11.03.2009 · Untätige Verbände in der „Affäre Kiel“ - weder die Europäische Handball-Föderation (EHF) noch der Deutsche Handball-Bund (DHB) sehen sich in der Pflicht. Dabei müsste, wer nichts zu befürchten hat, doch an Aufklärung interessiert sein.
Von Rainer SeeleDie Angelegenheit ist äußerst bedenklich, aber sie ist auch bizarr. Sie enthält eine Menge Sprengstoff, doch sie trägt auch die Züge einer Soap. Schließlich steckt hinter der Affäre, in die der THW Kiel nun geschlittert ist und die dem Klub und dem Handball an sich bereits enorm schadete, eigentlich eine Privatfehde.
Vermutlich wäre jetzt nicht von schweren Betrugsvorwürfen im Handball die Rede, wenn in Kiel im vergangenen Jahr nicht ein Männerbund zerbrochen wäre, wenn der Manager Uwe Schwenker und der Trainer Zvonimir Serdarusic sich nicht überworfen hätten. Dafür waren in erster Linie private Gründe ausschlaggebend, es ging um einen Zwist, der mit dem Ende von Schwenkers Ehe zu tun hatte.
Rachegelüste im kleinen Kreis?
Darauf müsste in der Öffentlichkeit zwar nicht eingegangen werden – allerdings hat die Geschichte, die Schwenker und Serdarusic entzweite, eine Bedeutung für die heftigen Turbulenzen in diesen Tagen. Serdarusic also hatte Kiel verlassen müssen, er wollte bei den Rhein-Neckar-Löwen in Mannheim anheuern, und vielleicht gab er in kleinem Kreis nun auch aus Rachegelüsten ein explosives Wissen preis.
Das ist lediglich eine kuriose Facette in einem Fall voller Merkwürdigkeiten. Die Dinge hatten sich rasant entwickelt in den vergangenen Tagen, es drangen erstaunliche Details an die Öffentlichkeit, die den gesamten Handball erschüttern könnten (siehe: Korruption im Handball: Niemand wird verpfiffen). Aber wie reagiert der Handball, was unternehmen seine Verbände?
Vor allem verblüfft die EHF
Sie äußern sich nur allgemein zur Sache, sprechen floskelhaft von Bestürzung – und tragen doch nichts zur Aufklärung bei. Die Handball-Bundesliga war zwar flugs eingeschritten, doch genauso so schnell versuchte sie, die brisante Akte wieder zu schließen. Der Deutsche Handball-Bund lässt offiziell überhaupt nichts von sich hören, er entrüstet sich noch nicht einmal.
Vor allem aber verblüfft das Verhalten der Europäischen Handball-Föderation (EHF), in deren Zuständigkeit die Champions League fällt. Sie bleibt immer noch defensiv, obwohl massive Hinweise auf Schiebung im Europapokal nicht allein aus Deutschland kommen. Obwohl es damit gute Gründe gäbe, selbst die Initiative zu ergreifen und Nachforschungen anzustellen. Aber das überlässt die EHF, zumindest in Sachen Kiel, nun offensichtlich lieber der Staatsanwaltschaft, sie soll gewissermaßen die Drecksarbeit erledigen (siehe: Ermittlungen gegen Schwenker und Serdarusic: Räuber und Gendarm).
Auffällige Diskrepanz
Wer nichts zu befürchten hat, müsste ein großes Interesse daran haben, der Sache auf den Grund zu gehen. Er müsste herausfinden wollen, ob im Handball tatsächlich ein System der Korruption existiert, wie es häufig heißt. Aber die betroffenen Gremien des Handballs halten sich zurück. Damit zeigt sich auch eine auffällige Diskrepanz zwischen einer administrativen Seite des Handballs (siehe: Handball: Die Kieler und der Pharao) und dem Handballsport generell, der – bei professionalisierten Strukturen – zu einem Hochgeschwindigkeitsspiel geworden ist.
Ach ja, die EHF bewegt sich doch ein bisschen, das soll keineswegs unterschlagen werden. Sie verweist darauf, dass der Slowake Jozef Ambrus im Fall Kiel als „Initiator of Proceedings“ aktiv werden könnte, falls Fakten vorlägen. Ambrus ist fürwahr ein Fachmann, er kenne sich, so ist zu hören, in der Szene bestens aus. Er war früher ja auch Schiedsrichter.