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25:23 gegen Dänemark : Die deutsche Traumreise geht weiter

Ein großer Jubelkreis: Das deutsche Team steht nach dem Sieg über Dänemark im Halbfinale Bild: dpa

Dem furiosen Schlussspurt sei Dank: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft schlägt im letzten Hauptrundenspiel der EM die Dänen 25:23 und zieht ins Halbfinale ein. Dort wartet nun ein anderes Überraschungsteam.

          Ein denkwürdiger Abend in Breslau, ein zauberhafter Abend für den deutschen Handball. Und die deutschen Nationalspieler veranstalteten umgehend eine große Sause auf dem Parkett: Sie waren außer Rand und Band nach dem letzten Hurra in der Hauptrunde der Europameisterschaft, nach dem 25:23-Sieg über Dänemark, der sie in das Halbfinale an diesem Freitag in Krakau gegen Norwegen (18.30 Uhr / Live in ARD oder ZDF und im Handball-EM-Liveticker auf FAZ.NET) katapultierte, die überraschend deutlich Welt- und Europameister Frankreich aus dem Turnier warfen. Mancher hatte zwar davon geträumt, doch sehr groß schienen die Aussichten zunächst nicht zu sein, vor allem wegen zahlreicher Ausfälle. Mit jugendlicher Unbekümmertheit aber, mit einem unerschütterlichen Glauben an sich selbst überwanden die Deutschen bisher alle Hindernisse. Eine wahre Einheit, auch als ein deutsches „B-Team“. Das soll so weitergehen.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Aber ob Deutschland nun auch alles haben kann, wie 2004, als es in Slowenien Europameister geworden war? Daran zu denken, sagte Kapitän Carsten Lichtlein, könne hemmen. Er empfahl pure Vorfreude auf das Halbfinale – das erreicht zu haben, sagte Lichtlein, sei schon ein Wunder. Bundestrainer Dagur Sigurdsson nannte es eine Sensation. „Wir haben einfach unser Ding durchgezogen, es war eine grandiose Leistung.“

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          Handball-Deutschland obenauf, Deutschland wie in einem Märchenland. Allerdings hatte Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes, bereits vorher hochzufrieden Bilanz gezogen. Was Deutschland in Polen erreicht habe, sagte der Berliner, „ist gigantisch“. Der frühere Bundestrainer Horst Bredemeier, jetzt als Funktionär in Minden tätig, sieht in den Deutschen vielleicht die „größte Überraschung“ dieses Turniers. „Das kann eine Mannschaft werden, die wieder eine große Ära des deutschen Handballs einläutet.“

          Vorteil Deutschland? Weil Dänemark einen Doppelschlag bewältigen musste, weil es noch am Dienstag, beim 28:28 gegen Schweden, stark gefordert war? Bundestrainer Sigurdsson wusste natürlich zu schätzen, dass seine Auswahl einige Tage Pause hatte vor dem Showdown in der Hauptrunde. Trotzdem: „Wir haben genau so viele Spiele in den Beinen.“ Und die Deutschen hatten wesentlich größere personelle Nöte als ihr Gegner, sie traten am Mittwoch gewissermaßen mit ihrem letzten Aufgebot an. Hatten im Schnellverfahren die Neuankömmlinge Kai Häfner und Julius Kühn integrieren, sie an den Rhythmus ihres Spiels gewöhnen müssen. Aber selbstverständlich war immer auch allgegenwärtig, was Deutschland so beflügelt hatte in Breslau – der Teamgeist. „Er wohnt hier im zweiten Stock“, hatte Torhüter Carsten Lichtlein dieser Tage im Teamhotel gesagt – der „Spirit“ hatte sich also im Flur mit den Zimmern der Deutschen eingenistet.

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          Und die Neuen besitzen ja auch ihre Fähigkeiten. Der Hannoveraner Häfner, im rechten Rückraum anstelle des verletzten Steffen Weinhold vorgesehen, kam immerhin mit der Empfehlung von 110 Treffern nach Breslau; er ist damit in dieser Saison der beste Feldtorschütze der Bundesliga. Sigurdsson hatte sein Team jedoch mit Fabian Wiede beginnen lassen, der seine Qualitäten in Breslau schon gezeigt hatte.

          Die Deutschen gerieten zwar gleich in Rückstand, kamen aber schnell wieder auf. Mit ihrem Eifer in Deckung – und einem aufmerksamen Tormann Andreas Wolff – machten sie den Dänen schwer zu schaffen. Gelegentlich praktizierte Deutschland sogar eine doppelte Manndeckung, zum Beispiel wurde Mikkel Hansen eine solche Bewachung teil. Und Sigurdssons Team schaffte es tatsächlich, die Dänen zu Unsicherheiten, zu Fehlern zu verleiten. Der Favorit wankte, er sah sich beträchtlichem Widerstand ausgesetzt.

          Hansen, der Mann mit der wilden Mähne und dem weißen Stirnband, der gegen Schweden fünfmal getroffen hatte, war nicht immer zu stoppen. Er verdeutlichte einige Male seine enorme Wurfkraft. Aber Steffen Fäth offenbarte ebenfalls eine beachtliche Treffsicherheit. Der Wetzlarer, der auf insgesamt sechs Tore kam, war eine große Stütze im Rückraum, er erzeugte eine Menge Druck auf der linken Seite, er war eine herausragende Erscheinung. Auch Häfner erhielt seine Chance in der Offensive, während der Gummersbacher Hüne Kühn vorwiegend Aufgaben in der Verteidigung übernahm. Deutschland hatte zwischendurch gar einen Vorsprung von zwei Toren, lag nach dem ersten Teil dieses Breslauer Handballabends dennoch 12:13 zurück – auch weil der dänische Torwart Niklas Landin den Deutschen mehrmals in die Parade gefahren war.

          Kein Anlass natürlich für Deutschland, an Mut einzubüßen. Es bot Dänemark die Stirn, unverdrossen. Mit einem reaktionsschnellen Wolff, mit all dem Behauptungswillen, der sich in Breslau von Anfang an offenbart hatte. Auch Häfner hatte Selbstvertrauen genug, Verantwortung zu übernehmen und sich als Schütze einzubringen, ebenso Kühn. Es war wieder ein packendes Handball-Schauspiel in Breslau. Mit Hochspannung in den Schlussminuten, als Siebenmeterspezialist Tobias Reichmann das 24:23 erzielte und Wiede auf 25:23 erhöhte und Wolff sich noch einmal als Meister seines Fachs entpuppte – und das Werk endgültig vollbracht war. Feierabend danach, buchstäblich. Und Entspannung schließlich bei einem „Italiener“ in Breslau. „Die Emotionen auf dem Spielfeld waren Wahnsinn“, sagte Kühn. „So wie wir uns heute präsentiert haben, ist es schwer, uns zu schlagen.“ Die Traumreise geht in jedem Fall weiter.



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