17.02.2012 · Die Berliner Füchse machen von sich reden - vor dem schwierigen Auswärtsspiel in Madrid, ist die K.O.-Runde in der Champions League möglich. Für noch mehr Aufsehen sorgt allerdings die Kritik am deutschen Handball-Verband.
Von Michael Reinsch, BerlinBesondere Spiele erfordern besondere Vorbereitung. Iker Romero, der Weltklasse-Handballprofi von den Füchsen Berlin, hat in den vergangenen Tagen viel Zeit auf der Geschäftsstelle verbracht, um Fans die Reise zum Champions-League-Spiel bei Atletico de Madrid zu organisieren. Er verspricht ihnen nicht nur einen angenehmen Aufenthalt in seiner alten Heimat, sondern auch ein gutes Spiel seines Berliner Teams. „Ist schwer“, sagte er in frisch erworbenem Deutsch, „aber alles ist möglich.“
Um die Möglichkeit zu vergrößern, aus dem Sonn- einen Feiertag für die Berliner zu machen, schonte Füchse-Trainer Dagur Sigurdsson im Alltag seine Besten. Romero, einst mit der spanischen Auswahl Weltmeister, saß, als das Ost-Derby gegen den SC Magdeburg am Mittwochabend begann, mit hoch geschlossener Trainingsjacke auf der Bank neben Denis Spoljaric, Olympiasieger und Weltmeister mit der kroatischen Auswahl. Die Stars der Füchse hatten am Sonntag ihren Teil zum Sieg über Medwedi Tschechow beigetragen, der ihnen die Chance eröffnet, mit einem Heimsieg über Silkeborg Ende des Monats das Achtelfinale des internationalen Wettbewerbs zu erreichen. „Normalerweise hätte ich Romero nicht gebracht“, sagte Sigurdsson nach der Partie.
Doch als seinem Team in der zweiten Halbzeit der Vorsprung von fünf Toren entglitt, „da ist Iker gekommen und hat uns über die schwierige Phase geholfen“. Fünf Tore steuerte der Spanier in 25 Minuten Spielzeit zum 24:20 bei und hielt seine Mannschaft damit auf dem zweiten Platz der Bundesliga. Spoljaric bekamen die 8700 Zuschauer nicht zu sehen, jedenfalls nicht am Ball. Er soll seine angegriffenen Achillessehnen kurieren. „Wir gehen sicher nicht nach Madrid, um zu verlieren“, versprach er nach Spielschluss. Ob die Chancen auf einen Erfolg bei der Mannschaft, die als Ciudad Real drei Mal allein die Champions League gewann, durch seine Pause gestiegen seien? Da wurde Spoljaric einsilbig: „Ja.“
Füchse-Kapitän Torsten Laen hat mit Ciudad Real noch vor drei Jahren Meisterschaft, Pokal und Champions League gewonnen. „Wenn sie uns unterschätzen, haben wir eine Chance“, sagt der Däne. „Sonst leider nicht.“
Auch Füchse-Erfinder und -Manager Bob Hanning teilt zwar gern seine Begeisterung über den Aufschwung seines Teams. In dieser Woche hat er, auch dies dank einiger Telefonate von Romero, den russischen Linkshänder Konstantin Igropulo vom Champions-League-Sieger FC Barcelona für die nächsten drei Spielzeiten verpflichtet. Doch die Vorfreude auf internationale Handball-Galas, die mit dem Spiel am Sonntag in Madrid beginnen könnten, unterläuft Hanning.
„Mir sind die Spiele gegen Magdeburg und in der kommenden Woche gegen Wetzlar wichtiger als das gegen Madrid“, behauptet er. „Um im nächsten Jahr international spielen zu dürfen, müssen wir in der Bundesliga mindestens Fünfter werden. Wir dürfen nicht den Blick fürs Machbare verlieren.“ Hanning hat Sorge, dass die Belastungen seine Spieler gesundheitlich überfordern. „Wenn sich jetzt jemand verletzt, kommen bei uns nur noch A-Jugendliche“, warnt er.
Den Blick fürs Machbare fordert er auch von Deutschem Handball-Bund (DHB) und Handball-Liga. Das Scheitern der Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft und der Olympiaqualifikation hat Hannings Überzeugung nach strukturelle Mängel des Handballs in Deutschland deutlich aufgezeigt. In der vergangenen Woche veröffentlichte er deshalb ein Positionspapier, das er mit der These überschrieb: „Amateurs hope - professionals work“. Um aus der Hoffnung von Ehrenamtlern planbare Arbeit zu machen, fordert er, Verband und Liga hauptberuflich zu führen, Experten an die Beantwortung von Zukunftsfragen zu setzen. Wohl auch deshalb hat er seinen Rücktritt vom Ehrenamt des Vizepräsidenten der Liga angekündigt.
Was den Mann treibt, ist sein Engagement für die Jugend. Für den Schritt vom Nachwuchs in die Bundesliga und womöglich auch den internationalen Wettbewerb fordert er etwa eine Quote. Immer noch ist er, der ehemalige Bundesligatrainer und Assistent des früheren Bundestrainers Heiner Brand, mit Leidenschaft Jugendtrainer. Zur Bundesligapartie am Mittwochabend kam er direkt aus der Trainingshalle. „Ehrlich gesagt: Ich mache das nicht für meine Vollprofis“, sagt er über sein Papier und sein streitbares Engagement, „sondern für meine Jugendlichen, für meine Idee von einem Verein.“
Silvio Heinevetter, Torwart der Berliner und der Nationalmannschaft, war nach der Europameisterschaft den Präsidenten des DHB, Ulrich Strombach, verbal angegangen und hatte ihn indirekt zum Rücktritt aufgefordert. Als Hanning sein Papier präsentierte, wirkten die Attacken Heinevetters im Rückblick wie der Auftakt einer konzertierten Aktion, das Präsidentenamt sturmreif zu schießen. „Ich habe keine Ambitionen auf ein Amt im Verband. Ich mache das alles nicht, um Schlagzeilen zu produzieren, sondern um Leute wachzurütteln“, widersprach Hanning am Mittwoch. „Ich bin Handball-Fan.“ Er dürfte sich, bei aller Sorge um die Zukunft, so allmählich auch auf das spanische Wochenende mit Iker Romero freuen.