Sein für April geplantes Comeback ist endgültig geplatzt: Denn Profiboxer Graciano Rocchigiani, zu sportlichen Hochzeiten Welt- und Europameister, hat den vorläufigen Tiefpunkt seines Lebens erreicht.
Die Talfahrt führte ihn aus dem offenen Straf-Vollzug in Heiligensee vorübergehend in die Bonhoeffer- Nervenheilanstalt, im Berliner Volksmund auch „Bonnys Ranch“ genannt. Der geschlossene Vollzug in Tegel soll jetzt vorerst „Rockys“ Endstation sein.
Psychologisches Gutachten: „Gefährlich“
Der 38-Jährige mit juristisch relevanter Vergangenheit sitzt seit 29. Januar wegen zahlreicher Verkehrs-Delikte. Eine Psychologin stufte Rocchigiani als „gefährlich“ ein. Verbale Attacken gegen Mitgefangene während der Box-Übertragung der ARD im Fernsehen führten zu den neuen Maßnahmen gegen den zu einem Jahr Haft verurteilten Halbschwergewichtler. Die Handschellen klickten, der Boxer wurde zunächst in die Psychiatrie überwiesen.
„Ich werde alles versuchen, ihn da rauszuholen. Ich bin mit Anwälten in Kontakt“, sagte am Mittwoch Eva Rolle, die sich als Box- Veranstalterin in ihrer Boxschule in Oberschöneweide auch um problematische Jugendliche und Freigänger kümmert. Sie betreut vier Profis und 50 Nachwuchs-Boxer.
Ausraster vor dem Fernseher
„Bei der Übertragung der Europameisterschaft Häußler gegen Catley am Samstag ist bei 'Rocky' sicher wieder vieles aus seiner Karriere hochgekommen. Er fühlte mit dem benachteiligten Catley - Wie oft wurde Graciano im Ring betrogen?“, fragte die Gönnerin („Er ist wie ein verletztes Tier“), die mit ihm am 13. April einen Kampf veranstalten und ihm so wieder eine Perspektive bieten wollte.
Zu Milde und Freigang für ihren Schützling wollte sie die Justiz auch mit einem Leumundsschreiben des neuen Wirtschaftssenators Gregor Gysi (PDS) bewegen. Da noch ein schwebendes Verfahren gegen ihn wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt läuft, wird der Berliner aber ohnehin keinen Hafturlaub erhalten.
Rocchigianis Rückschläge
Sportlich und privat hatte Rechtsausleger Rocchigiani, alles andere als stromlinienförmig und leicht vermarktbar wie beispielsweise Henry Maske, viele Rückschläge zu verkraften. An vielen war er selbst schuld. Er prügelte sich mit Polizisten, lebt von seiner „großen Liebe“ und Ehefrau Christine getrennt, hat eine uneheliche Tochter und wurde von Punktrichtern, Funktionären und Veranstaltern immer wieder hinters Licht geführt.
Die Schlaglichter seiner fragwürdigen Niederlagen waren die verlorenen WM-Kämpfe gegen Dariusz Michalczewski am 10. August 1996, Henry Maske (27. Mai 1995) und den Engländer Chris Eubank (5. Februar 1994). Sein letzter gewonnener WM-Titel gegen den Amerikaner Michael Nunn wurde ihm vor vier Jahren nach dem regulären Sieg am Grünen Tisch wieder abgenommen.
Die Machenschaften nahmen den Sohn eines sardischen Eisenbiegers und einer Schöneberger Hausfrau, seit 1983 im Geschäft, erheblich mit. Auch die Millionen, die er zu Zeiten des Maske-Booms noch mitkassierte, konnten ihn nicht trösten oder besänftigen. Ohnehin sind sie inzwischen wohl verprasst.