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„Ball im Netz“ Der siebte Mann

Bundestrainer Heuberger muss bei der Handball-WM auf innovative Taktiken setzen, um mit Deutschland zum Erfolg zu kommen. Nur darf er dabei nicht Angst vor der eigenen Courage bekommen. Ball im Netz: Die FAZ.NET-Analyse.

© REUTERS Vergrößern Ball im Netz: Die FAZ.NET-Analyse der Handball-WM

Wer ein Spiel nicht dominiert, muss innovativ sein, um den Gegner vor schwierige, möglichst unlösbare Aufgaben zu stellen. Das gilt bei der derzeit laufenden Weltmeisterschaft auch für die deutsche Handball-Nationalmannschaft, da sie nicht mehr mit überragenden Einzelkönnern gesegnet ist. Um mangelnde Klasse auszugleichen bedarf es taktischer Kniffe des Trainers – oder zumindest unkonventioneller Maßnahmen.

Bei aller Kritik an seinem Coaching muss sich Bundestrainer Martin Heuberger zumindest nicht den Vorwurf gefallen lassen, nichts auszuprobieren. So brachte er beim Stand von 21:23 gegen Tunesien (Endstand 23:25) einen siebten Feldspieler für den Torwart, um eine Überzahlsituation zu schaffen. Mit dem siebten Mann setzt der Handballtrainer alles auf eine Karte, um bei knappem Rückstand den Ausgleich oder Siegtreffer zu erzwingen.

Chance, ins leere Tor zu werfen

Vorausgesetzt, die Spieler besitzen die notwendige Reife und Abgeklärtheit für diese Variante, die sie sich in unzähligen Trainingseinheiten aneignen müssen. „Und da beginnt das Problem für die deutsche Handball-Nationalmannschaft“, sagt Rolf Brack, Trainer des Bundesligaklubs HBW Balingen-Weilstetten. „Wie sollen Spieler in nur 13 Übungseinheiten eine 7:6-Überzahl aufeinander abstimmen?“

Heubergers Entscheidung ging im Spiel gegen Tunesien nur teilweise auf: Aus drei 7:6-Situationen erzielte das deutsche Team zwei Tore. Allerdings verspielte Steffen Fäth kurz vor Schluss in Überzahl die mögliche Wende, „als er ohne jede Torgefahr einen Sprungwurf andeutete und sein hektisches Abspiel bei Martin Strobel in der Mitte nicht ankam“, so Brack.

Tunesien setzte zum Konter an – der großen Gefahr bei der 7:6-Variante: Dem Gegner eröffnet sich die Option schneller Tempogegenstöße und die Chance, den Ball ins leere Tor zu werfen. Deutschland musste den Angriff mit einem taktischen Foul unterbinden und das Spiel war gelaufen. Die Entscheidung Heubergers sei dennoch richtig gewesen, meint Brack, Sportwissenschaftler der Universität Stuttgart, weil die Effektivität deutlich über der durchschnittlichen Erfolgsquote von Positionsangriffen (40 Prozent) gelegen habe.

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Brack praktiziert den siebten Feldspieler in Balingen seit Jahren erfolgreich, weil er sie mit seinen Spieler in „tausenden Einheiten“ einstudiert hat. Der siebte Mann steht bei dieser Variante meist als zweiter Kreisläufer an vorderster Front und soll „den zweiten Abwehrspieler“ binden. Setzt nun ein Rückraumspieler zum Sprungwurf an, muss der gegnerische Defensivspieler das Abwehrzentrum verlassen und es bietet sich die Möglichkeit eines Anspiels auf einen der beiden Kreisläufer. Bei der Nationalmannschaft sind dies der Kieler Patrick Wiencek und Christoph Theuerkauf, der die Abläufe aus seiner Arbeit in Balingen bestens kennt. Eine andere Option ist das schnelle Anspiel auf den Mittelmann, der dann – ohne in den Zweikampf gehen zu müssen – mit einem Schlagwurf aus dem Rückraum schnörkellos draufhalten kann, „wenn ihm der Gegner eine Wurffalle anbietet“.

Aufmacher-Bild Strobel Der Bundestrainer und sein „siebter Mann“: Heuberger (links) im Gespräch mit Strobel © dpa Bilderstrecke 

Ein Treffer sei unabhängig von der Konstante zwischen den Pfosten, dem Torwart, nicht zwangsläufig, schildert Brack. „Die Lücke, die herausgespielt wird, ist mitunter nicht breiter als dreißig Zentimeter.“ Und durch diese muss ein Handball mit dem Durchmesser von knapp 15 Zentimeter bei rasanter Spielgeschwindigkeit erst einmal durchpassen. Mit Martin Strobel hat Heuberger für diese Variante einen erfahrenen Mann. „Aber warum“, fragt Brack, „hat er gegen Tunesien nicht schon früher darauf gesetzt. Wir bringen manchmal schon nach zehn Minuten den siebten Mann, wenn wir sehen, wir haben es heute mit einem vermeintlich stärkeren Gegner zu tun.“

Schon vor der Halbzeit hätten sich genügend Optionen geboten, „diesen Vorwurf kann man Heuberger machen“. Die 7:6-Überzahl biete der deutschen Mannschaft, die im Kollektiv nicht mehr zu den Topnationen zählt, im weiteren Verlauf der WM die Chance, um Abwehrreihen vor Probleme zu stellen – auch im Spiel an diesem Dienstag gegen Argentinien (18.15 Uhr live im WM-Ticker bei FAZ.NET).

Deutschland könne die Argentinier, die eine offensive Deckung bevorzugen, damit an den Kreis binden und physische Größenvorteile ausspielen. Zumindest, falls der Bundestrainer wieder genügend Mut aufbringt.

Ball im Netz: Die FAZ.NET-Analyse der Handball-WM

Quelle: FAZ.NET

 
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