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Handball-WM : Finn Lemke, der Zerstörer

Finn Lemke ist im deutschen Team zum Leistungsträger gereift. Bild: Reuters

Abwehrmann Finn Lemke hat eigentlich eine sehr stark ausgeprägte soziale Ader. Doch wenn er das Handballparkett betritt, ist plötzlich ein anderer Lemke zu erleben.

          Eigentlich ein Mann, der nicht unbedingt Angst und Schrecken einflößt. Zumindest, wenn man ihn nach seinen Gesichtszügen beurteilt. Ein sympathischer Eindruck, Vertrauen erweckend. Trotz seiner imposanten Erscheinung. Finn Lemke ist 2,10 Meter lang: überragend, im wahrsten Wortsinn. Und doch erdverbunden. Lemke besitzt eine ausgeprägte soziale Ader. Nicht die schlechteste Voraussetzung, um in einem Mannschaftssport wie dem Handball Fuß zu fassen. Das Gardemaß tut sein Übriges. Damit hat Lemke es zu einer wahren Größe gebracht im deutschen Handball. Er ist Europameister und Olympia-Dritter mit dem Nationalteam geworden, und jetzt soll ein weiterer Coup folgen. Die Deutschen brennen darauf, auch bei der Weltmeisterschaft in Frankreich eine Medaille zu holen. Eine schlagkräftige Einheit, mit Männern wie Lemke, die gewissermaßen eine Wand bilden - nur schwer zu überwinden für den Gegner. Das soll an diesem Sonntagabend in Paris im Achtelfinale auch Qatar zu spüren bekommen, der WM-Zweite von 2015. „Vollgas“, sagte Bob Hanning, der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes, am Samstag zur Devise der beflügelten Deutschen, „wir müssen ihnen weh tun, wir müssen das Bad-Boy-Image leben.“

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Dafür ist Lemke, Spieler des SC Magdeburg, ein geeigneter Mann. Wenn er das Handballparkett betritt, ist plötzlich ein anderer Lemke zu erleben. Einer, der alle Zurückhaltung ablegt und aus sich herausgeht - der kämpft und rackert, der energisch zupackt und im Fall des Falles auch laut werden kann. Ein erstaunlicher Wandel, den sein Kollege Hendrik Pekeler so beschreibt: „Wenn es um Handball geht, macht es klick bei ihm, und dann ist es ein anderer Typ.“ Ein Abräumer, der die Angreifer zermürben kann.

          Die Deutschen hatten dafür am Freitag in Rouen, in ihrem letzten Vorrundenspiel gegen Kroatien, ein prächtiges Beispiel geliefert. Sie errichteten bei ihrem bisher besten Auftritt in Frankreich ein Bollwerk, in dessen Zentrum der Abwehrspezialist Lemke und der herausragende Torhüter Andreas Wolff standen. Das war die Basis für den überzeugenden 28:21-Sieg gegen die Kroaten, mit denen man zuvor bei großen Turnieren stets enorme Mühe gehabt hatte. Und es war ein Mutmacher für die bevorstehende Prüfung gegen Qatar (Sonntag 18.00 Uhr / Live im Handball-WM-Ticker bei FAZ.NET). „Das Gesamtpaket“, sagte Hanning, „ist schwer zu besiegen. Die Kroaten haben sich an uns die Zähne ausgebissen.“

          Lemke (links) zeigt stets vollen Einsatz.
          Lemke (links) zeigt stets vollen Einsatz. : Bild: EPA

          Das Meisterstück der Deutschen vom Freitag erinnerte sogar an Polen, an das EM-Finale in Krakau gegen Spanien, in dem die Deutschen ebenfalls mit einer außerordentlichen Vehemenz in der hinteren Reihe ihre Widersacher zur Verzweiflung getrieben hatten. Auch damals waren Lemke und Wolff Galionsfiguren im Team von Bundestrainer Dagur Sigurdsson. Und es konnte als ein weiterer Beleg dafür betrachtet werden, dass Titel im Handball vor allem durch eine exzellente Deckung gewonnen werden.

          Der gebürtige Bremer Lemke ist in der Defensive ein wesentlicher Bestandteil des sogenannten Mittelblocks. Dabei handelt es sich um den Kern der Verteidigung. Ein Fall für zwei: Lemke an der Seite des ebenfalls robusten Kielers Patrick Wiencek oder des Mannheimer Nachrückers Pekeler, der wie der Flensburger Rückraumspieler Holger Glandorf gegen Kroatien seinen WM-Einstand gegeben hatte. Auf Pekeler war auch in Polen Verlass gewesen, jetzt soll er helfen, dem Team im Verbund mit Lemke zusätzliche Stabilität zu verleihen. Der Kreisläufer hatte ursprünglich seinen Verzicht auf die WM erklärt, um sich ein bisschen Ruhe zu gönnen - und folgte nach einem Urlaub auf Mauritius doch prompt dem Ruf von Sigurdsson. Er sei, sagte Pekeler am Freitag, ins kalte Wasser geworfen worden. Er ging keineswegs unter, Pekeler gelangen sogar drei Tore. „Er hat seinen Mann gestanden“, sagte Rechtsaußen Patrick Groetzki, der wie Pekeler bei den Rhein-Neckar Löwen unter Vertrag steht, „das war richtig gut.“ Auch der Isländer Sigurdsson äußerte sein Wohlwollen, er sagte: „Es ist genau mein Ding, wenn alle alles für die Mannschaft machen.“

          Lemke kommt kaum einmal in den Genuss, sich als Torschütze feiern zu lassen, er ist im Prinzip ein reiner Zerstörer. Mit dem einzigen Auftrag, den Gegner zu bremsen, ihn in Schach zu halten. Wenn sein Team auf Offensive umschaltet, ist sein Job erledigt: flugs wieder runter vom Feld, Lemke muss dem Treiben dann von der Bank aus zuschauen. Das ist in der Regel in Magdeburg so und im Nationalteam, aber wenigstens in der Bundesliga möchte Lemke künftig auch ein anderes Gesicht zeigen. Er wechselt deshalb nach dieser Saison zur MT Melsungen, in der Hoffnung, dort häufiger auch im Angriff eingesetzt zu werden. „Ich habe diese Qualität“, sagt er.

          Bei Sigurdsson ist Lemkes Rolle klar definiert: dicht machen sozusagen, ohne Kompromisse. Lemke akzeptiert das ohne Murren, zum Wohl des Teams. Auch wenn er dabei höchst selten den Ball in die Hände bekommt. Aber es gibt schließlich höhere Interessen. „Es ist etwas anderes“, sagte der Funktionär Hanning am Samstag, „ob man für ein Land oder für sein Land spielt.“ Ein Hinweis auf das „gekaufte“ Team Qatars - und in gleichem Maß auf den Zusammenhalt der Deutschen. Mit einem wie dem wehrhaften Lemke als eine Art Frontmann.

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          Quelle: F.A.S.

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