http://www.faz.net/-gtl-8d0k7

Europameister 2016 : Deutschland ist auf dem Handball-Gipfel

So sehen Sieger aus: Die deutschen Handballer nach dem Gewinn des EM-Titels. Bild: dpa

Was für ein unglaubliches Spiel! Die deutschen Handballer deklassieren Spanien im Finale und sichern sich nebenbei die Olympia-Teilnahme. Vor allem ein Spieler zeigt eine sensationelle Leistung beim Gewinn des EM-Titels.

          Das ist der Gipfel, buchstäblich. Handball-Deutschland schwebt auf Wolke sieben, Deutschland strahlt wie lange nicht mehr. War seit Tagen schon der große Renner bei der Europameisterschaft in Polen, ist seit Sonntag endgültig wieder das Maß der Dinge auf dem Kontinent: Gold für eine Nationalmannschaft, die „keiner auf dem Schirm hatte“, wie ihr Delegationsleiter Bob Hanning sagte. Die aber kämpfte, die rackerte, voller Emotion, voller Leidenschaft und Hingabe und damit allen Widrigkeiten trotzte. Und am frühen Sonntagabend völlig aufgewühlt den ganz großen Wurf feierte.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die Deutschen sind die Champions – welch ein Knalleffekt beim Showdown in Krakau. Sie tanzten ausgelassen schon vor dem Abpfiff, und sie ließen nach dem souveränen 24:17 im Finale über Spanien ihren Hochgefühlen endgültig freien Lauf. Ein letzter Kraftakt bei diesem Turnier, der sich wahrhaft lohnte. Der den ersten Titel seit dem WM-Triumph 2007 im eigenen Land bescherte. Und mit dem neuen Wintermärchen erfüllte sich auch gleich ein Sommerwunsch für das Team von Bundestrainer Dagur Sigurdsson: Olympia, wir kommen. Die Reise nach Brasilien ist seit dem traumhaften Sonntag gesichert.

          Die Glorreichen – und die Frühreifen: Deutschland war mit einem jungen, mit einem wegen der immensen Verletzungsserie zwangsläufig neu formierten Team in Polen angetreten. Und entpuppte sich trotzdem als die größte Überraschung dieser europäischen Handballmesse. Dass damit neue, hohe Erwartungen verknüpft werden könnten, betrachtet Hanning ganz gelassen: „Man soll jeden Erfolg mitnehmen.“ Auch wenn nicht mit ihm hatte kalkuliert werden können. Ehre, wem Ehre gebührt.

          Der Mann des Abends: Der deutsche Torwart Wolff hielt unglaublich viele Bälle. Bilderstrecke
          Das Finale in Bildern : Ein deutscher Triumphzug

          Die deutschen Handballer, die am Sonntagabend in Krakau nach all den Anstrengungen bei einem „Italiener“ entspannten, hatten bereits am Samstag das Vergnügen, von der Bundeskanzlerin beglückwünscht zu werden. Angela Merkel übermittelte Bundestrainer Sigurdsson telefonisch ihre Anerkennung. An diesem Montag, gleich nach der Rückkehr aus Polen, wird sich das Team in Berlin von den heimischen Fans hochleben lassen; die Party wurde vor einigen Tagen schon geplant.

          Handball ist wieder in Mode in Deutschland - und wie groß das Ansehen des Nationalteams nun ist, verdeutlicht auch die Besetzung des All-Star-Teams der EM, die am Sonntag einige Stunden vor dem Finale bekanntgegeben wurde. In diese Auswahl wurden zwei Deutsche aufgenommen, Torhüter Andreas Wolff, am Sonntag eine herausragende Erscheinung, und Rechtsaußen Tobias Reichmann, der sich bei diesem Turnier als Siebenmeterschütze einen Namen gemacht hat.

          Der Optimismus, mit dem die Deutschen in das Duell mit Spanien gegangen waren, war, wie sich am Sonntag herausstellte, begründet. Sie hatten sich fest vorgenommen, sich nicht noch einmal, wie in der Vorrunde in Breslau, von diesem Gegner schlagen zu lassen. Und hatten sich für den Sonntag die Devise zurechtgelegt: „Wir für Gold.“ Und dieser Antrieb war von der ersten Minute an zu spüren. Deutschland lieferte ein prächtiges Gemeinschaftswerk ab, vor allem in der Verteidigung, in der der Wetzlarer Wolff der große Rückhalt war.

