere jüngere Spieler nominiert

Er klammert diese Themen, weil die bevorstehenden Aufgaben in Spanien höchste Konzentration verlangen, schlichtweg aus. „Sie beschäftigen mich überhaupt nicht“, sagt Heuberger, „für mich sind sie ad acta gelegt.“ Könnte aber gut sein, dass er sie in einigen Wochen aufgreift, um seiner Sichtweise klar darzulegen. „Ich werde sie vielleicht nach der WM wieder hervorholen.“ Es gäbe grundsätzlich immer wieder viel zu sagen über den Zustand des deutschen Handballs, über seine Probleme, über das Verhältnis zwischen der Bundesliga und dem Nationalteam. Es ist enger geworden, seit Heuberger im Amt ist als Nachfolger des streitbaren Heiner Brand. „Ich habe einen sehr guten Draht zu vielen Trainern“, sagt Heuberger. Die Kontakte müssen trotzdem weiter intensiviert werden, zum Wohl auch des Nationalteams.

Heuberger, der einst die deutschen Junioren an die Weltspitze führte, hat dieses Team jetzt umgekrempelt, notgedrungen. Ist zu einem kleinen Baumeister geworden. Hat mehrere jüngere Spieler, teilweise mit geringer internationaler Erfahrung, nominiert. Natürlich, sagt er, hätte er auch der „alten Truppe“ vertraut. Und betont doch: „Es macht mir mit den Jungen noch mehr Spaß. Die wissen genau, wie ich ticke.“ Außerdem sorgen die früheren gemeinsamen Erfolgserlebnisse für eine spezielle Verbundenheit. Er wolle, sagt Heuberger, an diese Vergangenheit anknüpfen. Unter beträchtlicher Anspannung allerdings.

Freude und Spaß sind Kernpunkte seines Wirkens

Auf Heuberger, sagt Horst Bredemeier, Vizepräsident für Leistungssport im Deutschen Handball-Bund (DHB), laste großer Druck. Er stellt jedoch auch klar, dass der DHB uneingeschränkt an Heuberger glaube. „Er steht nicht zur Diskussion. Er ist ein ehrlicher, grundsolider Arbeiter, zu 100 Prozent.“ Dazu passt, dass Heuberger die Ziele in Spanien nicht zu hoch stecken möchte. „Das wäre“, sagt er, zumal bei einer Art Neubeginn, „vermessen. Das Team könnte daran zerbrechen.“ Er will ihm Gelegenheit geben, sich zu entwickeln, zu wachsen. Spricht häufig von Perspektiven für die Zukunft und davon, „Spitzenspieler zu formen, die wirklich wieder um Medaillen mitspielen“. Dieser Tage ist Heuberger gefragt worden, ob er denn bei einem Titelgewinn in Spanien vor lauter Überschwang zu Fuß quer durch den Schwarzwald wandern würde. Er ist sogar darauf eingegangen mit der Bemerkung: „Ich freue mich auf das Achtelfinale, alles andere lassen wir weg.“

Deutschland - Schweden © dpa Vergrößern Torhüter Silvio Heinevetter über die Stimmung in der deutschen Mannschaft: „Sie ist fast schon zu gut“

Freude, Spaß: Das sind ohnehin Kernpunkte seines Wirkens. Seine Mannschaft soll sie verinnerlichen. Soll in Spanien „Begeisterung an den Tagen legen und Handball zelebrieren“. Trotz fehlender Reife - oder vielleicht gerade wegen dieses Mankos. Heuberger hätte sich auch eine längere Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft gewünscht. Sie umfasste kaum mehr als ein Dutzend Trainingseinheiten. „Viel weniger“, sagt Heuberger, „geht wirklich nicht mehr.“ Dennoch ist er überzeugt, dass seine Spieler zusammengerückt seien. „Das Team ist intakt.“ Er spüre bei den Spielern sogar den Drang, erzählt der Bundestrainer, „etwas Überraschendes“ zu bewerkstelligen.

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Aber Heuberger wäre nicht Heuberger, wenn er nicht auch auf mögliche Gefahren hinweisen würde. Darauf zum Beispiel, dass es im Fall des Falles mit der guten Atmosphäre auch schnell vorbei sein könne. Was Spieler wie Torhüter Silvio Heinevetter, die schon einiges mitgemacht haben im Handball, offenbar ebenso empfinden. Heinevetter sagte kürzlich sogar über die Stimmung im deutschen Tross: „Sie ist fast schon zu gut.“ Das dürfte Heuberger, bemüht, einen frischen Handball-Stil zu kreieren, erst einmal aber kaum stören.

Quelle: F.A.Z.

 
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