22.06.2004 · Zwei Tore des 18 Jahre alten Stürmers entscheiden die Partie gegen Kroatien. Nach dem 4:2 treffen die Engländer im Viertelfinale auf Gastgeber Portugal. Auch Titelverteidiger Frankreich ist weiter.
Die Rooney-Schau geht weiter, doch in die Hysterie um „Wunderknabe“ Wayne Rooney mischte sich auch Bestürzung über den Tod eines englischen Fußballfans. Am Tag nach dem glorreichen 4:2-Sieg über Kroatien, der die „Löwen“ im Viertelfinale am Donnerstag auf EM-Gastgeber Portugal treffen läßt, hatten die Momente der Betroffenheit im englischen Camp aber kaum eine Chance gegen die ekstatische Begeisterung in der Heimat.
„Wunder Wayne. England rockt im Rooney-Rhythmus“, jubelte der „Daily Express“. Der zurückhaltende Teammanager Sven-Göran Eriksson ließ sich von der Rooney-Manie mitreißen und adelte den 18jährigen Teenager zum größten Talent seit Pelé.
„Er schießt nicht nur Tore, er spielt auch Fußball“
Als der Stürmerstar, der bereits beim 3:0 gegen die Schweiz zwei Mal getroffen hatte, nach 71 Minuten im Estadio da Luz in Lissabon für Darius Vassell den Platz verließ, huldigten die rund 40.000 englischen Fans ihrem Fußball-König mit donnerndem Applaus. Rooney durfte noch den Pokal als „Mann des Spiels“ abholen, ehe er ohne weiteren Kontakt mit den Medien auf „Geheimwegen“ ins Hotel kutschiert wurde. Dort war am Dienstag nach Auskunft von Verbandssprecher Colin Gibson die Stimmung „etwas bedrückt, obwohl der schreckliche Vorfall wohl nichts mit Fußball zu tun hat“.
Eriksson hielt am Abend zuvor eine Lobeshymne auf Rooney, der nach Kroatiens Führung durch den Berliner Hertha-Star Niko Kovac (5.) England mit zwei Treffern (45.+1/68.) auf die Siegerstraße geschossen hatte. Paul Scholes (40.) und Frank Lampard (79.) schmückten mit weiteren Toren die Rooney-Gala. „Ich kann mich nicht an einen Spieler erinnern, der seit Pelé bei einem großen Turnier so eine Rolle gespielt hat“, schwärmte der Schwede, „Wayne ist absolut fantastisch. Er schießt nicht nur Tore, er spielt auch Fußball.“
„Rooney steht vorne wie eine Eiche“
Auch Englands Yellow Press zog den Vergleich mit dem genialen Brasilianer, der bei der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden als 17jähriger die Fußball-Welt verzauberte. „Pelé II. Roo lähmt die Kroaten“, titelte „The Sun“. In Faro stimmte Rudi Völler in die Lobeslieder mit ein. „Rooney steht vorne wie eine Eiche und geht trotzdem geschickt mit dem Ball um. Er ist nur schwer zu fällen“, sagte der DFB-Teamchef. Auch aus den eigenen Reihen hagelte es nur Komplimente. „Wayne ist Europas bester Spieler“, meinte Gerrard. „Er hat es verdient, in den Schlagzeilen zu stehen. Wayne ist wunderbar. Ich hoffe nur, er bleibt auf dem Boden“, sagte David Beckham.
Der Kapitän kümmert sich wie ein Vater um das Supertalent. Auch Eriksson sorgt sich um den Hitzkopf vom FC Everton, „doch das Temperament gehört zu seinem Spiel“. Der bullige Stürmer, mit seinen wuchtigen Attacken das Symbol für Englands mächtigen „Power“-Fußball, will seinen Charakter nicht ändern, „dann wäre ich nur die Hälfte wert“. Nach dem zweiten Doppelpack und Platz eins in der Torschützenliste mit vier Treffern hat Rooneys letzter Marktwert von umgerechnet 76,2 Millionen Euro keinen Bestand mehr. Ganz Europa soll hinter ihm her sein, verriet Barcelonas Chef Joan Laporta auf einem Sponsorentermin, und Berichten englischer Zeitungen zu Folge soll Rooney-Manager Paul Stretford in engen Verhandlungen mit Chelseas schwerreichem Boß Roman Abramowitsch stehen.
Otto Baric hört auf
Zunächst aber soll das Stürmer-Juwel Englands Krone gegen Portugal verteidigen. „Das wird schwer. Portugal ist eine komplette Mannschaft mit Ausnahmespielern wie Figo, Ronaldo oder Nuno Gomes“, meinte Eriksson, „aber wenn wir so wie gegen Kroatien spielen, sind wir kaum zu schlagen.“
Dank Rooney traut Otto Baric den Engländern sogar den EM-Titel zu. „Er ist außergewöhnlich, aber kein Phänomen“, erklärte der 71jährige Trainer-Veteran, der sich mit dem Vorrunden-K.o. als kroatischer Nationaltrainer verabschiedete: „Der Verband will den Vertrag verlängern, aber ich will nicht.“
Kroatien - England 2:4 (1:2)
Kroatien: Butina - Simic (67. Srna), Robert Kovac (46. Mornar), Tudor, Simunic - Rosso, Niko Kovac, Zivkovic, Rapajic (55. Olic) - Prso, Sokota
England: James - Gary Neville, Terry, Campbell, Ashley Cole - Beckham, Gerrard, Lampard (84. Phil Neville), Scholes (70. King) - Owen, Rooney (72. Vassell)
Schiedsrichter: Pierluigi Collina (Italien)
Tore: 1:0 Niko Kovac (5.), 1:1 Scholes (40.), 1:2 Rooney (45. +1), 1:3 Rooney (68.), 2:3 Tudor (73.), 2:4 Lampard (79.)
Zuschauer: 63.000
Gelbe Karte: Simic