29.05.2001 · Ausdauersport steigert die Durchblutung des Gehirns, ist von Vorteil fürs Nervensystem. Deshalb bringt die richtige Mischung aus Denk- und Ausdauersport auf lange Sicht „Ganzkörper-Fitness“.
Im Alter zwischen 25 und 30 Jahren sausen die Gedanken mit Turbotempo durch das Hirn, danach gehe es mit der Leistung bergab. Die Folge: Das Gedächtnis kapituliert vor der Informationsflut.
„Kein Grund zur Verzweiflung“, sagt Roland Rupprecht von der Uni Erlangen: „Diese Klippe kann man schaffen“, weiß er nach den Erfolgen seiner Testgruppen mit dem SIMA-Programm.
Konzentration und Geschwindigkeit
Ein Jahr lang mussten 375 Testpersonen in kleinen Gruppen wöchentlich etwa anderthalb Stunden lang trainieren. „Ziel des SIMA-Trainingsprogramms ist die Vermittlung von Gedächtnisstrategien, um die nachlassenden Fähigkeiten zu kompensieren“, erklärt Rupprecht.
Hierbei werden Konzentration und Geschwindigkeit trainiert, dies sind die beiden Säulen des Programms. Ergänzend dazu vermitteln die Psychologen ihren Teilnehmern Wissen über das Gedächtnis. „Es gibt ganz unterschiedliche Funktionen, die auch unterschiedlich schnell altern“, sagt Rupprecht. Die besten Ergebnisse hatten übrigens jene Teilnehmer erzielt, die zu der Grips-Gymnastik auch ihre körperliche Fitness trainierten.
Bewegung verbessert die Gehirnleistung
Die These des Zusammenhangs zwischen körperlicher und geistiger Fitness bei Jung und Alt existiert schon lange, konnte jedoch erst in den letzten zehn Jahren wissenschaftlich bewiesen werden.
Ausdauersport steigert die Durchblutung des Gehirns, ist erwiesenermaßen von Vorteil fürs Nervensystem. Deshalb werden in US-Experimenten intelligente Kinder zum Sport „gezwungen“, weil Bewegung die Zahl der Synapsen (Verbindungen der Nervenzellen) steigert.
Umgekehrt wirkt sich Bewegungsmangel bei Kindern negativ auf Körperdichte, Muskelmasse und Fettanteil aus. Die richtige Mischung aus Denk- und Ausdauersport bringt folglich auf lange Sicht „Ganzkörper-Fitness“.
Auch im Alter kann man sich noch steigern
Zu überraschenden Ergebnissen gelangten die Potsdamer Kognitionspsychologen Reinhold Kliegl und Doris Philipp bei einer Versuchsreihe mit Senioren. Nach sechs Monaten Gedächtnistraining ließen sich ihre Gedächtnisleistungen auf ein Niveau bringen, dass selbst die Studienleiter alt aussehen ließ. „Bei der Gesichtererkennung haben die uns bei weitem übertroffen“, stellt Philipp neidlos fest.
Allerdings hätten sich die Testpersonen diese Gabe hart erarbeiten müssen. Ein halbes Jahr lang mussten sie sich in täglichen Sitzungen etliche Bilder von Gesichtern einprägen. „Das war schwierig, weil die am Computer erstellten Portraits einander sehr glichen“, beschreibt Philipp das hohe Anforderungsprofil dieser Trainingsaufgabe.
Lücken im Langzeitgedächtnis
Zu Beginn des Trainings müsse jeder herausfinden, wo seine persönlichen Schwächen liegen. In den meisten Fällen sei es nicht das Langzeitgedächtnis, das Lücken aufweist. Das funktioniere oft bis ins hohe Alter gut, stellt der Experte fest. Ganz anders sei die Sache beim Kurzzeitgedächtnis: „Es ist oft so, dass die Leute sich an vieles aus ihrer Kindheit erinnern können, aber nicht mehr wissen, was sie gestern gemacht haben.“
Ähnliche Erfahrungen haben Gerontowissenschaftler um Wolf Oswald und Roland Rupprecht von der Uni Erlangen mit ihrem 1991 begonnenen SIMA-Projekt gemacht. Meist liege das Problem am Übergang zwischen den Erinnerungsfunktionen. Die Informationen schafften den Sprung vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis nicht mehr. Warum das so ist, wisse niemand genau. Mit Zellenabbau habe das nichts zu tun. Möglicherweise hängt es mit der Nervenleitgeschwindigkeit im Gehirn zusammen, vermutet der Experte.