          Die deutschen Abwehrrecken packten rigoros zu und ließen sich auch durch etliche Zeitstrafen nicht stoppten. Sie demonstrierten wilde Entschlossenheit, das war in erster Linie bei dem Magdeburger Hünen Finn Lemke zu erkennen. Sigurdssons Team ließ in den ersten 30 Minuten des Finales sogar nur sechs spanische Treffer zu, ein höchst erstaunlicher Wert. Es gab allerdings auch eine andere Besonderheit: Reichmann, der in Polen bei Vive Kielce unter Vertrag steht, patzte beim Siebenmeter, insgesamt zweimal. Aber das steckte Deutschland leicht weg.



          Das Team strebte danach, diesen Sonntag partout zu vergolden. Und übte permanent Druck auf die Spanier aus. Die Deutschen konnten auf den „Hexer“ Wolff bauen, der eine Erfolgsquote von 48 Prozent hatte. Auf die bemerkenswerte Treffsicherheit des nachnominierten Linkshänders Kai Häfner, der sieben Mal traf und umgehend zu einer festen Größe im Nationalteam wurde. Auf ihren unerschütterlichen Teamgeist. Dieser Zusammenhalt trug sie durch diese EM, und er zermürbte am Sonntag Spanien, das letztlich hilflos wirkte in Anbetracht der „deutschen Wand“.

          Deutschland war bisher einmal Europameister geworden, 2004 in Slowenien. Damals war es allerdings einer der Favoriten. Nun gelangten die Deutschen sozusagen aus dem Hinterhalt ganz nach oben. „Eine unglaubliche Leistung“, sagte Hanning. Sie ließ Sigurdssons Aufsteiger am Sonntag in einen kollektiven, grenzenlosen Glückstaumel eintauchen.

          Handball : Deutschland ist Europameister

          Quelle: FAZ.NET

          Weitere Themen

          Der Angriff der Schwergewichte

          MT Melsungen : Der Angriff der Schwergewichte

          Nach fünf Spielen steht die MT Melsungen in der Handball-Bundesliga auf Tabellenplatz zwei. Der Verein setzt bei seinem unerwarteten Höhenflug auf eine besondere „Philosophie“.

          Streit um Unabhängigkeitsreferendum geht weiter Video-Seite öffnen

          Katalonien : Streit um Unabhängigkeitsreferendum geht weiter

          In Barcelona sind abermals Hunderte Demonstranten auf die Straße gegangen, die für eine Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien sind. Anlass war diesmal, dass sich Vertreter der katalanischen Regionalregierung vor einem Gericht verantworten müssen.

          Topmeldungen

          SPD-Wahlkampffinale in Aachen : Er rettet, was zu retten ist

          Nach Monaten der Euphorie glaubt fast niemand mehr an einen Wahlsieg der SPD. Trotzdem bringt Martin Schulz bei seinem letzten großen Wahlkampfauftritt seine Kampagne in Würde zu Ende – „egal, was morgen rauskommt“.
          Selfie mit dem Popstar der Politik: Lindner mit junger Anhängerin

          Nähe und Ferne zur CDU : Das Dilemma der FDP

          Bei seinem Wahlkampfabschluss zeigt sich die Zwickmühle für Christian Lindner und seine FDP: Vielleicht können die Liberalen bald mitregieren. Doch, ob das auch gut für sie wäre, weiß nicht einmal der Vorsitzende.
          Alois Karl (in blauer Steppjacke) auf Wahlkampftour in Ebermannsdorf

          Die CSU im Wahlkampf : Der schwarze Alois und die AfD

          Die Oberpfalz ist der CSU seit Jahrzehnten treu. Doch die AfD könnte auch hier die politischen Verhältnisse durcheinanderbringen. Wie gehen die Christsozialen mit der Konkurrenz von rechts um? Ein Ortsbesuch.

          40 Jahre nach dem Terrorherbst : Die „Landshut“ ist zurück in Deutschland

          Die Lufthansa-Maschine „Landshut“ ist zurück nach Deutschland gebracht worden. Vor 40 Jahren hatten Terroristen das Flugzeug entführt und den Piloten erschossen. Jetzt soll die „Landshut“ in ein Museum – aber ein Konzept gibt es noch nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.